Saphia Azzeddine: Mein Vater ist Putzfrau

azeddineDer 14-jährige Paul, genannt Polo, lebt mit seiner Familie in der Pariser Banlieue. Seine Mutter sitzt den ganzen Tag bewegungsunfähig vor dem Fernseher, seine ältere Schwester träumt davon, eine Schönheitskönigin zu werden. Chancenlos, findet Polo. Er selbst leidet darunter, wie uninteressant er ist. Nicht mal einen Migrationshintergrund hat er, nur eine kleine Wohnung in einem heruntergekommenen Haus und einen Vater, der putzt. Dafür hasst er ihn. Weil er keinen anständigen Beruf hat wie die anderen Väter, die ihren Kindern Urlaube am Meer bezahlen können, von wo aus sie Karten an die hübschen Mädchen schreiben können. Aber er bewundert ihn auch weil er es mit geradem Rücken erträgt, dass er nicht geachtet wird von seinen Arbeitgebern und oft Erniedrigungen ausgesetzt ist, weil er eben nur eine Putzfrau ist. Polo hilft, wenn sein Vater ihn darum bittet. Der Vater schafft es nie, die Bitte direkt zu äußern, er äußert es immer als Scherz um es sich und seinem Sohn leichter zu machen.

Und Polo schlägt die Bitte niemals aus. Er kommt mit seinem Vater und hilft ihm zu putzen, in Geschäften, die Dinge verkaufen, die er sich nicht leisten kann und in der örtlichen Bibliothek. Dort putzt Polo am liebsten, denn er kann einen Blick in die Bücher werfen und Wörter lernen, von denen er hofft, dass sie sein Weg aus der Banlieue und in die Herzen der Mädchen sind. Transzendent. Obskur.

Bis es soweit ist, drückt er sich aus, wie sich ein 14-jähriger aus einer nicht ganz einfachen Gegend eben ausdrückt. Azzeddine trifft das gut, der jugendliche Stil wirkt nicht gekünstelt. Polos Gedanken kreisen um schulische Rivalitäten, Mädchen und Erektionen, wer ganz zart besaitet ist, könnte darüber durchaus stolpern. Auch für Unempfindliche ist dieser pubertäre Kosmos manchmal sehr begrenzt, aber am Ende ist es trotzdem ein gutes, wenn auch sehr schmales Buch.


Saphia Azzeddine: Mein Vater ist Putzfrau. Klaus Wagenbach 2015. € 14,90, 128 Seiten. Übersetzt von Birgit Leib. Originalausgabe: Mon père est femme de ménage. Leo Scheer 2011.

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