Heinz Strunk: Jürgen

Letztes Jahr hatte Heinz Strunk es mit Der goldene Handschuh in die Liga der als ernsthaft betrachteten Literatur geschafft. Sein Roman über Fritz Honka wurde als spannendes Psychogramm gefeiert.

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Mit Jürgen geht es nun wieder in eine ganz andere Richtung. Der gleichnamige Protagonist hat es nicht so ganz leicht im Leben. Seine pflegebedürftige Mutter ist mit in seine bescheidene Mietwohnung gezogen, sein Job als Parkhausaufsicht ist auch nicht gerade erfüllend und sein einziger Freund ist der ewig schlecht gelaunte Bernd, der seit einer Nervenerkrankung vor 15 Jahren im Rollstuhl sitzt. Nicht die besten Voraussetzungen für die Liebe, und so scheitert Jürgen dann auch auf ganzer Linie. Und das, obwohl er jeden Flirtratgeber kennt und alles weiß über Anquatschtaktiken, Eisbrecher und Körpersprache. In der Praxis bringt das alles wenig und nach einem katastrophalen Speeddating beschließen er und Kumpel Bernd, es mit einer Agentur zu versuchen, die Kontakte zu einsamen, schönen Frauen in Polen vermittelt. Von der Reise nach Breslau versprechen die beiden sich die ganz große Liebe.

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Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

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Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

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Thomas Mann: Buddenbrooks

Ach ja, die Buddenbrooks. Sie waren vor guten zehn Jahren das erste Buch, das ich von Thomas Mann gelesen habe und damit der Grundstein einer großen Liebe. Ich hatte damals gehörigen Respekt vor diesem Großmeister der deuschen Literatur mit seinen legendären Bandwurmsätzen. Ich weiß nicht, warum das so oft das erste ist, was Menschen zu Thomas Mann einfällt, so lang sind seine Sätze nun wirklich nicht, da gibt es weitaus schlimmere (ich meine dich, Augusto Roa Bastos!).

Ich hatte das Buch dabei, als ich in einem Sommer mit drei Freundinnen nach Fehmarn gefahren bin, darunter zwei weitere Mann-Fans. Natürlich mussten wir nach Lübeck ins Thomas Mann-Haus und natürlich mussten wir in Travemünde die Vorderreihe entlang spazieren. In den Fotos dieses Urlaubs habe ich noch ein Bild von einem Haus gefunden, das wir als Residenz des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf auserkoren hatten. Ohne jede Grundlage, versteht sich. Mortons „auf den Steinen sitzen“ schaffte es sogar für einige Zeit in unseren aktiven Wortschatz.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

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Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

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Deutsche Cover in fremden Landen

Am Sonntag ist ein Artikel erschienen bei Kulturgeschwätz, in dem es unter dem Titel „Das kleine bisschen Exotismus“ um die Cover von Büchern ging, die in anderen Kulturkreisen als den europäischen spielen und die entsetzlich klischeebeladen sind, innerlich wie äußerlich. Wir alle kennen das, Schirmakazie im Sonnenuntergang und so. Auch bei scroll.in ist eine ähnliche Auflistung zu finden. Und es sind grauenhafte Dinge dabei, wirklich. Kein Mensch braucht solche Cover.

Mir stellte sich beim Lesen allerdings auch die Frage, wie es eigentlich mit deutschen Büchern aussieht bzw. wie deren Cover im Ausland gestaltet werden. Also habe ich mir mal Cover angeguckt von Büchern, die deutschsprachig sind und in Übersetzung erscheinen bzw. von Büchern, die in Deutschland spielen und von nicht deutschsprachigen AutorInnen verfasst wurden.

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Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

1913Wie der Titel verspricht, geht es in diesem Buch nur und ausschließlich um das Jahr 1913, dem Jahr vor der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, ein Jahr, in dem scheinbar alles passieren konnte. Der erste Aldi wurde eröffnet, Tito war Testfahrer für Benz, Franz Marc malte blaue Pferde.

Das Buch ist hauptsächlich ein Konvolut von Anekdoten. Ein who is who dieses Jahres, es ist aber auch ein wer mit wem. Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, Oskar Kokoschka und Alma Mahler, Rainer Maria Rilke und Sidonie Nádherný. Wer betrog wen mit wem, wer hatte Ärger mit wem und weshalb, wer schrieb ängstliche Liebesbriefe und zögerliche Heiratsanträge? In diesem Buch erfährt man es alles. Illies versteht es, ein großes, lebendiges und spannendes Panorama dieses Jahres aufzuziehen. Man erfährt von Hauptschauplätzen und Randnotizen der Geschichte, die oft wenig bekannt sind. Illies versteht es vor allem, das enge Netz darzustellen, das zwischen den Größen des 20. Jahrhunderts bestand und viele Beziehungen und Entwicklungen deutlich macht.

Allerdings verrennt Illies sich zum Teil auch in Spekulationen. Saßen Else Lasker-Schüler und Thomas Mann nicht vielleicht im gleichen Zug, als sie zu Beginn des Jahres 1913 von Berlin in Richtung München fuhren? Ja, wäre ein witziger Zufall, wahrscheinlich aber einfach nicht, es gab eine Menge Züge in diese Richtung. Stalin und Hitler lebten zeitgleich in Wien und gingen gerne im Park von Schloss Schönbrunn spazieren, haben sie sich da nicht vielleicht mal gegrüßt? Ja vielleicht, tatsächlich ist das aber ein riesiger Park mit hunderten Leuten darin, die sich nicht alle ständig grüßen, es ist nun mal unwahrscheinlich. Aber ich sehe, was Illies damit sagen will – das ist alles in diesem einen Jahr passiert, auf so engem Raum!

Außerdem, aber das ist nun dem Aufbau und Anspruch des Buchs geschuldet, kommt einiges zu kurz. Immer wieder werden spannende Geschichten angerissen, die dann nicht zu Ende erzählt werden. Das können sie auf dem bisschen Raum natürlich auch nicht, man kann sie auch woanders weiterlesen, ich weiß, aber manchmal habe ich das als etwas frustrierend empfunden, ich bin aber durchaus bereit, das als mein persönliches Problem zu akzeptieren.

1913 ist ein sehr unterhaltsam Sachbuch, das vieles nur anreißt, bei vielem aber auch Lust auf mehr macht. Hinter manchen großen Namen entdeckt man eine spannende Biographie oder ein spannendes Werk, mit dem man sich in Zukunft vielleicht mal näher befassen möchte. Das Hörbuch ist gut gelesen, durch die vielen Sprünge zwischen Personen und Orten manchmal aber etwas verwirrend, das lässt sich gedruckt vielleicht besser nachvollziehen. Beides ist aber auch einfach unterhaltsam, gut geschrieben und ein solides Sachbuch für zwischendurch.


Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Originalausgabe S. Fischer 2012. 320 Seiten, € 19,99. Taschenbuch Fischer 2014. Hörbuch: Der Audio Verlag 2012. ca 6 Stunden, ca. € 10,90. Sprecher: Stephan Schad.

Abbas Khider: Ohrfeige

ohrfeige„Wir standen mittendrin und doch waren wir meilenweit von all dem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir wärmten uns an ihren Leben.“

Der aus dem Irak stammende Flüchtling Karim sucht ein letztes Mal die Ausländerbehörde im bayerischen Niederhofen auf um ein letztes Gespräch mit der für ihn zuständigen Sachbearbeiterin Frau Schulz zu führen. Oder besser gesagt, um ihr endlich mal zu sagen, wie es wirklich um ihn steht. Es ist seine letzte Chance, ihr das mitzuteilen, denn noch am gleichen Tag will er nach Finnland verschwinden, nachdem er in Deutschland keine Chance mehr auf ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht hat. Damit sie ihm sicher zuhört, fesselt und knebelt er sie und beginnt dann mit seiner Sicht der ganzen Geschichte.

Direkt nach seinem Schulabschluss ist er aus dem Irak geflohen. Da seine Familie Kontakte nach Frankreich hat, bezahlt er einem Schlepper viel Geld, damit er ihn nach Paris bringt. Doch kurz vorm eigentlichen Ziel ist für ihn Schluss – mitten in Bayern setzt der Schlepper ihn aus und dort muss er bleiben. Es beginnt eine Odyssee von einem Wohnheim ins nächste, von Amt zu Amt. Über Monate weiß er nicht, was mit ihm passieren wird, wie lange er an einem Ort leben kann und was aus seinem Bleiberecht wird, ist die reinste Spekulation. Wie ein Gott kommt Frau Schulz ihm vor, die ohne für ihn verständliche Grundlage darüber entscheidet, wie sein Leben weitergehen soll.

Karim erzählt seine Geschichte in einem Rutsch, in einer einzigen Beichte, wie er es nennt. Dadurch bekommt man als Leser eine ziemliche Distanz zu seinen Erlebnissen, weil man eben nicht unmittelbar dabei ist und ja auch der Protagonist selbst schon nicht mehr direkt in den Geschehnissen steckt sondern schon wieder auf dem Sprung ist, um all das hinter sich zu lassen. Dadurch verliert die Erzählung erstmal an Identifikationspotenzial und wirkt manchmal sogar etwas träge. Was aber dadurch viel mehr zum Tragen kommt, ist die Tatsache, dass diese Geschichte eben kein Einzelschicksal ist, das nur Karim in Niederhofen widerfährt, sondern vielen tausend Menschen, überall in Deutschland. Die Ohnmacht der Menschen, über die da entschieden wird, ist bedrückend.

Selbst 1996 aus dem Irak geflohen vermittelt Khider einen Blick auf die Flüchtlingsthematik fernab von Betroffenheitsprosa und ohne sensationslüsternes Drama. Was Karim erlebt hat, kann Khider erlebt haben und erleben derzeit und immer viele andere. Ein überraschend nüchterner und trotzdem nahegehender Roman in der tristen Realität der Flüchtlingsunterkünfte.


Abbas Khider: Ohrfeige. Hanser 2016. 219 Seiten, € 19,90.

Das Zitat stammt von S. 66 der o.g. Ausgabe.

Hans Pleschinski: Königsallee

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„Geschickt, wie er über Jahrzehnte Erfundenes um lebensschwache Luxusgestalten verscherbelt hatte, über die fast nie zu lesen war, wovon sie ihr Dasein bestritten, welcher Krankenkasse sie angehörten, Buchfiguren, die nie einen Autoreifen wechselten.“

1954 steigt Thomas Mann während einer Lesereise nebst Frau Katia und Tochter Erika im Düsseldorfer Hotel Breidenbacher Hof ab. Was er nicht weiß: im gleichen Haus befindet sich der eben erst aus Asien heimgekehrte Klaus Heuser, eine längst vergangene, aber unvergessene Liebe des Schriftstellers.

Erika Mann bemerkt den vertrauten Namen beim Eintrag ins Gästeregister – keinesfalls dürfen Klaus und ihr Vater aufeinander treffen, das würde der gealterte Nobelpreisträger, immerhin schon 79, nicht verkraften! Kurzentschlossen sucht sie Klaus und dessen jetzigen Partner Anwar in ihrem bescheidenen Zimmer in der obersten Etage des Hauses auf.

Und damit beginnt die erste „große Begegnung“. Erika setzt Klaus nicht nur darüber in Kenntnis, dass sie ihn nicht auf der Lesung ihres Vaters sehen möchte, sie legt auch einen kurzen Abriss über die letzten Jahre vor sowie eine grobe Skizze ihrer politischen und künstlerischen Ansichten. Nicht, dass das uninteressant wäre. Es ist nur als aus der Luft gegriffener Vortrag sehr hölzern. Kaum ist sie weg, folgt ihr Ernst Bertram, einst enger Freund Thomas Manns, dann wegen seiner Sympathie zu den Nazis in Ungnade gefallen. Er fleht, Klaus möge ihn wieder mit dem alten Freund versöhnen. Auch das in starrem Monolog.

Und nicht einmal beim Abendessen weitab des Hotels ist Klaus und Anwar Ruhe vergönnt. Erst monologisiert erzürnt ein alter Schulfreund über Homosexualität und Drückebergertum, dann bittet vom Nebentisch Golo Mann ausufernd, dem entfremdeten Vater sein neustes Buch nahe zu legen.

Zwischendrin gibt es Lichtblicke. Szenen, in denen Figuren sich tatsächlich unterhalten und keine Vorträge gehalten werden. Berichte über die letzten Jahre, die nicht als Monolog sondern einfach als erzählender Text daher kommen. Beschreibungen der Stadt, des geschäftigen Hotel-Foyers, des Rhein-Ufers. Doch leider ist das höchstens 1/3 des Buchs. Und bei alldem lauert auch immer noch eine Mann-Anspielung und das keinesfalls immer subtil. Russinnen, die Türen zum Speisesaal zuschlagen, ein Lift-Boy namens Armand, der von Lissabon träumt und ein kleiner Herr mit Namen Friedemann. Fast wird man paranoid beim Lesen – sollte die dicke Holländerin mir was sagen oder ist die einfach nur so da? Aus welcher Erzählung kenne ich diesen Fahrradunfall?

Wenn man sich fertig gefreut hat, dass man seinen Mann so gut kennt, kann man noch über gebildete Witze lachen. Drollig, wie die Kellnerin Worschestersoße zur Worcestersauce sagt. Ein Glück weiß ich es besser.

Der Einstieg in den Roman fällt leicht. Die ersten Szenen, in denen Klaus nach langer Abwesenheit wieder nach Deutschland kommt und Thomas Mann im Hotel empfangen wird, machen Spaß. Es ist eine Art Bilderbogen der jungen Bundesrepublik. Doch danach wird es zäh und zäher. Und zwar, weil das Buch nicht nur ein Roman über Thomas Mann und seine Liebe zu Klaus Heuser sein will, sondern auch ein Roman über Katia Mann und ihre Eltern und alle ihre Kinder, über das Exil der Manns, das Exil an sich, über Ernst Bertram, Stefan George und die Schuldfrage nach dem Krieg, über Kommunismus, Homosexualität und nicht zu vergessen Thomas Manns Gesamtwerk und dessen Rezeption während und nach dem Krieg.

Um das alles in einen Roman zu quetschen muss man diverse Kunstgriffe anwenden und Pleschinski entscheidet sich vor allem für den Monolog. In einigen Kapiteln geht es zu wie in Peter Steiners Theaterstadl. Leute poltern rein, erzählen was und gehen wieder, die erstaunten Bleibenden beraten die neuen Informationen, doch da kommt schon die nächste Figur mit der nächsten Geschichte. Das Potenzial, welches die unerfüllte Liebe und das Wiedersehen von Klaus Heuser und Thomas Mann gehabt hätte, bleibt in diesem Tumult größtenteils ungenutzt.


Hans Pleschinski: Königsallee. dtv 2015. € 9,90, 400 Seiten. Originalausgabe: C. H. Beck 2013.

Deutscher Buchpreis 2015 für Frank Witzel

rafrank Witzel bekommt den Deutschen Buchpreis für den manisch-depressiven Teenager. Absolut und 100% verdient. Das ist der Punkt, an dem ich zugeben muss, dass das mehr ist, als ich dem Deutschen Buchpreis jemals zugetraut hätte. Ich hatte mit was verkäuflicherem gerechnet und war mir eigentlich sicher, dass Erpenbeck das Rennen macht – so sicher, dass ich schon einen Stapel eingekauft hatte.

Nun ist es aber eben Witzel und ich freue mich wie selten für einen Gewinner-Titel. Weil es tatsächlich meiner Meinung nach die beste deutschsprachige Neuerscheinung des Jahres ist, vielleicht der letzten drei.

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