Suzanne Berne: Ein Mord in der Nachbarschaft

Marsha wächst auf in der ungetrübten Idylle eines Vororts von Washington. 1972, als sie gerade zehn Jahre alt ist, geschieht dort das ungeheuerliche: Ein etwa gleichaltriger Junge aus der Nachbarschaft wird vergewaltigt und ermordet. Seine Leiche findet man in einem Wäldchen hinter dem Einkaufszentrum. Panik breitet sich aus und immer neue Schauergeschichten führen dazu, dass auf einmal alle Leute ihre Türen abschließen und die Väter des Viertels nachts auf den Straßen patrouillieren. Marshas Vater ist nicht mehr dabei, er ist nach dem Bekanntwerden einer Affäre vor die Tür gesetzt worden und lebt jetzt in einem trostlosen Appartement voller Kartons. Zu allem Überfluss bricht Marsha sich einen Knöchel und hat nun die ganzen langen Sommerferien nichts anderes zu tun, als von der Veranda aus die Nachbarn zu beobachten und jedes Detail akribisch in ihrem Notizbuch festzuhalten.

Es war ein ruhige Nachbarschaft, auf eine Art, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Marshas liebstes Beobachtungsobjekt ist der neue Nachbar Mr. Green, der sich an verschiedenen Punkten verdächtig macht, unter anderem, weil er eben neu ist. Außerdem ist er alleinstehend, und da muss ja irgendwas faul sein. In Washingtons Suburbia ist man nicht einfach so alleinstehend. Demonstrativ besonnen und unaufgeregt bleibt Marshas Mutter in der um sich greifenden Hysterie. Sie beharrt darauf, die Haustür auch weiterhin nicht abzuschließen und geht auf die wilden Spekulationen der Nachbarinnen einfach nicht ein.

Berne_EinMordinderNachbarschaft

Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht das Wort „Kriminalroman“, was ich nur so mittelpassend finde. Selbstverständlich geht es um einen Mord und die Suche nach dem Täter, viel mehr aber geht es um Marsha und ihren ersten zaghaften Schritte Richtung Adoleszenz. Ihr Leben wird, auch dank der Besonnenheit ihrer Mutter, von der ganzen Angelegenheit nur wenig tangiert, außerdem kannte sie den toten Jungen kaum. Und was sie von ihm kannte, mochte sie nicht besonders. Das Sammeln von „Beweisen“ ist eher ein schrulliges Hobby als eine ernsthafte Verbrecherjagd. Der Fokus des Romans liegt gar nicht so sehr auf dem Mord, sondern viel mehr auf der Nachbarschaft. Ein Mord in der Nachbarschaft erzählt von den damals noch recht jungen Vororten, von der engen Gemeinschaft, die oft mehr der gegenseitigen Überwachung denn der Unterstützung dient. Von einem Zusammenhalt, der sich vor allem als Abschottung gegenüber dem und den Fremden definiert. Von einem Leben in einer Normalität, die keine Abweichung dulden kann. Von einer Realität also, die heute noch an vielen Orten ebenso aktuell ist, wie sie es in den 1970ern war. In der treffenden Darstellung dieser Strukturen liegt dann auch die Stärke des Romans, der Mordfall passiert, in all seiner Grausamkeit, fast nur am Rande.

Obschon Ein Mord in der Nachbarschaft absolut kein Krimi im klassischen Sinne ist, ist es ein spannender und sehr lesenswerter Roman, der einen kleinen Ausschnitt US-amerikanischer Gesellschaft sehr treffend und packend porträtiert. Wiewohl der Roman schon gute 20 Jahre alt ist, haben die gesellschaftlichen Mechanismen, die hier wirken, nichts von ihrer Aktualität verloren.

(Bemerkenswert an der Übersetzung ist übrigens die sorgfältige Vermeidung von ‚obwohl‘, wo immer das möglich ist. Ich glaube, in keinem anderen Buch habe ich so oft ‚wiewohl‘ und ‚obschon‘ gelesen.)


Suzanne Berne: Ein Mord in der Nachbarschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Anette Grube. dtv 2004. 270 Seiten, nicht mehr lieferbar. Deutsche Erstausgabe Zsolnay 2001. Originalausgabe: A Crime in the Neighborhood. Chapel Hill 1997.

Das Zitat stammt von S. 128

Berne bekam für dieses Buch den Orange Prize 1999. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt „Women’s Prize for Fiction„.

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