Die Königin muss Federn lassen – „Ameisenmonarchie“ von Romina Pleschko

Magdalena hat ihr Refugium gefunden, in der obersten Etage eines Wieners Hauses. Seit Jahren hat sie die Wohnung nicht verlassen, an manchen Tagen nicht einmal das Bett. An guten Tagen schwebt sie in ihrem federbesetzten Morgenmantel (sehr teuer, aus England) durch die Wohnung und frönt ihrer einzigen Leidenschaft, der Salami. Sie ernährt sich von praktisch nichts anderem. Doch seit neustem wird ihr Leben unbequem. Ständig pieksen sie Federn ihres Morgenmantels und zudem muss sie entdecken, dass ihr Gatte Herb Senior seit Jahren heimlich Beruhigungsmittel in ihre geliebte Salami mischt. Erst ist sie entrüstet, dann aber auch wieder ganz froh. Ohne Beruhigungsmittel kann sie ihren öden Mann kaum ertragen. Dabei hatte sie mal große Pläne, war begeisterte Malerin und studierte Architektur. Und nun? Endstation Arztgattin.

Magdalena war davon überzeugt, ein Aneurysma im Gehirn zu haben, das sofort platzen würde, sollte sie jemals einen Gedanken wirklich zu Ende denken.

S. 135

Herb Senior hat derweil mit seinem Sohn Herb Junior zu kämpfen, der die gynäkologische Praxis des Vaters übernehmen soll, aber weder am Beruf noch an Vaginen irgendein Interesse hat. Generell interessieren Frauen ihn wenig, ihre Weichheit irritiert ihn. Er ist gerade viel zu beschäftigt mit einem Nationalratsabgeordneten der eigentlich unwählbaren Partei, den er im Fahrstuhl kennengelernt hat. Die beiden leben im gleichen Haus wie Herb Senior und Magdalena, komplettiert wird das Personen-Ensemble durch eine Kosmetik-Verkäuferin mit großen Ambitionen und einen Ex-Fotografen mit Verunsicherungs-Fetisch.

So ganz realitätsnah ist sie natürlich nicht, diese Hausgemeinschaft, dafür aber sehr unterhaltsam. Mit viel Humor und Ironie lässt Pleschko ihre Figuren streiten, scheitern und träumen. Dabei greift sie auch aktuelle Themen kritisch, aber nicht moralisierend auf. So lässt Kosmetik-Verkäuferin Karin von einer Influencer-Karriere träumen. Immerhin in einem Eltern-Forum bringt sie es mit ihren Kosmetik-Tipps zu leidlicher Reichweite. Dass sie dabei vieles über sich selbst preisgibt, merkt sie erst, als ihr ein Stalker aus dem Forum ganz nah kommt. Herb Junior wirft derweil alle politischen Bedenken über Bord, als er sich Hals über Kopf in den Nationalratsabgeordneten der unwählbaren Partei verliebt. Klar vertritt der öffentlich eine homo-feindliche Linie und natürlich würde er sich nie zu einer homosexuellen Beziehung bekennen, aber er ist auch schon sehr attraktiv.

Ameisenmonarchie, der Debüt-Roman der Schauspielerin Pleschko, ist eine kurzweilige Geschichte, erzählt in kurzen Episoden, die ihren Fokus auf jeweils eine der Figuren legen. Der Blick auf die Charaktere ist schonungslos und manchmal fast zynisch. Ein großes Innenleben zeigt keine der Figuren, ihre fast klischeehafte Ausgestaltung ist tragendes Element des Romans. Der Stil wagt dabei keine Experimente, wirkt aber auch nicht abgenutzt und ist durchgehend leichtgängig. Eine große literarische Entdeckung ist der Roman wohl nicht, ein gut komponierter, witziger und kluger Roman aber durchaus.


tl;dr: Ameisenmonarchie beleuchtet das skurrile Leben in einem Wiener Mehrparteienhaus. Der Roman ist kein großer literarischer Wurf, unterhält aber auf kluge, witzige und manchmal bitterböse Art.


Romina Pleschko: Ameisenmonariche. Kremayr & Scheriau 2020. 208 Seiten.

7 Gedanken zu “Die Königin muss Federn lassen – „Ameisenmonarchie“ von Romina Pleschko

  1. Christoph 20. April 2021 / 14:06

    Bei der nächsten Folge „Essen aus Büchern“ gibt es dann einfach Salami.

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    • Marion 20. April 2021 / 14:29

      Die erste Szene, in der Magdalena Salami isst, ist so unappetitlich, dass man eigentlich nie wieder Salami essen möchte. Andererseits könnte ein Rezept für mit Tabletten versetzte Salami zumindest für Besitzende renitenter Hunde nützlich sein.

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  2. eimaeckel 22. April 2021 / 17:05

    …oder für deren Nachbarn. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte. Ich mag deine nüchternen Besprechungen, die einem nicht zu viel versprechen.

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    • Marion 22. April 2021 / 21:52

      Ich danke 🙂
      Was soll man auch Dinge versprechen, die andere nicht halten können?
      Davon abgesehen befähigt mich meine berufliche Laufbahn als Buchhändlerin auch dazu „Oh Gott, das ist furchtbar, kaufen Sie das bitte nicht, Sie verschwenden nur Lebenszeit!“ diplomatisch zu verpacken. Das allerdings ist hier nicht der Fall.

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