Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Nach einer anstrengenden Schicht fährt der israelische Arzt Etan nach Hause zu seiner Familie. Dieses zu Hause ist seit kurzer Zeit in Beer Scheva, einer Stadt mitten in der Wüste, in die er unfreiwillig versetzt wurde. Zum Umzug aus Tel Aviv hat seine Frau ihn überredet, sich einen Jeep anzuschaffen, mit dem man durch die Wüste rasen kann. Das hat er nie getan und mittlerweile findet er die Idee auch nur noch lächerlich. In dieser Nacht aber, in der ein riesiger Mond am Himmel steht, überkommt ihn auf einmal der Wunsch, die Kraft des Jeeps doch mal zu nutzen. Mit aufgedrehter Musik rast er durch die Wüste, wirft im Rückspiegel einen Blick auf den beeindruckenden Mond und spürt auf einmal einen Aufprall. Er hat einen Menschen überfahren, der mitten in der Nacht auf der Straße unterwegs war. Er steigt aus, registriert die Schwere der Verletzung und weiß, dass das Unfallopfer nicht überleben wird. Er sieht auch, dass der Mann ein Schwarzer ist, ein unregistrierter Einwanderer vermutlich. Unwahrscheinlich, dass Angehörige einen Skandal aus der Geschichte machen. Ebenso unwahrscheinlich, dass ihn jemand gesehen hat. Etan steigt wieder ins Auto und fährt davon.

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Dass er seiner Schuld nicht davon fahren kann, registriert er am nächsten Morgen. Ständig hat er das Gesicht des Mannes vor Augen, der ihn noch einmal kurz angesehen hat. Und dann steht auch noch die Witwe des Mannes vor der Tür. Sie hat sein Portemonnaie am Unfallort gefunden und schlägt ihm einen Deal vor: sie schweigt, wenn er tut, was sie will. Was sie will ist nicht weniger als eine ärztliche Versorgung in der Unterkunft der Migranten, die am Rande eines Kibbuz leben. Die Männer und Frauen arbeiten schwarz in den Einrichtungen des Kibbuz, putzen und arbeiten in der Küche des Restaurants. Von da an verbringt Etan jede Nacht in einer alten Werkstatt wo er auf einem verrosteten Metalltisch Wunden verbindet, Durchfallerkrankungen behandelt und versucht, die Tuberkuloseverbreitung einzudämmen. Seine Frau darf von all dem nichts wissen, denn sie ermittelt als Kriminalbeamtin im Fall des getöteten Eritreers. Es ist unmöglich, sie ins Vertrauen zu ziehen. Immer weiter verstrickt Etan sich im Gewirr seiner Lügen und bald steht seine ganze Existenz auf dem Spiel.

„Dieser Mann, der zu Fuß ging – erst der nächste Schritt wird zeigen, ob er noch ein Mensch ist oder bereits etwas anderes, ein Wort, das man nur denken braucht, und schon erstarrt der Fuß in der Luft, mitten im Schritt, denn am Ende des Schritts könnte sich zeigen, dass der Mann, der zu Fuß ging, kein gehender Mensch mehr ist, oder überhaupt kein Mensch mehr, nur noch die Hülle eines Menschen, eine aufgesprungene Hülle, und der Mensch ist weg.“

Der Anfang des Romans ist packend. Gleich am Anfang geschieht der Unfall. Die Sprache ist knapp, beinahe abgehackt und stark. Man leidet mit dem verzweifelten Etan, der in der Situation völlig überfordert ist. Man weiß, dass er moralisch falsch handelt, Gundar-Goshen stellt seine Entscheidung aber als völlig nachvollziehbar dar. Das bleibt auch den ganzen Roman über so. Es gibt keine schwarz-weiß-Zeichnung, keine Unterteilung in gut und böse. Beinahe jede Person in diesem Roman hat gute Gründe für ihr Handeln, so grausam und falsch es einem auch zuerst erscheinen mag. Das erste Auftauchen von Sirkit, der Frau des getöteten Eritreers aber hat mir den Anfang schon wieder versaut. Etan hat sein Portemonnaie am Unfallort verloren und damit steht sie nun vor der Tür. Im Ernst – was besseres ist uns nicht eingefallen? Dieser Einstieg in die Erpressung ist so banal, dass er TKKG würdig wäre. Da werfen Täter auch ständig mit Ausweispapieren und Abholmarken aus der Reinigung um sich als wäre es Konfetti.

So interessant und gelungen die Figurenzeichnung an vielen Stellen auch ist, entwickelt der Konflikt sich zum Teil doch recht mühsam. Ich sehe ein, dass die enervierende Wiederholung Teil des Konflikts ist. Immer wieder muss Etan Ausreden finden, wo er in der Nacht war. Bei der Arbeit gibt er vor, krank zu sein oder sich um seine Kinder kümmern zu müssen. Verwundert erfährt seine Frau von Asthmaanfällen ihres Sohns, als sie auf der Station anruft und ihren Mann sprechen will. Der Konflikt als solcher bleibt die ganze Zeit bestehen und bewegt sich kaum von der Stelle, er bauscht sich nur immer mehr auf, wird größer und größer und schnell wird klar, dass der große Knall nicht mehr abzuwenden ist. Wie viel Knallpotenzial tatsächlich hinter dem ganzen Drama steckt, wird erst gegen Ende richtig deutlich. Das Finale hat es in sich und wirkt fast unpassend actionreich nach dem stillen und verzweifelten Kampf in der Negevwüste. Allerdings ist der Roman dabei auch ein interessantes Gesellschaftsporträt. Gundar-Goshen stellt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen dar, ihre Konflikte untereinander und das oft versteckte Misstrauen untereinander. Während kaum einer der Charaktere offen rassistisch handelt, hegen viele doch Ressentiments, vor denen sie selbst manchmal erschrecken.

Löwen wecken hat das Zeug zum Krimi, allerdings ist mir nicht ganz klar, warum die Autorin das so lange geheimhält. Das Augenmerk liegt auf dem psychologischen Konflikt, den die meisten Figuren allein mit sich ausmachen müssen. Die Hintergründe der Handelnden erfährt man nur zögernd nach und nach, so dass sich manche Verhaltensweisen erst rückblickend erschließen. Das ist natürlich auch sehr interessant, aber es hätte dem Roman auch gut getan, wäre nicht beinahe alles im letzten Viertel passiert.


Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken. Übersetzung aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber 2017. Originalausgabe 2014 unter dem Titel Leha’ir Arajot bei Kinneret.

Das Zitat stammt von S. 8

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