Welt im Wandel – „Mahtab“ von Nassir Djafari

Die Zukunft seiner Familie kann nur in Europa liegen, davon ist Amin überzeugt. Zusammen mit seiner Frau Mahtab verlässt er deshalb Iran, um im ordentlichsten aller Länder zu leben: Deutschland. Dort sind die Behörden hilfsbereit und die Straßen sauber, dort lebt der Fortschritt. Und dort leben, Ende der 60er Jahre, auch Amin und Mahtab, mittlerweile Eltern von drei Kindern. Mahtab arbeitet als Krankenschwester und daran, die moderne Frau zu werden, die ihr Mann gerne in ihr sieht. Sie will Autofahren lernen und sich moderner kleiden, doch als ihre Tochter Azadeh plötzlich im Minirock herumläuft und Studentenproteste besucht, wird ihr das alles doch zu viel mit der Modernität.

„Sie wachsen in einem Land auf, in dem Recht und Gesetz gelten, wo die Behörden den Menschen helfen und sich ihnen nicht in den Weg stellen, wo nach einem Autounfall innerhalb von Minuten Polizei und Rettungswagen da sind, wo jede noch so winzige Baustelle mit rotem Band gesichert ist, damit sich niemand den Knöchel bricht. Wäre das nicht wunderbar?“

Von ihrer traditionsbewussten Mutter hat Mahtab gelernt, dass Frauen hilflose Opfer sind, die vor der Welt und dem Sittenverfall geschützt werden müssen. Und der schreitet rapide voran, gerade in Frankfurt. Als sich dann auch noch die blonde Buchhalterin Ursula zwischen sich und ihren Mann zu stellen droht, bröckelt Mahtabs Welt gewaltig. Nachdem sie schon überlegt hat, in den Iran zurückzukehren, entscheidet sie sich dann doch das erste mal in ihrem Leben für die Flucht nach vorne.

Djafari erzählt eine Exilgeschichte vor allem in der Biographie von drei Frauen: Mahtab, ihrer Mutter und ihrer Tochter Azadeh. Die Geschichte dieser drei Generationen ist zugleich eine Emanzipationsgeschichte. Ein Leben, wie Mahtab es führt, war für ihre traditionsbewusste Mutter undenkbar. Ebenso ist Mahtab überfordert mit den Lebensvorstellungen ihrer Tochter. Dass sie eine Beziehung mit einem Deutschen hat, schlimm genug. Dass der aber auch noch lange Haare trägt, ein Gammler ist – eine Schande. Und dass sie ihn nicht sofort heiraten will, sich nicht einmal verloben will, das ergibt in Mahtabs Werteraster überhaupt keinen Sinn.

Den rapiden Wertewechsel erlebt man aus der Sicht von Mahtab. Djafari schreibt ganz schnörkellos, in einer knappen und direkten Sprache, von Mahtabs freiem Fall, ihrer Verzweiflung und Verlorenheit. Die Welt, in der sie aufgewachsen ist, kann ihr in Frankfurt kein Halt mehr sein. Wie man ein neues Leben beginnt, lernt sie von einer, die es wissen muss, von ihrer ehemaligen Patientin Frau Rose, die als Jüdin aus Deutschland fliehen musste und erst im hohen Alter wieder zurückgekehrt ist. Sie hilft ihr bei der eigentlich ganz undenkbaren Handlung, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen, auf das in Zukunft ihr Gehalt gezahlt werden soll. Und sie gewährt ihr und ihren Söhnen Unterschlupf, als sie es bei Amin einfach nicht mehr aushält.

Mahtab erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch eine politische. Die politischen und kulturellen Umstände, seien es der Schah, der Vietnamkrieg oder die Erfindung der Antibabypille, brechen immer wieder in das Familienleben ein, nehmen die Mitglieder für sich ein und sorgen für Turbulenzen, wo Mahtab gerne nur Ordnung und Gewissheit hätte. Manchmal wirkt das Hin und Her der Figuren etwas aufreibend und ziellos, dennoch gelingt Djafari eine sympathische Exilgeschichte, die ihrer Hauptfigur nahe und wohlgesonnen ist, ohne den kritischen Blick zu verlieren.


Nassir Djafari: Mahtab. Sujet 2022, 338 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 141.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Selbstbestimmung auf vier Rädern – „Ungebremst durch Kermānschāh“ von Maryam Djahani

Taxifahren ist für Shohre viel mehr als nur ein Job. Seit sie ein junges Mädchen war, war es ihr Traum, den ganzen Tag mit ihrem eigenen Auto durch ihre Heimatstadt Kermānschāh zu fahren, Menschen, ihr Gepäck und ihre Geschichten von einem Ort zum anderen zu bringen. Trotz der Unterstützung durch ihren Vater wäre der Traum fast gescheitert.

Jung hat Shohre Hamed geheiratet, der von ihrer Idee nicht sehr begeistert war. Hamed hatte sich eine moderne Frau gewünscht, aber schnell muss Shohre feststellen, dass er mit „modern“ vor allem die Kleidung und andere Äußerlichkeiten meint. Auf eine Frau, die jeden Tag ihr eigenes Geld verdient, noch dazu in einem Taxi, hat er keine Lust. Deshalb lebt Shohre jetzt geschieden zusammen mit ihrer ebenfalls geschiedenen Cousine Mahbube in einer etwas heruntergekommen Wohnung, die Mahbube so gut wie nie verlässt. Stattdessen verkriecht sie sich in ihrem Zimmer, malt und raucht. Ihre Scheidung verkraftet sie deutlich schlechter als Shohre, vor allem da sie ihre Tochter nicht mehr sehen darf, die in der Ehe geboren wurde.

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Willkommen im gelobten Land – „Digging to America“ von Anne Tyler

Als Jin-Ho und Sooki im August 1997 das erste mal amerikanischen Boden betreten, werden sie von einer großen Gesellschaft in Empfang genommen. Bitsy und Brad Donaldson haben monatelang darum gekämpft, ein Kind aus Korea adoptieren zu können und haben die gesamte Familie samt Camcorder an den Flughafen verfrachtet, um den Moment der Ankunft von Jin-Ho erleben zu können. Bescheidener geht es zu bei Familie Yazdan, die fast unbemerkt Sookie in Empfang nimmt. Aber eben nur fast unbemerkt. Als die Donaldsons feststellen, dass eine andere Familie ihr Schicksal teilt, erklären sie die Yazdans fast schon zu ihren neuen besten Freunden.

Anne Tyler Digging to America

Über die Jahre entwickelt sich tatsächlich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Familien, auch wenn die Donaldsons es gelegentlich übertreiben. Vor allem Bitsy glaubt am weltbesten über Kindererziehung Bescheid zu wissen und verurteilt die Familie Yazdan dafür, dass Sooki jetzt Susan heißt und nicht in koreanischen Kleidern herumläuft. Jin-Ho würden sie nie auf diese Art ihres Erbes berauben. Jedes Jahr treffen die beiden Familien sich und feiern den „Tag der Ankunft“, jedes mal singen alle gemeinsam „She’ll be coming round the mountain“ und sehen das Video an, das die Familie Donaldson am Flughafen aufgenommen hat.

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Stephan Orth: Couchsurfing im Iran

couchsurfingZwei Monate tingelte der Autor durch den Iran, von Couch zu Couch (bzw. Teppich zu Teppich) und lies sich dabei weniger von Empfehlungen aus dem Reiseführer leiten oder auch nur von den eigenen Plänen, sondern lies sich komplett auf das ein, was seine Gastgeber ihm vorschlugen.

An sich eine spannende Sache. Leider bleibt das ganze aber ein bisschen zu oberflächlich – tatsächlich kann ich mich ein paar Tage nachdem ich das Buch zu Ende gelesen habe, kaum noch an eine der Geschichten erinnern. Der Anfang ist spannend, da beschreibt er eine gar nicht so einfache Begegnung mit zwei iranischen Zöllnern, die hoffentlich, bitte, nicht zu weit durch die Bilder auf seiner Kamera scrollen. Aufgrund der ersten Szene wollte ich das Buch auch unbedingt weiterlesen. Und dann bin ich halt irgendwie dran geblieben, schlecht ist es ja auch nicht.

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