Menschenfresser der Liebe

Im Erlanger homunculus Verlag ist in diesem Frühjahr zum dritten mal die Literaturzeitschrift Seitenstechen erschienen. Nach der Seefahrt und Dunkler Energie widmet sich diese Ausgabe nun dem Spannungsfeld zwischen Fressen und Liebe. Die im Titel vereinten Begriffe Kannibalismus und Liebe könnten auf den ersten Blick einander fremder nicht sein, das eine so grob und brutal, das andere so zärtlich und fein. Doch wirft man einen Blick auf Kultur- und Literaturgeschichte entdeckt man schnell, dass das Einverleiben und die Inbesitznahme von etwas oder jemandem oft mit gleichen Bildern beschrieben und verarbeitet werden und oft auch ähnliche Bedürfnisse zugrunde liegen. Als größtes Tabu in diesem Kontext gilt der Kannibalismus, der immer größtmögliches Grauen und Verständnislosigkeit hervorruft. Schauergeschichten von Menschenfressern machten im Kolonialismus die Runde, Märchen von wilden Völkern, die ahnungslose Expeditionsteilnehmer in den Kochtopf werfen galten als Distinktionsmerkmal – so wie die könnten wir nie sein. In Notsituationen auftretender Kannibalismus, wie auf dem Floß der Medusa etwa, sorgen für allgemeines Entsetzen. Einen Menschen zu essen, ob er nun schon tot war oder ob man ihn zu diesem Zwecke tötet, ist das Übertreten der äußersten zivilisatorischen Grenze.

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Der Wunsch aber, sich einen Anderen aus Liebe einzuverleiben, wird nicht nur in der Redewendung deutlich, man habe jemanden zum Fressen gern. Zugegeben, der Verzehr von Leichenteilen ist eine seltene Praxis. Asche von Toten aber wird, in einigen Kulturen legitimiert, in anderen sanktioniert, gar nicht so selten in irgendeiner Form konsumiert. Keith Richards beispielsweise gab damit an, die Asche seines Vaters zusammen mit Koks gezogen zu haben (dementierte aber später). Gelegentlich liest man von Menschen, die Asche von Familienmitgliedern oder Ehepartnern in Getränken verrührt zu sich genommen haben, damit sie bei ihnen und ein Teil von ihnen bleiben. Ekel und Verlangen liegen da nah beieinander.

Dieser Thematik nehmen sich die Texte in Menschenfresser der Liebe nun an. Von der Suppe über den Fischgang bis zum Dessert werden, sortiert nach Gängen, die unterschiedlichsten Texte serviert. Die Thematik wird von allen Seiten und in verschiedensten Formen beleuchtet. Kurze Prosastücke sind ebenso so zu finden wie Gedichte, Klassiker wie Danthe Alighieri wechseln sich ab mit neuen und unbekannteren AutorInnen. Jeder Beitrag sorgt für eine neue Note, einige Texte sind leichter zugänglich als andere, belanglos ist keiner und sorgfältig ausgewählt sind sie alle. Federführend waren dabei die Herausgeber Joseph Felix Ernst und Philip Krömer. Sie haben die Texte ausgewählt, zusammengestellt und ihnen ein Vorwort vorangestellt.

Das Ergebnis ist eine weitere sehr schöne Ausgabe dieser Literaturzeitschrift, die irritiert wie inspiriert, hilft, Neues zu entdecken und Altes wiederzufinden.


Menschenfresser der Liebe“ ist die dritte Ausgabe der Zeitschrift Seitenstechen. 184 Seiten, €10,-.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

3 Gedanken zu “Menschenfresser der Liebe

  1. sabhut 17. März 2018 / 13:54

    Danke für die schöne Beschreibung dieser Zeitschrift! Interessantes Thema! Mir fällt dazu die Oper „Written on Skin“ von George Benjamin ein, in der ein Mann seine Frau zwingt, das Herz ihres ermordeten Liebhabers zu essen. Das Libretto ist vom englischen Dramatiker Martin Crimp, der Text ebenso dicht und beeindruckend wie die Musik.

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