Ein Sommer im Tessin, ein Leben fürs Schreiben – „Was wir scheinen“ von Hildegard Keller

In den letzten Monaten ihres Lebens, im Sommer 1975, reiste Hannah Arendt noch einmal ins Tessin. Diesen Sommer verbrachte sie in Tegna, besuchte von dort aus Freunde und selbstverständlich schrieb sie auch. Diese Reise nimmt Hildegard Keller als Ausgangspunkt, um die große politische Theoretikerin auf ihr Leben zurückblicken zu lassen, auf ihre Flucht in die USA, ihr Freundschaften mit den intellektuellen Größen ihrer Zeit und den Eichmann-Prozess, der ihr nicht immer willkommenen Ruhm einbrachte.

Keller wagt sich mit Was wir scheinen an eine der Großen des 20. Jahrhunderts und an eine Frau, die mit ihrem Werk und ihren Aussagen sehr polarisiert hat. Besonders ihr bekanntestes Werk Eichmann in Jerusalem sorgte für lang anhaltende Kontroversen und führt noch immer dazu. Bis heute werden immer wieder kritische Stimmen laut, die sich nicht selten auch am Untertitel Ein Bericht von der Banalität des Bösen stoßen. Von der Kritik blieb auch Arendts Privatleben nicht unberührt, aber auch ihr weiteres Schreiben nahm eine andere Wendung. Einige Freundschaften zerbrachen, oder wurden zumindest arg strapaziert. Zugleich aber bedeutete der Eichmann-Prozess großen Ruhm für die Theoretikerin, die sich einige Zeit vor Interview-Anfragen kaum retten konnte. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Gespräch mit Günter Gaus, aus dem im Roman großzügig zitiert wird. Aber auch darüber hinaus kann Keller sich in ihrer Charakterisierung Arendts auf einen großen Fundus stützen. 

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Für die Frau von heute – „Cuca“ von Alfonsina Storni

Die Schriftstellerin Alfonsina Storni, die im Tessin geboren wurde und den größten Teil ihres Lebens in Argentinien verbrachte, ist im deutschsprachigen Raum so gut wie unbekannt. Das zu ändern hat sich Hildegard Keller nun mit ihrer „Edition Maulhelden“ zur Aufgabe gemacht. Für diese Edition übersetzt sie seit einiger Zeit Texte aus dem sehr abwechslungsreichen Werk Stornis. In Lateinamerika ist Storni vor allem für ihre Lyrik bekannt, sie schrieb aber auch für Zeitschriften. Literaturkritik gehörte dabei ebenso zu ihrem Repertoire wie Reisereportagen und Kurzgeschichten.

Cuca enthält eine Auswahl all dieser Gattungen. Den Beginn bilden einige sehr unterschiedliche Erzählungen. Storni verarbeitet darin sowohl ihre Erfahrungen als Lehrerin, als auch Reiseeindrücke wie die tiefe Freundschaft zu einer Vogelspinne namens Catalina, die im Hotelzimmer der Erzählerin lebt. Ein wiederkehrendes Thema ist auch die gehobene und eigentlich schon abgehobene „bessere Gesellschaft“ von Buenos Aires. Storni beweist darin eine genaue Beobachtungsgabe und einen kritischen, reflektierten Blick.  Andere Texte wie der über die titelgebende Dame namens Cuca sind surreal und phantastisch. In ihren „Zugfensterheften“ notierte Storni Eindrücke einer Reise, die sie von Buenos Aires an der Ostküste bis nach Traful an der Grenze zu Chile unternahm. „Die Distanzen: Das ist Argentiniens Feind“ konstatierte die Autorin irgendwo auf der letzten Etappe hinter Bariloche. Aber immerhin bescherte die lange Reise ihr Einblicke in das Land und seine Leute von der öden Pampa bis zum mondänen Badeort an den Ufern des Correntoso-Sees, dessen Reiz auch Storni sich nicht entziehen konnte: „Eiskaltes Wasser, strahlende Sonne, das Paradies.“

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Weltliteratur auf dem Teller – „Frisch auf den Tisch“ von Hildegard Keller und Christof Burkhard

Über das Essen und einen Teil des schriftstellerischen Werks erfahrbar zu machen und das Leseerlebnis ins Hier und Jetzt zu transportieren, ist der nicht geringe Anspruch von Hildegard Keller und Christof Burkard. Das Schweizer Ehepaar veröffentlicht seine Kolumne regelmäßig in der Schweizer Zeitschrift „Literarischer Monat“ und gesammelt auch in Büchern, von denen Frisch auf den Tisch – Weltliteratur in Leckerbissen schon das zweite ist.

Hildegard Keller ist Literaturwissenschaftlerin und dürfte vielen unter anderem aus der Jury des Bachmannpreises bekannt sein. Ihre Aufgabe bei diesem Projekt ist es, im Werk von Autor*innen geeignete Stellen und kulinarische Assoziationen zu finden und zudem zu illustrieren. Christof Burkard, Jurist, Kulinariker und Rezepte-Erfinder, kümmert sich um die praktische Umsetzung der vielversprechenden Fundstellen.

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Das Ergebnis sind phantasie- und einfallsreiche Zusammenstellungen, die im aufwendig gestalteten Buch gut zur Geltung kommen. Etliche der elf vertreten Schreibenden, unter ihnen beispielsweise Herman Melville, Hannah Arendt oder Max Frisch sind sehr bekannt, andere wie Alfonsina Storni sind sicher in weniger Bücherregalen vertreten. Sie alle werden in einem kurzen Porträt ihrer selbst und ihres Werks vorgestellt und in freigestellten Zitaten und Illustrationen ausgeschmückt.

„Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

Keller und Burkard kochen nicht nur nach, was in Texten serviert wird, sondern betrachten ganze Werke und ihre Urheber*innen. So gibt es einen herzhaften Kuchen mit Schweizer Zutaten für Schweiz-Fan Rosa Luxemburg, die so sehr an der gerechten Verteilung desselben interessiert war und Ravioli, „Architektur für den Teller“ für Max Frisch.  Alle diese Gerichte machen Lust auf’s Ausprobieren (Malfatti! Warum habe ich die noch nie gemacht?), sind allerdings nicht in gewohnter Rezeptbuch-Manier geschrieben, so dass ein Nachkochen für Anfänger*innen mitunter schwer werden könnte. Eine gewisse Grundkenntnis und Erfahrung sollte man schon mitbringen. Doch auch bei fehlender Koch-Ambition liest sich der kleine Band sehr unterhaltsam und interessant.


Hildegard Keller und Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden 2020. 139 Seiten.

Einige der Texte sind auch auf der Website der Herausgeber zu finden: maulhelden.ch.

Das Zitat stammt von S. 37.

Ich danke der Autorin und Herausgeberin für das Leseexemplar.

Die verstoßene Kreatur – „Frankenstein“ von Mary Wollstonecraft Shelley

1818 erstmals veröffentlicht, hat Frankenstein zweihundert Jahre später den Ruf, ein Meilenstein der Literaturgeschichte zu sein und eines der ersten Werke des Genres, das man heute als Science Fiction bezeichnet. Die Geschichte ist zu einem Inbegriff für Selbstüberschätzung und fehlende Verantwortung in der Wissenschaft geworden.

Erzählt wird der Roman von einem Kapitän, der mit seinem Schiff unweit des Nordpols von Eis eingeschlossen festsitzt. Eines Tages entdeckt die Mannschaft ein merkwürdiges, hünenhaftes Wesen, das auf einem Schlitten über das Eis rast, hunderte Kilometer von jeder Siedlung entfernt. Nur wenig später gabeln die Matrosen einen weiteren Mann auf, der in verzweifelter Lage auf einer Eisscholle dahin treibt. Er kommt, völlig am Ende seiner Kräfte, an Bord und berichtet, wie er in die missliche Lage kommen konnte.

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Mentona Moser, Menschenfreundin – „Tochter des Geldes“ von Eveline Hasler

Mentona Moser wird 1874 als Tochter des steinreichen Uhrenfabrikanten Heinrich Moser in Badenweiler geboren. Ihr Vater, deutlich älter als die Mutter, stirbt nur wenige Tage nach ihrer Geburt. Seiner Frau und seinen beiden Töchtern hinterlässt er ein beträchtliches Vermögen, das den drei Frauen ein komfortables Leben in einem Schloss am Zürichsee ermöglicht. Doch das Verhältnis der beiden Schwestern Fanny und Mentona zu ihrer Mutter ist hoch problematisch und von Konflikten geprägt. Mentona hält es nicht lange zu Hause aus, besucht erst verschiedene Internate und landet schließlich in England, wo sie das Leben in den Londoner Slums kennenlernt. Entsetzt von der Armut der Kinder beginnt sie, sich in der Sozialen Arbeit zu engagieren.

„Du willst die Welt retten, aber du hast keine Ahnung, was sie kostet.“

Der Traum von einer gerechteren Welt und besseren Zukunft für Kinder wird für Mentona zur Lebensaufgabe. Als sie zurück in die Heimat kehrt, ist es ihr größter Wunsch, auch in der Schweiz Hilfseinrichtungen nach englischem Vorbild aufzubauen. Sie tritt der sozialdemokratischen Partei bei und später, als ihr die Forderungen nicht mehr ausreichen, der kommunistischen Partei. Nach der Oktoberrevolution in Russland verliebt sie sich in die Idee eines neuen Landes und in Fritz Platten, der im „neuen Russland“ den Bauern helfen will, ihre eigenen Lebensumstände durch effektiveres Wirtschaften zu verbessern. Sie lernt Russisch und folgt ihm in eine kleine Siedlung in der Nähe von Moskau, wo sie endlich die Chance hat, ihren Traum vom Kinderheim zu verwirklichen.

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Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

Zander_RudolfSteiner

Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

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