Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

In einer Berliner Zeitung erscheint 1929 ein Artikel über Käsebier, einen mittelprächtigen Varieté-Sänger in der Hasenheide. Der Text ist die reine Verlegenheitslösung, es ist sonst gerade nichts zur Hand und leer lassen kann man die Seite ja schlecht. Die Hasenheide wird zum neuen Montmartre erklärt, der Sänger in den höchsten Tönen gelobt, und schon springt der nächste Journalist drauf an, schließlich will man nicht hinterherhinken, wenn es einen neuen Star zu entdecken gilt. Von heute auf morgen sind die Vorstellungen restlos ausverkauft und Berlins bessere Gesellschaft strömt in Scharen heran um Schlager zu hören wie „Wer mit mir will, der komme mit, wer mich nicht will, der jeht alleene“. Bald schon tritt Käsebier im schicken Wintergarten an der Friedrichstraße auf. Es erscheinen Bücher, Käsebier spricht im Radio, zu Weihnachten gibt es Käsebier-Puppen für die Kleinen und für die Großen Käsebier-Zigaretten und -Schuhe. Ein eigenes Theater soll für ihn gebaut werden, ein Prachtbau am Kurfürstendamm mit Geschäften und Wohnungen darin.

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Letztere fallen aber schon recht bescheiden aus mit 4-5 Zimmern, denn größere Wohnungen mit acht oder zehn Räumen, die bis vor kurzem in den gesellschaftlichen Kreisen des Romans völlig normaler Standard waren, kann sich in der angespannten wirtschaftlichen Situation kaum noch einer leisten. Wer so groß wohnt muss Zimmer vermieten, Renovierungen oder neue Anschaffungen sind kaum mehr möglich, ein Handwerksbetrieb nach dem anderen muss aufgeben. Tergit zeichnet in ihrem Roman ein temporeiches Porträt einer Gesellschaft, die es sich selbst nicht erlauben kann, stehen zu bleiben, die bei jedem Anlass dabei sein muss, in der jede Einladung eine andere übertrumpfen muss und die bei all dem gänzlich oberflächlich und unverbindlich bleibt. Ständig beteuert man einander, man habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil man sich so lange nicht gesehen habe und man müsse bald mal telefonieren, dabei bleibt es dann aber. Dafür kommen alle zusammen, wenn wieder einmal jemand die luxuriöse Wohnung aufgeben muss und die Versteigerung des Besitzes günstige Möglichkeiten verspricht. Die Berliner Kaufleute, die noch aus Überzeugung und mit Ehrgefühl ihre Geschäfte geleitet haben müssen den Platz räumen für Inflations-Gewinnler, die rücksichtslos nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Über all dem hängt drohend der Schatten des immer mächtiger werdenden Faschismus.

Mit dem Roman hatte ich zunächst einige Schwierigkeiten, weil ich mehr Käsebier erwartet hatte. Tatsächlich spielt Käsebier an sich aber eine eher kleine Rolle und meldet sich nur in Telefonaten und Briefen zu Wort. Er ist das Vehikel des Massengeschmacks, es ist nichts an ihm selbst oder an seinem Können, was ihn besonders und interessant machen würde. Sein Aufstieg ist der reine Zufall und man ahnt von Beginn an, dass er nicht von Dauer sein wird. Zu beliebig und austauschbar ist sein Ruhm und sein Programm. Doch was wird dann aus den Spekulanten, die (ohne in gefragt zu haben) gleich ein ganzes Theater in bester Lage für ihn bauen wollen? Und was wird aus den Leuten, die von diesen Spekulanten noch Geld zu kriegen haben? Man ahnt es.

„Dem Publikum ist ja übrigens alles egal, wenn nicht die Kritiker wären, wüßte kein Mensch, was gute, was schlechte Bilder, Filme oder Bücher sind. Zeitungen werden so wenig kritisiert wie seidene Strümpfe.“

Nicht zuletzt ist der Roman auch ein Text über die Mechanismen der damaligen Medienlandschaft. Tergit arbeitete als Gerichtsreporterin und kannte den Alltag in einer Zeitungsredaktion nur zu gut. Einige der auftretenden Reporter sind sogar realen Kollegen nachempfunden. Bemerkenswert ist, wie wenig die damaligen Mechanismen sich von den heutigen unterscheiden. Eine Story, die in einem Medium gehypt wird, darf im nächsten auf keinen Fall fehlen, ob die Aufregung nun berechtigt ist oder nicht. Diese Dynamik hat sich in Zeiten, in denen ein Artikel nicht mal mehr bis zum Redaktionsschluss um 16:30 Uhr Zeit hat, sondern bitte in 20 Minuten online sein soll, noch verstärkt. Die ganze Käsebier-Aufregung ist am Ende eine reine Erfindung, die sich verselbstständigt hat.

Die Aktualität, die man an vielen Punkten des Romans entdeckt, ist manchmal amüsant, oft aber auch beklemmend. Tergit schreibt mit Verve und Witz eine Geschichte, die auch 2017 hätte passieren können. Was auf die letzten Tage der Weimarer Republik folgte, wissen wir. Was wir draus gelernt haben, ist die Frage.


Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. btb 2017. 398 Seiten, € 11.-.  Erstausgabe Rowohlt 1931.

Das Zitat stammt von S. 188

5 Gedanken zu “Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

  1. Bri 29. Mai 2018 / 11:39

    Ich habe den Käsebier auch noch liegen, reingelesen, sehr rasant das Ganze. Szenenwechsel etc. fast ein wenig wie eine Screwball-Komödie. Hat mich an den Billy-Wilder-Film Extrablatt erinnert. Ich freue mich noch sehr auf den Roman. LG

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    • Marion 29. Mai 2018 / 14:41

      Von dem Tempo war ich am Anfang fast überfordert. Ständig neue Szenen, ständig neue Leute – da musste ich erstmal reinkommen.

      Gefällt 2 Personen

      • Bri 29. Mai 2018 / 15:46

        Aber das ist offensichtlich zur Entstehungszeit Usus gewesen. Erstaunlich, wie ich meine. Aber amüsant.

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  2. literaturreich 30. Mai 2018 / 21:59

    Ich höre das Ganze im Moment, erstaunlicherweise gelesen von Ilja Richter (Licht aus- Spot an, weiß nicht ob ihr den noch kennt) – macht er aber richtig gut.

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