David Foster Wallace: Schrecklich amüsant aber in Zukunft ohne mich

schrecklichamuesantIm Auftrag des Harper’s Magazine machte David Foster Wallace 1995 eine Kreuzfahrt an Bord der Zenith. Umgeben von lauter amüsierwilligen Kreuzfahrt-Veteranen findet er dort genau die Hölle vor, die er erwartet hatte. Von der ersten Minute an sträubt er sich gegen die organisierte Fröhlichkeit, das bemühte „sich etwas gönnen“ und die steifen Abendessen.

Nein, das ist kein objektiver Blick auf die Kreuzfahrtindustrie. Wallace weiß, dass er Kreuzfahrten hassen wird und will Kreuzfahrten hassen und will eine bösartige Reportage darüber schreiben. Er will Klischees erfüllt sehen und findet sie natürlich auch an allen Ecken und Enden. Wer eine differenzierte oder fundiert kritische Reportage über die Tourismus-Industrie lesen will, ist hier leider falsch.

Wer Lust auf ein bisschen unterhaltsame und kluge Boshaftigkeit hat, wird sicher viel Spaß mit diesem Buch haben. Gewarnt sei vor der Unmenge an Fußnoten und Fußnoten zu Fußnoten, die den Lesefluss gelegentlich einschränken, aber trotzdem Spaß machen. Ein gutes Buch für alle, die schon immer (begründet oder unbegründet) wussten, dass sie Kreuzfahrten schrecklich finden.


David Foster Wallace: Schrecklich amüsant aber in Zukunft ohne mich. Goldmann 2005. € 7,99, 192 Seiten. Deutsche Erstausgabe mare 2002. Übersetzt von Marcus Ingendaay. Originaltitel: A Supposedly Fun Thing I’ll Never do Again. Little, Brown and Co. 1997.

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

irrenhausNellie Bly war eine spannende Frau. Im späten 19. Jahrhundert arbeitete sie für Pulitzers New York World als investigative Journalistin. Damit war sie keine Einzelerscheinung, mehrere Frauen arbeiteten als sogenannte „Stunt Girls“ für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihr Job war es, sich beispielsweise in Fabriken oder Armenhäuser einzuschleichen und über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen dort zu berichten – frühes wallraffing. Nellie Bly war eine der bekanntesten und eine der wenigen, die nicht unter Sammel-Pseudonym arbeiteten. Einer ihrer ersten Aufträge war die Reportage Zehn Tage im Irrenhaus.

Blys Plan war, erst zu Hause das Benehmen einer Irren zu üben, anschließend eine Nacht in einer Pension zu verbringen, dort völlig auszurasten und sich anschließend in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Hat funktioniert. Sie wird in die Irrenanstalt für Frauen auf Blackwell’s Island gebracht und stellt schnell fest, dass es recht einfach ist, dorthin zu gelangen, aber eigentlich unmöglich, von dort wieder wegzukommen. Viele der Frauen, die dort aus völlig nichtigen Gründen einsitzen, sehen keinerlei Chance mehr, diesen Ort lebend zu verlassen. Für viele ist es das Ende eines grausamen Weges, eingewiesen von Ehemännern, denen eine Scheidung zu kompliziert gewesen wäre oder Familien, die sich nicht mehr um die alte Tante kümmern wollen.

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