Der Blick ins Innere – „Sight“ von Jessie Greengrass

Wie können wir wissen, wie es in uns aussieht? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Erzählerin diese kurzen Romans, sondern auch Generationen von Wissenschaftlern und Gelehrten. Mit Strahlen, Autopsien und Psychoanalysen versucht der Mensch seit Ewigkeiten zu verstehen, was in ihm vorgeht, physisch wie psychisch.

Die Erzählerin nimmt ihre zweite Schwangerschaft als Ausgangspunkt, um über all das nachzusinnen. Sight bewegt sich dabei irgendwo zwischen Roman und Essay und wird nur lose zusammengehalten von der Rahmenhandlung einer Schwangerschaft. Innerhalb dieser bewegt die Erzählerin sich zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Erlebtem und Gelesenem.

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Dichter und Denker in Trümmern – „Die Akte Klabautermann“ von Oliver Teutsch

Berlin, 1945. Das Ehepaar Ditzen teilt sich ein Zimmer einer ehemals schönen Wohnung in der zerbombten Stadt, der Rest ist an zwei Frauen vermietet, die auch gerade so über die Runden kommen. Die eine als Schauspielerin an einen kleinen Theater, die andere als Trümmerfrau. Bei Ditzens hält man wenig von einem geregelten Tagesablauf. Bei sind morphinabhängig und es wird immer schwerer und teurer, eine neue Dosis zu bekommen. Zum Glück hat die ehemals reich verheiratete Ulla Ditzen (geschiedene Losch) viel von ihrem Schmuck durch die Kriegsjahre retten können und zeigt nun einiges Geschick auf dem Schwarzmarkt, während ihr Mann vor allem nichts macht. Dabei gibt es durchaus Leute, die Arbeit für Ditzen hätte, wenn sie denn nur wüssten, wo er ist.

Vor dem Krieg war Ditzen nämlich ein erfolgreicher und bekannter Autor, denn natürlich ist er niemand anders als Hans Fallada. Johannes Becher, der in diesem Jahr mit dem Aufbau des Kulturbundes begann, findet, dass niemand anders als Fallada den ersten großen antifaschistischen Roman der Nachkriegsjahre schreiben muss. Die Autoren, die immer noch im Exil sind, kommen dafür ja gar nicht in Frage. Fallada muss es sein, der den gesamten Krieg in Deutschland erlebt hat. Die passende Vorlage dafür hat Becher schon in der Schublade liegen: „Die Akte Klabautermann“, die Prozessunterlagen des Ehepaar Hampels. Die beiden Berliner hatten per Flugzettel zur Behinderung der Kriegsplanung aufgerufen und wurden wegen Hochverrats verurteilt. Aus der Geschichte machte Fallada, heute weiß man es, den Roman Jeder stirbt für sich allein.

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Women’s Prize for Fiction – Die Longlist 2022

Wie immer am 08. März wurden auch gestern die Bücher bekanntgegeben, die es beim diesjährigen Women’s Prize for Fiction auf die Longlist geschafft haben. Sechzehn sehr verschiedene Bücher, über Freundschaft, Liebe, Krieg und Dystopien, die seit dem letzten Frühjahr in Großbritannien erschienen sind, sind in dieser Auswahl zu finden. Einige eigentlich erwartbare Namen fehlen in diesem Jahr, dafür sind auch einige ganz neue Stimmen dabei. Diese Autorinnen dürfen sich Hoffnung auf den Titel machen:

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Selbstbestimmung auf vier Rädern – „Ungebremst durch Kermānschāh“ von Maryam Djahani

Taxifahren ist für Shohre viel mehr als nur ein Job. Seit sie ein junges Mädchen war, war es ihr Traum, den ganzen Tag mit ihrem eigenen Auto durch ihre Heimatstadt Kermānschāh zu fahren, Menschen, ihr Gepäck und ihre Geschichten von einem Ort zum anderen zu bringen. Trotz der Unterstützung durch ihren Vater wäre der Traum fast gescheitert.

Jung hat Shohre Hamed geheiratet, der von ihrer Idee nicht sehr begeistert war. Hamed hatte sich eine moderne Frau gewünscht, aber schnell muss Shohre feststellen, dass er mit „modern“ vor allem die Kleidung und andere Äußerlichkeiten meint. Auf eine Frau, die jeden Tag ihr eigenes Geld verdient, noch dazu in einem Taxi, hat er keine Lust. Deshalb lebt Shohre jetzt geschieden zusammen mit ihrer ebenfalls geschiedenen Cousine Mahbube in einer etwas heruntergekommen Wohnung, die Mahbube so gut wie nie verlässt. Stattdessen verkriecht sie sich in ihrem Zimmer, malt und raucht. Ihre Scheidung verkraftet sie deutlich schlechter als Shohre, vor allem da sie ihre Tochter nicht mehr sehen darf, die in der Ehe geboren wurde.

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Essen aus Büchern: Indian Tacos aus Tommy Oranges „There There“

Herkunft und Identität sind die zentralen Themen in Tommy Oranges Roman There There, in dem er sich mit der Kultur von Native Americans befasst, ihrer Zerrissenheit und Entwurzelung. Ein immer wieder genanntes Gericht sind die Indian Tacos, die zumindest für einige Charaktere ein echtes Highlight sind, darunter Orvil und sein Bruder:

„They only knew about Indian tacos because their grandma made them for their birthdays. It was one of the few Indian things she did. And she was always sure to remind them that it’s not traditional, and that it comes from lacking resources and wanting comfort food.“

Indian Tacos basieren auf einem frittierten Fladenbrot, dem Navajo fry bread. Es entstand zur Zeit der als „Long Walk“ bezeichneten Zwangsumsiedlung von rund 9.000 Menschen, mit der 1864 begonnen wurde. In dieser Zeit wurden in Rund 50 Marschtrupps vor allem Navajos zu Fuß über knapp 500 Kilometer vom heutigen Arizona nach New Mexico gebracht. Mindestens 200 überlebten die Strapazen nicht. Aus den kargen zur Verfügung gestellten Rationen entwickelten die Navajo das heute berühmte und berüchtigte fry bread. Vielen gilt es mittlerweile als Sinnbild für die um sich greifenden Zivilisationskrankheiten heute lebender Navajo: aus Weißmehl und frittiert, ohne wahren Nährwert, dafür mit jeder Menge Kalorien – als Basis gesunder Ernährung dient es nun wirklich nicht. Und doch ist es unverzichtbar. Es ist ein zentrales Element und identitätsstiftender Baustein der Esskultur geworden, eine Erinnerung an das kollektive Trauma der Vertreibung und ein Muss bei jedem Powwow. Und das, obwohl es auf so unschöne Art seinen Weg in die Kultur gefunden hat.

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Wer ist denn jetzt schuld? – „Effi Briest“ von Theodor Fontane

Wenige Bücher habe ich in der Schule so sehr gehasst wie Effi Briest. Man hält es offenbar für eine gute Idee, Siebzehnjährige dieses Buch lesen zu lassen, denn immerhin geht es ja um eine Siebzehnjährige. Trotzdem kommt das Buch erstaunlich schlecht an – wer ist Schuld daran? Liegt es an Effi? Am schrecklich langweiligen Baron von Instetten? Oder an Effis Affäre mit diesem furchtbar affektierten Major mit seinem albernen Bart?

An der Geschichte allein kann es jedenfalls nicht liegen, die verkauft sich in jedem Jahrzehnt wie blöd: eine etwas naiv wirkende junge Frau lässt sich auf einen Mann ein, der mehr als 20 Jahre älter ist, heiratet ihn bald darauf sogar. Geld hat er und einen guten Ruf, glänzende Karriereaussichten sowieso. Er führt sie in die Gesellschaft ein, kann ihr aber auf Dauer nicht das bieten, was sie braucht. Zu sehr stellt er seine eigene Karriere in den Mittelpunkt. Laura Müller und Michael Wendler machen damit seit Jahren nicht weniger als zehn Schlagzeilen pro Tag. Hätte Effi Instagram gebraucht? Ich glaube, sie wäre gar nicht unerfolgreich gewesen!

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Der westliche Nabel der Welt – „Weltliteratur“ von Gerrit Wustmann

Was macht Weltliteratur eigentlich aus? Wer bestimmt, welche Literatur von Weltrang ist und welche übersehen wird? Diesen Fragen widmet sich der Orientalist Gerrit Wustmann in Weltliteratur und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Wer „Weltliteratur“ sagt, meint fast immer „Westliteratur“.

Auf den Bestsellerlisten und auch auf den Empfehlungslisten, die von Gremien oder Einzelpersonen immer wieder stolz präsentiert werden, sieht man vor allem Literatur aus Europa und Nordamerika. Nur selten findet sich dort ein Werk aus der Türkei oder einem arabischen Land und auch große Teile des afrikanischen Kontinents sind literarische terra incognita. Kulturell nimmt der Westen diese Länder nicht ernst, so der Vorwurf Wustmanns. Dabei hat man es eigentlich so leicht wie nie. Nie zuvor war die Kommunikation über Grenzen hinweg so einfach, nie der Zugang zu anderen Kulturen und ihren Literaturen so leicht. Goethe, der den Begriff der Weltliteratur geprägt hat, konnte davon nur träumen. Doch die meisten Verlage scheuen das Risiko, teure Übersetzungen aus selten angefragten Sprachen zu beauftragen und dann möglicherweise palettenweise Unverkäufliches in den Schredder zu werfen. Da setzt man lieber auf eine sichere Bank: rund 80 – 90% der Übersetzungen auf dem deutschen Buchmarkt stammen aus europäischen Sprachen, 60% allein aus dem Englischen.

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Auf der Suche nach verwischten Spuren – „Das russische Rätsel“ von Sabine Huttel

Eigentlich ist Liane kein abenteuerlustiger Mensch. Der Ruhestand ist in greifbarer Nähe, ihr Leben in geregelten Bahnen, doch ein Geheimnis in ihrer Familie lässt sie einfach nicht los: Ihr Vater war in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und seine späte Rückkehr aus dem Krieg hat die Ehe ihrer Eltern und damit auch ihre Lianes eigene Kindheit stark beeinflusst. Den Vater erlebt Liane in ihrer Kindheit mitunter als abweisend und respekteinflößend. Seine Erlebnisse in den Kriegsjahren hängen dann wie ein dunkler Schatten über ihm. Er kann aber auch ganz anders sein, liebevoll und gelöst. Mit Liane aber spricht er nicht über das, was geschehen ist. Es scheint ihr, als müssten diese Jahre ein ewiges Geheimnis in der Vergangenheit ihres inzwischen verstorbenen Vaters bleiben.

„Mein Vater war zerbrochen. Der Krieg wütete weiter in ihm, verfolgte ihn bis in seine intimsten Regungen. Er beherrschte sein Nervensystem. Da gab es kein Entkommen.“

Doch plötzlich findet sich eine günstige Gelegenheit, Licht ins Dunkel zu bringen. Ein englischer Freund Lianes, der Russisch spricht, arbeitet gerade an der Universität in Moskau. Er bietet ihr an, sie auf der Suche zu begleiten und zu unterstützen. Ganz entgegen ihrer Gewohnheiten ergreift Liane die Gelegenheit, bucht Flüge und packt Koffer und ist schon bald auf dem Weg nach Russland. Über St. Petersburg, Moskau und Jekaterinburg reisen sie und ihr Freund in einem unerträglich heißen Sommer nach Djegtjarsk, einer kleinen Stadt, in der sich einst die Kriegsgefangenenlager 313 und 476 befanden. Die erhofften Antworten aber findet Liane in diesem entlegenen Ort nicht. Auch das Reichskriegsarchiv in Moskau entpuppt sich als Reinfall. Die Aufzeichnungen, die Liane sucht, scheint es gar nicht zu geben und falls doch, verbergen sie sich hinter den unüberwindbaren Mauern der russischen Bürokratie.

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Die Strafe der ewigen Verbannung – „Circe“ von Madeline Miller

Circe, Tochter des Sonnengottes Helios, hat in der Mythologie nicht den besten Ruf. Mit magischen Kräften ausgerüstet sitzt sie auf ihrer Insel, lockt nichtsahnende Männer und verwandelt dann alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, in Schweine oder Schlimmeres. Prominentestes Beispiel sind sicher die Männer des Odysseus, die sie erst in ihren Schweinekoben gesteckt und dann nebst ihrem prominenten Kapitän unnötig lang auf der Insel festgehalten haben soll. Nachdem nun wohl Gras über diese Sache gewachsen ist, lässt Miller Circe jetzt selbst zu Wort kommen und erzählen, wie das aus ihrer Sicht alles war.

Und das klingt alles ganz anders: Von frühster Kindheit fühlt Circe sich in ihrer Familie und am Hof ihres Vaters ausgesondert. Sie gilt als sonderbar, ihre Geschwister verlachen sie wegen ihrer krächzenden Stimme, die Götter nehmen sie nicht ernst und ihre erste große Liebe Glaucos will lieber die schöne Nymphe Scylla heiraten. Doch Circe hat ein schlummerndes Talent, das sie selbst erst spät entdeckt. Sie ist eine Hexe und kann mit Hilfe von Kräutern und Essenzen zaubern. Sie verwandelt Menschen in Unsterbliche, Männer in Schweine, Fische in Schafe – ein Wort der Circe genügt und die Welt steht Kopf. Damit kommt sie sogar gegen die Götter an, selbst wenn sie nicht mit ihnen auf einer Stufe steht. Nach einem magischen Fehltritt und einer ordentlichen Ansage von Zeus bleibt Helios keine Wahl, als seine Tochter auf die Insel Aiaia ins Exil zu verbannen, von wo aus sie später ihren wenig rühmlichen Einzug in die Odyssee nehmen wird.

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Essen aus Büchern: Boeuf en Daube aus Virginia Woolfs „To The Lighthouse“

Kein Blog, der sich mit Essen in der Literatur befasst, kommt dauerhaft um Boeuf en Daube nach einem Rezept von Mrs Ramsays Großmutter herum, wie es in To the Lighthouse serviert wird. Das liegt mit Sicherheit zum einen an der hervorragenden Qualität des Essens liegt („The Boeuf en Daube was a perfect triumph.“), aber auch an der Bedeutung, die das Abendessen an sich in der Geschichte einnimmt. Es ist eine der Schlüsselszenen des ersten Teils des Romans. Fäden laufen zusammen, Beziehungen werden plötzlich klar und noch einmal wird thematisiert, dass der ersehnte Ausflug zum Leuchtturm nicht wird stattfinden können. Vor allem für die zentrale Mrs Ramsay ist es die wichtigste Szene überhaupt.

Die Köchin der Ramsays hat nicht weniger als drei Tage auf das Gericht verwendet, das sie nun nicht ohne Stolz präsentiert:

„…and an exquisite scent of olives and oil and juice rose from the great brown dish as Marthe, with a little flourish, took the cover off. The cook had spent three days over that dish. And she must take great care, Mrs Ramsay thought, diving into the soft mass, to choose a specially tender piece for William Bankes. And she peered into the dish, with its shiny walls and its confusion of savoury brown and yellow meats, and its bay leaves and wine, and thought, This will celebrate the occasion – a curious sense rinsing in her, at once freakish and tender….“

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