Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

Zander_RudolfSteiner

Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

Überhaupt war sein Leben nicht arm an Gegnern. Steiner betrachtete sich selbst als hellsichtig und was er in Reden und Schriften postulierte, wollte er als Erkenntnis eines Eingeweihten verstanden wissen. Das sind keine guten Grundvoraussetzungen, wenn man noch vorhat, Fehler zu machen. Steiner änderte seine Schriften in Neuauflagen teils in das Gegenteil der ursprünglichen Aussage um, behauptete aber, nur kleine Änderungen vorgenommen zu haben. Für seine Gegner war der kleinste Fehltritt natürlich ein gefundenes Fressen.

„Nur wer nicht unbefangen auf meine Ideenwelt eingeht, entdeckt in ihr Widerspruch über Widerspruch.“

Noch größer allerdings war die Schar derer, die ihn bewunderten und verehrten. Steiner war ein gesuchter und bewunderter Redner, Lehrer und für einige eigentlich ein Guru. Er feierte Rituale in Templer-Tradition, gründete eine esoterische Schule und reiste mit seinen Vorträgen und einem treuen Gefolge durch ganz Europa. Das Geld für den Vorgänger des heutigen Goetheanums, den Johannes-Bau, bekam er mühelos zusammen. Er trennte sich im Streit von der Theosophie und begründete die Anthroposophie, seine Fans nahm er natürlich alle mit. Sein Rat war gefragt, auch in Gebieten, von denen er eigentlich kaum etwas wusste. Medizin, Naturkosmetik, Landwirtschaft, Theologie und Pädagogik – das Steinersche Imperium wuchs in alle Richtungen.

Aus diesen beiden Lagern kommen nun selbstverständlich sehr unterschiedliche Aussagen über Steiners Leben. Die einen schreiben verzückte Berichte über Steiners Auftritte, sein ungeheures Wissen und Charisma, die anderen vermuten psychische Erkrankungen und Kokain. Natürlich äußert auch Steiner selbst sich über sein Leben, das aber höchst unterschiedlich und sicher in einigen Punkten positiver als es der Wahrheit entspricht. Die kritische Analyse von Steiners Werken, die Änderungen über die Jahre vergleicht und rekonstruiert, ist erst seit relativ kurzem ein Thema, so dass noch lange nicht bei allen seinen (immens vielen) Texten klar ist, welche Änderungen sie durchgemacht haben oder in welchen Kontexten sie entstanden sind.

Zander ist in seiner Biografie darum bemüht, die Positionen zu vergleichen und den wahren Kern darin zu finden. Manchmal aber gibt es auch Lücken und der Autor kann nur spekulieren. Das finde ich in Biografien immer etwas schwierig, vor allem wenn die AutorInnen, wie auch Zander, dann ins Schwadronieren geraten. „Vielleicht war es an diesem Abend, dass er ….“ „Bei dieser Versammlung könnte er auch erstmals auf … getroffen sein…“ Ja, wissen wir nicht, lass uns nicht so viel drüber quatschen. Vielleicht war der Abend auch brachial langweilig, nichts passiert, Rotwein auf den Teppich gekippt, besser nicht ins Tagebuch schreiben. Lücke im Lebenslauf, kommt wohl mal vor.

Sehr ausführlich behandelt Zander Steiners Aufstieg in der theosophischen Gesellschaft, die Querelen und die letztendliche Trennung. Natürlich beschreibt er das so ausführlich, weil es ein ganz wesentlicher Inhalt Steiners Lebens war und weil man den Rest sonst nicht versteht. Mühsam zu lesen fand ich es in diesem Detailreichtum dennoch, das ist aber eher mir als dem Autor vorzuwerfen.

Zander selbst räumt im letzten Kapitel ein, dass es die Biografie nicht geben kann. Die Steiner-Forschung steckt noch mittendrin, es gibt ständig neue Quellen, die ein anderes Licht auf den Urvater der Anthroposophie werfen. Und dann kommt natürlich erschwerend hinzu, dass viele der zur Verfügung stehenden Quellen ideologisch stark eingefärbt sind, in welcher Couleur auch immer. Zander gelingt es aber, ein ausgewogenes Bild Rudolf Steiners zu zeichnen, das sicher nicht frei von Fehlern ist, aber zumindest möglichst viele und unterschiedliche Quellen einbezieht. Abzüge in der Wertung gibt es für’s Schwadronieren, sonst sehr lesbar.

* außerdem habe ich mal versehentlich 10 Tage in einer anthroposophischen Kooperative verbracht. Alle waren sehr nett zu mir, das Essen war gut, aber nochmal mache ich das nicht. Ich habe nicht verstanden, warum es da keine Sommerzeit gab, sollte jemand mit erweiterten Kenntnissen mitlesen, freue ich mich über Aufklärung.


Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie. Überarbeitete Taschenbuch-Ausgabe 2016. 537 Seiten, € 14,-. Erstausgabe Piper 2011.

Das Zitat stammt aus dem Vorwort von Rudolf Steiner: Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung. Ich zitiere hier nach Zander, S. 152.

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2 Gedanken zu “Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

  1. Stephanie Jaeckel 4. August 2017 / 13:35

    Huch, der Typ sieht ziemlich lustig aus. Dem fällt irgendwie der Schalk aus den Augen. Ich hatte ihn mir viel spießiger vorgestellt. Danke für den Hinweis!

    Gefällt 1 Person

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