Terry Pratchett: Dunkle Halunken

dunklehalunkenEs hat lange gedauert, bis ich endlich zu Dunkle Halunken kam, aber ich war mir ohnehin sicher, dass ich es mögen würde. Erstens ist es von Pratchett, den wirklich gerne lese. Und dann ist es ein klassischer Dickens-Plot mit einem armen, aber herzensguten Jungen, zu rettender Damsel in Distress und düsterem London, auch das mag ich. Allerdings bin ich mir unsicher, ob die Langatmigkeit des Ganzen auch eine Dickens-Reminiszenz ist oder einfach… naja, Langatmigkeit.

Protagonist ist Dodger, ein Junge, der in Londons Kanalisation unterwegs ist und von dem lebt, was er dort eben so auftreiben kann. Eines Nachts beobachtet er, wie zwei dunkle Gestalten versuchen, ein junges Mädchen in eine Kutsche zu zerren. Er kann dies verhindern und die beiden zur Hilfe eilenden Gentlemen Charlie Dickens und Henry Mayhew nehmen sich der verwundeten Schönheit an. Sie ist schwer misshandelt worden und ihre Identität ist völlig unklar. Ihre eigenen Angaben scheinen wenig glaubhaft. Dickens beauftragt Dodger, für ihn herauszufinden, wer hinter der grausamen Tat steckt und wer die junge Frau wirklich ist. Schnell hat Dodger eine ganze Meute von Verfolgern am Hals, die genau das verhindern wollen. Zum Glück hat er aber auch jede Menge Freunde in der Londoner Unterwelt, die ihm jederzeit zur Seite stehen.

Die Geschichte an sich ist gut, ich wollte sie gerne hören. Aber sie ist unendlich langatmig erzählt. Tischgespräche dieser Länge und Ereignislosigkeit habe ich zuletzt bei Fontane gesehen (Frau Jenny Treibel, quälend langes Gespräch über Flusskrebse) und auch etliche andere Teile des Plots hätten bei einer rabiaten Kürzung durchaus nicht verloren. Zwischendrin stolpert Dodger auch noch  rein zufällig dem Serienmörder Sweeney Todd über den Weg und muss ihm das Handwerk legen. Man fragt sich, wie viele Nebenhandlungen ein Buch verträgt, wenn schon der Hauptstrang schwerfällig auf der Stelle tritt. Zudem werden dauernd Besonderheiten der viktorianischen Lebenswelt und der Welt an sich erläutert und das in epischer Länge. Es ist natürlich ein Jugendbuch und da müssen ein paar Sachen ausführlicher erklärt werden, ja. Aber so ausführlich?

Ich habe das ganze nicht gelesen sondern mir angehört, was es schwieriger macht, unspannende Passagen zu überspringen. Das Hörbuch selbst trifft keine Schuld, Stefan Kaminski macht das sehr gut, aber unendlich viel kann auch er eben nicht aus einer Geschichte rausholen, die problemlos ein Drittel kürzer hätte sein dürfen.


Terry Pratchett: Dunkle Halunken. OSTERWOLDaudio 2013. ca. € 12,-, 11,5 Std. Sprecher: Stefan Kaminski. Regie: Benjamin Ritter. Deutsche Taschenbuch-Ausgabe: Piper 2015. € 9,99, 384 Seiten. Übersetzt von Andreas Brandhorst. Originalausgabe: Dodger. Doubleday 2012.

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