Frank Witzel: Revolution und Heimarbeit

revolutionundheimarbeit„Oft ist es so, daß man das Schreckliche, das in einem selbst rumort, überhaupt nur äußern kann, wenn man es verkleidet, verändert, oder eben einer, oder mehreren Personen als deren Aussage unterschiebt.“

Ein deutscher Journalist reist nach Arlington in der Nähe von Washington, wo er ein Verbrechen aufklären will. Sein Schwager hat ihn auf diese Spur gebracht und hat auch den Kontakt zu seinem Bekannten Snake hergestellt, einem jungen Mann, der ursprünglich aus Deutschland stammt, nun aber schon seit vielen Jahren in den USA lebt. Der Journalist hat sein letztes Geld ausgegeben für den Flug in die USA und ein neues Aufnahmegerät, mit dessen Kopfhörern er aber schlecht zurechtkommt, was, wie er gleich zu Beginn anmerkt, zu Fehlern in seiner Arbeit geführt haben könnte. Nicht immer sei ihm gleich aufgefallen, wenn Aussagen seiner Interviewpartner merkwürdig oder undeutlich waren. Tatsächlich scheinen die Interviews, die er alle in seinen Bericht eingefügt hat, auf den ersten Blick oft nichts mit dem Kriminalfall zu tun zu haben. Überhaupt ist es schwer, herauszufinden, worum es bei diesem Verbrechen gehen soll.

Nun versucht er, seine Story zu verkaufen. Der Hauptstrang, die Perspektive des Journalisten, wird dabei durchgehend in der indirekten Rede erzählt. Von einem Handlungsstrang kann man kaum sprechen, denn es passiert nicht viel. Der Journalist ergeht sich in Ausführungen zu verschiedensten Themen, oft im titelgebenden Themenbereich von Revolution und Heimarbeit. Beide haben nämlich, zumindest nach Ansicht des Journalisten, eine Menge miteinander zu tun („Unter dem Begriff Revolution verberge sich heute entweder Wurschtigkeit, Ausbeutung oder Heimarbeit.“ S. 31). Die ersten paar Seiten fragt man sich, wer die Geschichte denn erzählt, wenn sie nun schon in der indirekten Rede erzählt wird, der Journalist selber ja wohl nicht, dann gibt man auf und findet sich damit ab, dass es eben so erzählt wird.

Unterbrochen wird der Gedankenschwall des Journalisten von insgesamt zehn Interviews, die er mit Snake geführt hat und anderen Personen, die im Zusammenhang mit dem Verbrechen stehen, in dem es um einen Fabrikanten mennonitischer Abstammung gehen könnte, der möglicherweise einen Umzug nach Gran Chaco in Erwägung zieht, weil es dort seinen gesundheitlich angeschlagenen Kindern besser gehen könnte.

Beim Lesen des Buchs muss man vieles einfach hinnehmen. Erstmal die seltene und ungewohnte Erzählperspektive, die sich erst nach und nach erschließt. Sie hat nämlich durchaus ihren Sinn, aber es ist die große Freude dieses Buchs, es selbst herauszufinden, deswegen erkläre ich es nicht. Auch die zwischengeschobenen Interviews mit verschiedenen Personen sind zwar für sich genommen alle ganz interessant, wenn auch etwas verschroben, ergeben aber auch sehr langsam ein schlüssiges Gesamtbild, das auf die eine große Entdeckung zusteuert. Der Journalist scheint mit jedem neuen Abschnitt ein bisschen mehr von seinem Verstand zu verlieren und wird immer abwegiger in seinen Ausführungen, die sich in einigen wesentlichen Punkten schlicht widersprechen, was ihn immer unglaubwürdiger erscheinen lässt. Man beginnt zu zweifeln, ob der Journalist überhaupt eine Ahnung hat, was er da aufdecken will und wenn nicht, warum er einem das alles erzählt.

Während die Ansichten des Journalisten zu Beginn noch außergewöhnlich und interessant scheinen, werden sie immer verschrobener und verschachtelter, bis man nur noch hoffen kann, niemals versehentlich neben diesem Mann und seinem Bier an einem Tresen zu sitzen.

Bei all dem Wahnsinn und der ganzen Verschrobenheit, die dieses Buch ausmachen, ist es im Kern wirklich brillant. Es ist nun wirklich kein Krimi, auch wenn der Klappentext so klingt, und trotz des vorhandenen Gewaltverbrechens. Es ist ein großer Spaß, sich alles selbst zusammensuchen zu müssen und langsam dahinter zu kommen, was der Journalist wirklich meint, wenn er von Snake redet und sich zwischendrin fragen zu müssen, ob dieser kranke Idiot das wirklich ernst meint. Man muss sich den Text in Heimarbeit erschließen, anders kommt man nicht durch. Revolution und Heimarbeit ist nicht so gut wie Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, das ist aber auch fast nicht machbar. Es ist aber aus den selben Gründen gut – es hat einen völlig wahnsinnigen Erzähler, der die Leser zwingt, sich alles selbst zu erklären und dabei nur sehr wenig Hilfestellung bietet, gelegentlich aber zusätzliche Verwirrung stiftet. Manchmal muss man sich wegen der komplizierten Erzählweise ein bisschen durchbeißen, aber das ist es wert. Außerdem, ich glaube das habe ich schonmal gesagt, kann Witzel so schreiben, dass man seine Sätze so wie sie sind auf Zierkissen sticken könnte. Und das meine ich als Kompliment.

Ausnahmsweise verlinke ich auf die Homepage des Autors weil ich so voll des Lobes bin. Das ist einer der besten Autoren, die derzeit in Deutschland schreiben, lange war kein Deutscher Buchpreis mehr so verdient, und es ist unentschuldbar, dass er so wenig gelesen wird. Wem der Teenager zu dick ist, der soll halt Revolution und Heimarbeit lesen oder meinetwegen Bluemoon Baby, da kann ich aber noch nichts drüber sagen, vermutlich ist es aber auch gut. Lest Witzel. Jetzt. Danke. (Ihr werdet mir danken, wenn ihr es erst getan habt!)


Frank Witzel: Revolution und Heimarbeit. Edition Nautilus 2003. 254 Seiten, € 19,90.

Das Zitat stammt von S. 155

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6 Gedanken zu “Frank Witzel: Revolution und Heimarbeit

  1. Stephanie Jaeckel 28. Juni 2016 / 20:34

    Schon der Titel des Buchs ist zum Applizieren und Dranrumfantasieren geeignet. Ich muss zugeben, dass mich Deine Besprechung etwas verschreckt, weil ich keine so super aufmerksame Leserin bin (leider immer zu schnell) und dann Fäden verliere, die komplex ausgelegt sind. Aber wer weiß. Auf jeden Fall bin ich schon mal sehr neugierig!

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  2. thursdaynext 29. Juni 2016 / 10:12

    Sowas, Witzel hatte ich abgeschrieben. Der Teenager war mir zu lang, zu schwafelig und das Thema mochte mich nicht zu packen. Aber nach dieses Lobeshymne guck ich in die Heimarbeit noch mal rein. Es könnte einem ja doch was entgehen 😉 Merci

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    • Marion 29. Juni 2016 / 14:10

      Schwafelig finde ich Witzel natürlich überhaupt nicht 🙂 Ich glaube aber zu wissen, was du damit meinst. Und ich bin mir nicht sicher, ob das bei diesem Buch weniger ausgeprägt ist – aber immerhin ist es kürzer! Es ist auch weniger verschachtelt und weitläufig als der Teenager. Es gibt auf der Seite des Verlags eine Leseprobe, wenn auch eine recht kurze. Für eine erste Beurteilung ist es vielleicht dennoch ganz hilfreich.

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      • thursdaynext 29. Juni 2016 / 14:23

        Danke dir. Ich schau nach bevor ich ihm die zweite Chance gebe 😉

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