Essen aus Büchern: Kalbsschnitzel Russischer Art aus Kate Atkinsons „Life After Life“

In Life After Life lässt Kate Atkinson ihre Protagonistin Ursula ein Leben nach dem anderen führen. Wann immer sie stirbt, wird sie einfach ein weiteres Mal geboren und fängt gewissermaßen von vorne an. Kleinste Entscheidungen, die sie im nächsten Versuch anders trifft, ändern ihr Schicksal und das anderer, verkürzen und verlängern Leben. Ein besonders schwerer Punkt, an den sie in mehreren Leben kommt, ist das „Veal à la Russe“, eine Kreation der Haushälterin Mrs Glover, die sie immer wieder stolz serviert, obwohl die Resonanz zumindest verhalten ausfällt. Direkt nach der grauenhaften Buddenbrook’schen Specksuppe ist dieses Gericht wohl da am meisten geschmähte, von dem ich je gelesen habe. Ursulas Bruder Jimmy sagt, es sähe aus wie Hundefutter und Mrs Glover erläutert beim Servieren verschnupft, worum es sich handelt:

‚Veal cutlets à la Russe‘, Mrs Glover said as she put a large white china dish on the table. I’m only telling you because last time I cooked it, someone said they couldn’t begin to imagine what it was.“

S. 384
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Grantiges Genie – „Ein Mann der Kunst“ von Kristof Magnusson

Mit politischer Kunst ist KD Pratz in den 1980ern groß, reich und berühmt geworden. So berühmt, dass er es sich jetzt erlauben kann, hinter den dicken Mauern einer alten Burganalage zu leben und mit niemandem mehr zu sprechen. Sein künstlerisches Schaffen in den letzten Jahren ist reine Legende, gesehen hat davon bisher niemand etwas. Das aber schreckt den Förderverein des Frankfurter Wendhals Museums nicht ab. Die Kunstbegeisterten planen einen Neubau, der nur den Werken des großen Künstlers KD Pratz gewidmet sein soll. Pratz soll für Frankfurt das werden, was Beuys für Kassel ist.

Dafür aber muss man Pratz erstmal gewinnen. Zum Erstaunen aller scheint sogar zu gelingen – beim eigenen Neubau werden wohl selbst die größten Einsiedler schwach – und KD Pratz lädt den Förderverein auf seine Burg ein. Sogar sein Atelier will er zeigen, stellt Museumsdirektor Neuhuber in Aussicht. Also geht die Jahresreise des Fördervereines ausnahmsweise mal nicht in eine der internationalen Kunstmetropolen, sondern in einen etwas trostlosen Landgasthof in der Nähe von Rüdesheim. Von dort aus soll ein wenig Altarkunst und moderne Architektur besichtigt werden, vor allem aber die neuen Werke, die bald schon im Wendhals Museum hängen könnten. Besonders Ingeborg ist begeistert von der Aussicht. Seit Jahrzehnten schon ist sie eine glühende Verehrerin von KD Pratz und reist zu jeder Ausstellung, die auch nur einen Schnipsel seines Werks zeigt. Begleitet wird sie bei der Reise von Sohn Constantin, der auch der Ich-Erzähler des Romans ist. Allein aufgrund seines Alters sticht er aus der Gruppe heraus und kommentiert das weitere Geschehen aus einer etwas abseitigen Position. Er schätzt das Engagement des Fördervereins, daran lässt er keinen Zweifel, er sieht aber auch, dass der ganze Haufen doch etwas schrullig ist.

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Gezeichnete Erinnerung – „Painter of Silence“ von Georgina Harding

In der rumänischen Stadt Iași, die in den 1950ern ein ausgesprochen tristes Bild abgibt, kommt eines Tages ein Mann an, dem man ansieht, dass die letzten Jahre hart für ihn waren. Er schleppt sich bis vor die Tür des Krankenhauses und bricht dort zusammen. Papiere hat er nicht dabei, er weigert sich, zu sprechen und augenscheinlich kann er weder lesen noch schreiben. Eine Krankenschwester beschließt, ihn Ioan zu nennen, nach ihrem Sohn, der nie aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Als ihre Kollegin Safta von dem geheimnisvollen Patienten hört, ahnt sie gleich, dass es Augustin ist und dass er hier ist, weil er nach ihr gesucht hat.

Ihr Verdacht bestätigt sich. Als Kinder haben Safta und Augustin viel Zeit miteinander verbracht. Augustins Mutter war die Köchin von Saftas Familie und als Kinder haben die Gleichaltrigen oft miteinander gespielt und wurden eine Zeit auch gemeinsam unterrichtet, bis man beschloss, dass es sinnlos ist, Augustin etwas beibringen zu wollen. Er ist seit seiner Geburt gehörlos und die Lehrkräfte finden keinen Weg, mit ihm zu kommunizieren. Die unbeholfenen Versuche, ihm dooch noch das Sprechen beizubringen, scheitern allesamt. Schließlich findet er selbst einen Weg, sich der Welt mitzuteilen, indem er zeichnet. Mit einfachsten Mitteln und selbstgemischten Farben zeichnet er seine Umwelt und erzählt über seine Bilder das, was er in Worten nicht äußern kann. Safta hofft, dass sie ihn auch jetzt wieder über diesen Weg erreichen kann. Sie bringt ihm Papier und Stifte, doch zunächst rührt Augustin nichts davon an. Sie versucht, Augustins Mutter oder überhaupt jemanden in der alten Heimat Poiana zu erreichen, aber keiner ihrer Briefe wird beantwortet.

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In Harmonie mit allen – „Connect“ von Thea Mengeler

Auf den ersten Blick läuft Avas Leben richtig gut. Als Designerin in einer erfolgreichen Agentur ist sie kurz davor, richtig Karriere zu machen, am Wochenende ist sie zu hippen Partys eingeladen und besucht Vernissagen mit ihren ebenfalls hippen Freundinnen. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass sie das alles gar nicht mehr kann und am Wochenende kaum die Energie aufbringt, ihr Sofa zu verlassen. Das ändert sich, als sie bei einer Ausstellung zufällig ihre alte Bekannte Lina trifft. Lina ist viel gelassener als die Freundinnen aus der Agentur und nimmt sie mit zu einem Treffen von connect, einer Gruppe, in der die Barrieren zwischen den Menschen abgebaut werden sollen und die Menschen befähigen will, so zu leben, wie sie es wirklich wollen. Ava ist zunächst skeptisch. Bei den „Körperübungen“ fühlt sie sich befangen und die totale Offenheit zwischen den Mitgliedern ist ihr fremd. Doch um Zeit mit Lina zu verbringen, geht sie jede Woche mit zu den Treffen in einer ehemaligen Turnhalle und hört immer mehr Erfolgsgeschichten von Menschen, die es schaffen, mit Hilfe von connect endlich ein freies, zufriedenes Leben zu führen, losgelöst von den einengenden Konventionen der Gesellschaft und dem ständigen Erfolgsdruck. Schließlich nimmt sie sogar teil an einem Wochenendseminar auf dem „Airfield“, einem ehemaligen Flughafengelände, das die Gruppe als Zentrale nutzt. Dort trifft sie auch das erste mal auf Gründer und Guru Dev. Dev will natürlich nicht Guru genannt werden, denn bei connect sind alle gleich.

Auch ohne Schutzumschlag noch schön. An der Buchgestaltung hat die Autorin mitgewirkt.
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Freunde und Verrat – „Der Sohn des Akkordeonspielers“ von Bernardo Atxaga

David und Joseba wachsen gemeinsam in einem kleinen Dorf im Baskenland nahe Gernika auf. Jahre später kämpfen sie unter den Namen Ramuntxo und Etxeberria im Untergrund für ein unabhängiges Baskenland. Erst Jahrzehnte später und auf einem anderen Kontinent können sie sich wieder als David und Joseba in die Augen sehen.

Obaba ist ein kleines Dorf im Baskenland. Man kennt sich, aber vertraut sich nicht. David, der Sohn des Akkordeonspielers, wächst dort auf im politisch angespannten Klima der 1960er und 70er Jahre. Sein Vater Ángel ist als begabter Musiker geschätzt, als Vater aber jähzornig und aufbrausend. David verbringt so wenig Zeit wie möglich mit ihm und lebt stattdessen fast komplett auf dem Pferdehof seines Onkels. Schon als Jugendlicher lernt er, dass man außer seien engsten Freunden besser niemandem vertraut. Man weiß nie, wer auf welcher Seite steht und wer sie wie schnell zu wechseln bereit ist.

„Was ist von jemandem zu erwarten, der eine solche Vorgeschichte hat, der in einem politischen Umfeld aufwächst, in dem das Baskische selbst auf Grabsteinen verboten war?“

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Geboren um zu graben – „Der Mann, der Troja erfand: Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann“ von Leoni Hellmayr

Wenige Archäologen haben es zu so nachhaltigem und zugleich zweifelhaftem Ruhm gebracht wie Heinrich Schliemann. Das hängt sicher auch mit dem legendären Grabungsort zusammen, den er auserkoren hatte: Als glühender Anhänger Homers und seiner Schriften war er besessen davon, das sagenumwobene Troja zu finden und seine legendären Schätze zu bergen.

Seine Grabungsmethoden waren dabei so unkonventionell wie sein ganzer Lebensweg. Geboren und aufgewachsen in recht einfachen Verhältnissen in Mecklenburg-Vorpommern zog es ihn bald hinaus in die Welt, wo er mit großem Lernwillen und einem Geschick für Sprachen schnell sein Glück machte. Schliemann hatte ein Händchen dafür, dort zu sein, wo man gerade Geld machen konnte. Niederlande, Russland, Ägypten, USA – er scheute weder Gefahren noch Distanzen und profitierte von guten Handelsbeziehungen ebenso wie vom amerikanischen Goldrausch. Innerhalb weniger Jahre sammelte Schliemann ein ganz beachtliches Vermögen an. Seine eigentliche Liebe galt aber nicht dem Handel, sondern Homer.

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Essen aus Büchern: Spaghetti al Limone aus Ariane Kochs „Die Aufdrängung“

Ariane Kochs Debüt-Roman Die Aufdrängung ist ein sehr schwer greifbarer Text. Nur wenig wird konkret benannt und selbst die Eckpfeiler der Handlung bleiben im Dunkeln. Der Roman handelt von einer Frau, die in ihrem Leben unzufrieden ist, aber nicht die Kraft findet, es zu verändern, bis ein Gast in ihr Leben eindringt. Wer der Gast ist ob Mensch, ob Tier, ob Phantom – man weiß es nicht. Ebenso wenig konkret wird der Ort, an dem sie lebt. Ein beinahe unvorstellbares Haus mit einem immer voller Staubsauger, das in einem vage umrissenen Dorf in den Bergen liegt. Umso netter, wenn es wenigstens halbwegs Greifbares gibt, und wenn es nur ein Teller Nudeln ist:

„[…] und habe mich dann abgewandt und bin ohne sichtbares Zögern zum Haus zurückgelaufen, habe mich aufs Sofa gelegt wo ich einen großen Teller mit Spaghetti al Limone zu mir genommen habe, während im Fernsehen eine Sendung über den Beinbruch eines Elchbabys ausgestrahlt wurde.“

Ob das aber tatsächlich so war, weiß man nicht, denn der ganze Satz, aus dem das Zitat stammt und der so lang ist, dass er ein eigenes Kapitel bildet, beginnt mit „Oder es ist alles noch viel schlimmer…“ und ist damit wieder nur eine weitere Möglichkeit in der schwebenden Realität dieses Romans. Möglicherweise also hat es das Spaghetti-Essen auf dem Sofa nie gegeben. Bevor sie also in den Nebeln alternativer Enden verschwinden, hier schnell das Rezept:

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Women’s Prize for Fiction für Ruth Ozeki

Ruth Ozeki wurde am 15.06.2022 für ihren vierten Roman The Book of Form and Emptiness mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Der Roman erzählt die Geschichte von Benny, der nach dem Tod seines Vaters beginnt, die Stimme von Dingen zu hören. Überfordert von der Stimmenvielfalt zu Hause findet er einen Rückzugsort in der örtlichen Bücherei, wo er einigen interessanten Charakteren begegnet.

Ozeki berichtet, dass sie sich in ihrer Kindheit oft vorgestellt habe, wie es wäre, wenn die Ding um sie herum ein Bewusstsein hätten und dass sie sich bis heute manchmal fragt, welche Geschichten sie wohl zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten.

Die Jury ist begeistert von Ozekis Fähigkeit, so unterschiedliche Themen wie Tod und Verlust, Neurodiversität, Klimawandel und Jazz zu einem stimmigen Roman zu verknüpfen, der dann auch noch voller Humor ist.

Der Roman erscheint im September unter dem Titel Die leise Last der Dinge bei Eisele.

Im Beitrag zur im März erschienen Longlist sind alle nominierten Titel zu finden.

Ein gefährlicher Gast – „Carmilla, die Vampirin“ von Sheridan Le Fanu

Die junge und schöne Halbwaisin Laura lebt mit ihrem Vater und etlichen Bediensteten fürstlich aber abgelegen in der Steiermark. Als Kind hatte das junge Mädchen ein schreckliches Erlebnis: in einer Nacht kam eine Frau in ihr Zimmer, biss sie in die Brust und verschwand gleich darauf wieder. Ein Albtraum, so versucht ihre Amme sie zu beruhigen. Aber steckt da wirklich nicht mehr dahinter?

Zwölf Jahre nach diesem mysteriösen Erlebnis häufen sich seltsame Zwischenfälle in der Gegend. Ein Freund des Vaters verliert seine junge Tochter an eine nicht näher benannte Krankheit. In mehreren Familien werden junge Frauen krank und siechen binnen weniger Tage dahin. Und plötzlich verunfallt eine adlige Familie quasi direkt vor Lauras Haustür. Einer schönen Frau und ihrer schönen Tochter (die Menge der schönen Frauen in diesem Roman ist enorm) gehen die Pferde durch und die Tochter verliert das schöne Bewusstsein. Die Mutter ist ganz aufgelöst, sie ist auf lebenswichtiger Mission! Auch nur eine Stunde Verzögerung bringt alles in Gefahr! Lauras Vater lässt sich hinreißen, die Tochter bei sich aufzunehmen, bis ihre Mutter in wenigen Wochen ihre Mission beendet haben wird.

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Annäherung im Outback – „The Idea of Perfection“ von Kate Grenville

Weniger als 1.500 Einwohhner hat Karakarook in New South Wales und doch ist es wichtig genug um gleich zwei Menschen aus Sydney in die Kleinstadt zu bringen: Der unter Höhenangst leidende Ingenieur Douglas Cheeseman soll den Abriss und Neubau einer historischen Holzbrücke leiten, Harley Savage soll mit der Einrichtung eines Heimatmuseums helfen. Beide haben nicht nur ihre Arbeit mit in die Kleinstadt gebracht, sondern auch ihre Vergangenheit. Unter den aufmerksamen Augen der Kleinstadtbevölkerung nähern sich beide an, ohne es zu wollen.

Harley hatte eigentlich vor, niemanden mehr in ihr Leben zu lassen, seit der letzte ihrer drei Ehemänner sich umgebracht hat und dass auf so brutale Weise, dass sie glaubt, es läge an ihr und in ihr. Doch als sie kaum zehn Minuten in der Stadt ist, drängt sich schon das erste Lebewesen in Form einer herrenlosen Hündin in ihr Leben. Sie hat überhaupt keine Lust, sich um sie zu kümmern, kauft aber nur dieses eine Mal eine Dose Hundefutter. Und von da an jeden Tag, immer ein letztes Mal. Den Rest ihrer Tage verbringt sie damit, den Leuten zu erklären, was wirklich interessante Ausstellungsstücke für das Karakarook Pioneer Heritage Museum sind und arbeitet an einem Quilt, den niemand versteht, weil er zu „zeitgenössisch“ ist.

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