Schwer zu tragen – „Reisen mit leichtem Gepäck“ von Tove Jansson

Die Schriftstellerin und Grafikerin Tove Jansson ist in Deutschland und der Welt vor allem wegen ihrer Mumins bekannt und beliebt. Doch auch jenseits der Grenzen des Mumintals hinterließ sie ein abwechslungsreiches schriftstellerisches Werk, das vor allem Erzählungen umfasst. Einige davon finden sich in deutscher Übersetzung im Band Reisen mit leichtem Gepäck.

Um das Reisen an sich geht es dabei nur in wenigen Texten. In der titelgebenden Erzählung trifft man auf einen Reisenden, der seinen Alltag hinter sich gelassen hat, keinerlei Erinnerungen mit sich nimmt und davon träumt, unbeschwert durch die Welt zu treiben. Seine Mitreisenden aber, die auch fern der Heimat verzweifelt an ihren Erinnerungen hängen, machen ihm da einen gehörigen Strich durch die Rechnung. 

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Kosmischer Inzest – „The Ventriloquist’s Tale“ von Pauline Melville

Der Bauchredner in Pauline Melvilles Roman erzählt eine Geschichte, die in südamerikanischen Volksmythen eine häufige ist: Mond und Sonne sind Geschwister, der Mond der Bruder, die Sonne die Schwester. Tag für Tag jagen sie einander über den Himmel, bis sie bei einer Sonnenfinsternis in einem inzestuösen Akt vereint werden. Diesen Mythos nimmt Melville als Ausgangspunkt, um die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie zu schildern. 

In Guyana siedelt sie die Familie McKinnon an, die ihren Namen von einem schottischen „Freidenker“ hat, der sich in der Rupununi-Savanne angesiedelt und eine Familie gegründet hat. Über drei Generationen hinweg wird die Geschichte dieser Wapisiana-Familie erzählt, deren Untergang mit der Liebesbeziehung zwischen den Geschwistern Beatrice und Danny beginnt, den Kindern des Schotten. Zur Zeit der Sonnenfinster 1919 beschließen die beiden, fortan als Mann und Frau zu leben und tauchen unter in den Weiten des Hinterlandes von Guyana. Noch viele Jahre später leidet ihre Schwester Wifreda an den Folgen dieser Beziehung, die sie als Verrat empfindet. Im hohen Alter reist Wifreda noch einmal in die Hauptstad Georgetown, wo sie sich einer Operation unterziehen muss. Begleitet wird sie von ihrem Neffen Chofy, der prompt seine Familie vergisst und ebenfalls eine gefährliche Affäre beginnt. Er verliebt sich in Rosa, die nach Guyana gekommen ist, um auf den Spuren Evelyn Waughs zu wandeln.

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Für die Frau von heute – „Cuca“ von Alfonsina Storni

Die Schriftstellerin Alfonsina Storni, die im Tessin geboren wurde und den größten Teil ihres Lebens in Argentinien verbrachte, ist im deutschsprachigen Raum so gut wie unbekannt. Das zu ändern hat sich Hildegard Keller nun mit ihrer „Edition Maulhelden“ zur Aufgabe gemacht. Für diese Edition übersetzt sie seit einiger Zeit Texte aus dem sehr abwechslungsreichen Werk Stornis. In Lateinamerika ist Storni vor allem für ihre Lyrik bekannt, sie schrieb aber auch für Zeitschriften. Literaturkritik gehörte dabei ebenso zu ihrem Repertoire wie Reisereportagen und Kurzgeschichten.

Cuca enthält eine Auswahl all dieser Gattungen. Den Beginn bilden einige sehr unterschiedliche Erzählungen. Storni verarbeitet darin sowohl ihre Erfahrungen als Lehrerin, als auch Reiseeindrücke wie die tiefe Freundschaft zu einer Vogelspinne namens Catalina, die im Hotelzimmer der Erzählerin lebt. Ein wiederkehrendes Thema ist auch die gehobene und eigentlich schon abgehobene „bessere Gesellschaft“ von Buenos Aires. Storni beweist darin eine genaue Beobachtungsgabe und einen kritischen, reflektierten Blick.  Andere Texte wie der über die titelgebende Dame namens Cuca sind surreal und phantastisch. In ihren „Zugfensterheften“ notierte Storni Eindrücke einer Reise, die sie von Buenos Aires an der Ostküste bis nach Traful an der Grenze zu Chile unternahm. „Die Distanzen: Das ist Argentiniens Feind“ konstatierte die Autorin irgendwo auf der letzten Etappe hinter Bariloche. Aber immerhin bescherte die lange Reise ihr Einblicke in das Land und seine Leute von der öden Pampa bis zum mondänen Badeort an den Ufern des Correntoso-Sees, dessen Reiz auch Storni sich nicht entziehen konnte: „Eiskaltes Wasser, strahlende Sonne, das Paradies.“

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Essen aus Büchern: Brioche aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

Es ist ein deprimierendes Café, in dem Antoine Roquentin, Erzähler von Sartres Der Ekel an einem nebligen Morgen landet. Der Kellner im Café Mably weist ihm missmutig einen Tisch in einer dunklen Ecke zu, die einzigen anderen Gäste sind ein merkwürdiges Paar, zwei Künstler, die ihr Engagement in der Stadt beendet haben. Die Künstlerin ist ausgesprochen nervös, ihr Begleiter so schweigsam, dass es dem Erzähler unangenehm ist, in der Stille auch nur ein Streichholz anzureißen:

„Sie war mit einem großen Blonden zusammen, der eine Brioche aß, ohne einen Ton von sich zu geben.“

Roquentin selbst hätte gerne ein Hörnchen zu seinem Kaffee gegessen, der Kellner stellt ihm aber nur schweigend den Korb mit den Resten der Künstler auf den Tisch. Bald darauf löscht er auch die Lampe im Gastraum, denn zwei Lampen für einen einzigen Gast, das sieht der Chef nicht gerne. Der Chef, Herr Fasquelle, ist um diese Zeit sonst schon im Café und Roquentin vertreibt sich die Zeit damit, sich vorzustellen, wie er tot in seiner Wohnung über dem Café liegt. Ein Herzschlag, mutmaßt er. Ob es so ist, erfährt man aber nicht mehr, der Erzähler verlässt das Café auf der Suche nach Licht.

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Auf dem Weg zu einer neuen Menschheit – „Maddaddam“ von Margaret Atwood

Mit Maddaddam beendet Margaret Atwood ihre dystopische Trilogie, die sich mit den Folgen einer verheerenden Seuche befasst, die fast die gesamte Menschheit ausgerottet hat. Dieser Band konzentriert sich auf Toby, Zeb und einige andere ehemalige Gardener, denen es vor allem dank kluger Vorratshaltung und strikter Hygienregeln gelungen ist, einigermaßen unbeschadet durch die Seuche zu kommen. An den Rändern einer zerstörten Stadt haben sie nun Zuflucht gefunden in einem verlassenen Haus und versuchen, ihr Überleben auch weiterhin mit Gemüseanbau und Waffengewalt zu sichern.

Dabei haben sie Gesellschaft von einer Gruppe Craker, jenen perfekten Menschen, die Crake geschaffen hat, um die Welt nach der Seuche neu zu bevölkern. Sie sind zwar überirdisch schön, allerdings auch von begrenztem Verstand und grenzenlos naiv, was ihre Mitbewohner einiges an Nerven kostet. Erschwerend hinzu kommt, dass irgendwo in den Wäldern noch Reste der fiesen Killer-Brigade lauern, mit denen Toby und ihre Wegbegleiterinnen schon im Vorgängerband zu tun hatte. Der unerbittliche Überlebenskampf nach der „wasserlosen Flut“ geht also weiter.

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Kurze Runde

Heute gibt es eine kurze Runde durch drei Bücher: in Dismatria schildert die Autorin Igiaba Scego ihre Rassismus-Erfahrungen in Italien, Jonathan Lethem erzählt in Alan, der Glückspilz von Alltäglichem wie Absurdem und Dilek Güngör befasst sich in Ich bin Özlem mit den Identitäts-Fragen einer Tochter türkischer Eltern.

Entwurzelt

Dismatria und weitere Texte von Igiaba Scego

Die Autorin Igiaba Scego ist in Italien als Journalistin, Schriftstellerin und Rednerin bekannt. Dabei  gilt ihr Interesse vor allem dem Kolonialismus und dem Rassismus. Scego wurde in Italien geboren, ihre Eltern stammen allerdings aus Somalia. Somalia ist für sie vor allem das Land ihrer Mutter, das ihr ewig verschlossen bleibt, ausgedrückt in dem von ihr geprägten Begriff „Dismatria“. Für Scego selbst ist ein Leben in Somalia keine Option, zugleich aber fällt es ihr schwer, in Italien Heimat zu finden. Im Freiburger nonsolo Verlag sind nun drei ihrer Texte in deutscher Übersetzung erschienen, ergänzt durch ein ausführliches Vorwort der Romanistin Martha Kleinhans. Einen wenig beachteten Blickwinkel bietet dabei vor allem der Text „Als die Italiener keine Weißen waren“, der sich mit Ressentiments gegenüber italienischen Einwander*innen in den USA befasst und erneut verdeutlicht, wie subjektiv und bar jeder objektiven Grundlage rassistische Konstrukte sind.

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Der lange Atem Leningrads – „Ice Road“ von Gillian Slovo

Slovos Roman über Leningrad und seine bewegte Geschichte findet seinen Anfang im ewigen Eis. Dorthin hat es Irina Davydovna verschlagen als Teil einer Expedition an Bord der Cheliuskin, die im driftenden Eis zerquetscht wird. Irina gehört zu den Überlebenden und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Leningrad, von wo aus sie den Rest der Geschichte erzählt. 

This is my city: the city that I love. In my lifetime I have left its borders only twice, the first time into peril and the second to Moscow and deception. Twice is enough for me. I have lived through Leningrad’s darkest times. I have seen its pain and I have also seen its heroism. I am part of it.

An der Seite ihrer Freundin Natascha, Tochter des hochrangigen Partei-Funktionärs Boris Aleksandrovich, erlebt sie Leningrad in seiner Schönheit und seinem Elend. Die Stadt ist gerade im Umbruch, als Irina von ihrer Arktis-Expedition zurückkehrt. Die Revolution ist geglückt, nun ist es an den ehemaligen Revolutionären zu Funktionären zu werden und den Erhalt ihrer Macht zu sichern. Und das mit allen Mitteln. Irina hat zwar nie hohe Funktionen inne, ist bei ihrer Tätigkeit als Reinigungskraft und Haushälterin den Großen und Mächtigen aber oft ganz nah. Ihre Erzählung beginnt 1934, umfasst die Stalinschen Säuberungen, in denen Natascha ihren geliebten Ehemann verliert, und endet während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Die titelgebende Ice Road spielt dabei nur über eine relativ kurze Zeit eine Rolle. Die auch als „Straße des Lebens“ bekannte Route führte ab dem Winter 1941 über den zugefrorenen Ladogasee und wurde von der Roten Armee genutzt, um die Belagerten mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Die Lage Leningrads war dennoch prekär. Im Roman spielt diese titelgebende Versorgungsstraße natürlich ihre Rolle als Lebensader für die Belagerten, findet aber kaum Erwähnung.

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Mit den Augen einer Außerirdischen – „Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata

Natsuki hat einen großen Auftrag auf dieser Erde. Von ihrem Freund Pyut, der für alle anderen wie ein normales Stofftier wirkt, weiß sie, dass sie von einem fremden Planeten namens Pohapipinpopopia stammt und als „Magical Girl“ die Erde retten muss. Der einzige, der ihr Anliegen versteht, ist ihr Cousin Yu, ebenfalls ein Außerirdischer. Leider sehen die beiden sich aber nur einmal jährlich, wenn sie zum Ahnenfest Obon bei der Großmutter sind. Doch dort schließen sie einen Pakt: in einer Art Eheversprechen geloben sie einander, immer bis zum nächsten Jahr zu überleben. Das allein hält Natsuki am Leben.

„Der Eid, den Yu und ich uns geschworen hatten, hatte sich mir tief eingeprägt. Ich musste so lange wie möglich überleben. Ob wir irgendwann einfach sein könnten, ohne immerzu ums Überleben zu kämpfen?“

Denn zu Hause hat sie es alles andere als leicht. Von ihrer Familie wird sie abgelehnt, und insbesondere von ihrer Mutter und Schwester erfährt sie körperliche wie psychische Gewalt. Freundliche Zuwendung findet sie fast ausschließlich bei einem Lehrer, doch die Aufmerksamkeit wird ihr schnell unangenehm, als sie immer mehr zu ungewollter körperlicher Nähe wird. Als Natsuki allen Mut zusammennimmt und sich ihrer Mutter offenbart, glaubt sie ihr nicht. Schließlich vergewaltigt der Lehrer Natsuki, deren Körper darauf mit dem völligen Verlust ihres Geschmackssinns reagiert.

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Das Debüt 2020 – Meine Entscheidung

Wer hier regelmäßig liest, wird mitbekommen haben, dass meine Lektüre in den letzten Wochen maßgeblich geprägt war von den fünf Finalist*innen von Das Debüt 2020. Heute morgen ist nun die Siegerin des Wettbewerbs gekürt worden: Deniz Ohde hat mit Streulicht den für die Jury besten Debüt-Roman des Jahres 2020 geschrieben. Wie es mit den übrigen Plätzen aussieht, erfahrt ihr im Beitrag von Das Debüt.

Für mich war Streulicht auch ein starker Roman, aber ganz knapp nicht mein Favorit. Meine Punkte habe ich wie folgt vergeben:

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Zwischen Freiheit und Verzweiflung – „Wir verlassenen Kinder“ von Lucia Leidenfrost

Nach und nach verlassen die Erwachsenen das Dorf irgendwo im äußersten Osten Europas. Selbst der Lehrer und der Pfarrer sind schon weg. Sie gehen in andere Städte, in andere Länder, in denen sich Geld verdienen lässt. Ihre Kinder können sie dabei nicht mitnehmen. Sie bleiben zurück, Großeltern und Nachbarn sollen künftig auf sie aufpassen. Von den Eltern kommen regelmäßig Briefe, Geschenke und vor allem das nicht einlösbare Versprechen, bald wieder da zu sein. Doch nach und nach verschwinden auch die Nachbarn, und die Großeltern werden immer gebrechlicher. Sie sind kaum noch in der Lage, auf die eigenen Enkelkinder aufzupassen, vom Rest der Meute ganz zu schweigen. Noch dazu droht ein Krieg. Immer öfter beobachten die Kinder „blecherne Vögel“, die donnernd über das Dorf fliegen und zum Glück erst an anderer Stelle angreifen.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, wobei „wir“ und Mila besonders viel Raum einnehmen. Mila ist die älteste Tochter des Bürgermeisters, einem der letzten Erwachsenen im Dorf, und als einziges Kind nicht Teil von „wir“. Als einzige hat sie auch einen Schlüssel zur Schule, den sie ihrem Vater gestohlen hat und den sie hütet wie einen Schatz. Stundenlang kann sie sich dort in der Bibliothek verstecken. Aber sie schreckt auch nicht davor zurück, sich ohne Schlüssel Zugang zu verlassenen Häusern zu verschaffen und die aufgegebenen Schränke und Schubladen nach Brauchbarem zu durchsuchen. „Wir“, das ist der Rest der Kinder, darunter auch Milas Schwestern, die als unzertrennliche Meute durch das Dorf und seine Umgebung ziehen. Sie haben eigene Regeln aufgestellt und erlassen mitunter drakonische Strafen, wenn diese gebrochen werden. Wer einem von ihnen schadet, schadet allen. Sie begreifen sich als einen großen Organismus und sprechen auch als solcher. Nur selten kommen auch andere zu Wort. Erwachsene, die vor sich selbst versuchen zu rechtfertigen, dass sie ihre Kinder im Stich gelassen haben, die sich sorgen und sich fragen, warum auf ihre Briefe kaum eine Antwort kommt.

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