Das Gehen ist für viele Menschen etwas so Alltägliches, dass man der Tätigkeit kaum Beachtung schenkt. Tomas Espedal ist hingegen ein beinahe professioneller Geher, zu Fuß unterwegs in halb Europa, findet die Poesie dieser Bewegung aber auch im Gang zum Laden an der Ecke.

Ein wildes und poetisches Leben – wer will das nicht führen? Man kann das erreichen, es ist ganz leicht, verheißt der Titel dieses Buchs, indem man einfach geht. Gehen, eine eigentlich ganz einfache und alltägliche Fertigkeit, die von den meisten Menschen sehr früh erworben wird, wird hier zum Aufbruch und Ausweg. Wie schafft man das, in dieser eigentlich selbst eintönigen und langsamen Fortbewegungsart?
Tomas Espedal, der Autor des Textes, ist natürlich kein gewöhnlicher Durchschnitts-Geher. Gekleidet in Anzug und Doc Martens durchschreitet er Europa – seine norwegische Heimat, Griechenland, die Türkei, Deutschland und Österreich und eigentlich jede Strecke, die sich zu Fuß bestreiten lässt. Er trägt nur das Nötigste, dazu gehören immer Alkohol und Zigaretten, und nächtigt unter dem freien Himmel. Mit Zelt und Isomatte müht er sich nicht ab, es sieht blöd aus, wenn man so vollgepackt ist und dazu ist er schlicht zu eitel. Er gefällt sich im Habitus des Wandermanns, mit verdreckten Hosen und wildem Bart, frei und ungebunden und verpflichtet nur dem Weg. Oder eben nicht: Denn das Gehen braucht eigentlich gar keinen Weg, es schafft ihn sich.
Espedals Buch über das Gehen ist eine Meditation über die Fortbewegungsart, die für ihn zur Notwendigkeit geworden ist, das er als Heilmittel für sich selbst entdeckt hat. Nur im Gehen lässt es sich wirklich denken, während man die Poesie darin vielleicht erst finden muss, wenn die Füße schmerzen und die Sonne sticht. Er will sie finden und er findet sie, selbst in der kurzen Strecke, die er zu Hause fast jeden Tag geht, um im Laden an der Ecke mehr Zigaretten und Alkohol zu kaufen.
„Womöglich gibt es nichts Schöneres als einen guten Pfad. einen schmalen und ausgetrampelten Weg durch den Wald, über die Berge, von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof.“
S. 187
Seine größeren Reisen sind keine durchgeplanten Wanderungen. Er verlässt sich grob auf Karten, notfalls auch schlechte, und auf die Tatsache, dass man meistens am Wegesrand ohnehin die besseren Tipps bekommt. Er schlägt sich durch, verbringt schlaflose und kalte Nächte, findet am Ende doch immer den Weg und denkt und denkt und denkt nach. Unter anderem darüber, wie sich ein Buch über das Gehen schreiben lässt, wie man die statische Arbeit am Schreibtisch mit dieser Tätigkeit unter einen Hut bringen soll.
Gehen ist eine Meditation über das Gehen an sich und über die anderen Künstler, die vor Espedal gegangen sind. Rimbaud, Wordsworth, Chatwin, Rousseau. Es ist auch ein Bericht über Espedals vergangene Reisen, über seine Freunde, die mit ihm gegangen sind, und die, die er unterwegs getroffen hat und über die Abenteuer am Wegesrand. Der Text ist eine Mischung aus philosophischer Betrachtung, kulturgeschichtlicher Einordnung, Reisereportage und Autobiographie. Er liest sich tatsächlich wie eine Wanderung, keine sehr schwere, die hier und da eine neue Landschaft, einen neuen Blick eröffnet. Das Buch lädt ein, sich auf den Prozess des Gehens einzulassen, auf die Veränderungen, die es mit sich bringt. Und das bequem vom Sofa wo, so weiß der Autor, die Reise beginnt, sobald man sich davon erhebt.



3 Antworten zu „Wildheit und Poesie – Gehen“
Ich gehe auch viel zu Fuß, würde aber jetzt nicht unbedingt behaupten, deshalb ein besonders wildes und poetisches Leben zu führen. Vielleicht mache ich es einfach falsch. 😉
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Es ist eine Betrachtungssache, nehme ich an. Ich habe mich auch nicht sehr wild gefühlt, als ich gestern das Klopapier vom Rossmann nach Hause getragen habe. Dabei lag überall so viel überfrorener Schneematsch, dass es schon ein bisschen abenteuerlich war.
Auf jeden Fall ist es wilder und poetischer als in der Straßenbahn. Fangen wir klein an!
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Poesie in einem Gesicht
kann den Reisenden
in der Strassenbahn
in einem Augenblick
wie ein Blitz treffen
wovon der Schmerz
durch das Nimmerwiedersehen
in der Erinnerung
nicht mehr zu tilgen ist
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