Fast 30 Jahre nach seinem Erscheinen sorgt der Roman der belgischen Autorin Jacqueline Harpman für einen internationalen Hype. Kein Wunder, denn er bietet in seinem dystopischen Setting jede Menge Platz für Interpretation und offene Fragen.

39 Frauen und ein junges Mädchen sitzen in einem Käfig, der sich wiederum in einem fensterlosen Raum befindet. Wachen patrouillieren zwischen Käfigstäben und Wand. Der Tagesrhythmus wird diktiert von künstlichem Licht und der Anlieferung von Lebensmitteln. Die Frauen wissen nicht, warum sie inhaftiert sind. Je länger ihre Haft andauert, umso vager und schemenhafter werden ihre Erinnerungen an das Leben davor. Nur das Mädchen kam so jung in diese Zelle, dass sie sich an nichts anderes als das Leben hinter Gittern erinnert und es als ihre Realität akzeptiert.
Dennoch ist sie die erste, die den Käfig verlässt, als die Wärter auf unerklärliche Art und Weise verschwinden. Hundert Stufen geht es hinauf in eine Welt, die keiner der Frauen vertraut ist, in der es keine Anzeichen von Besiedlung gibt, nur eine Ebene mit ein paar Bäumen und wenigen Insekten. Die Frauen sind sich nicht einmal sicher, ob sie sich noch auf der Erde befinden. Nahrung finden sie en masse in den Lagerräumen des Bunkers, dem sie gerade entkommen sind, das Klima ist so mild, dass sie sich um Schutz vor dem Wetter erstmal keine großen Gedanken machen müssen. Aber reicht es schon zum Leben, wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind? Gehört zum Menschsein nicht mehr dazu?
Jacqueline Harpman schickt die Frauen auf eine lange Wanderung ohne Ziel. Erzählt wird der Roman von der Frau, die als Mädchen in den Käfig gekommen ist und kein anderes Leben kennt. Sie lernt nur, was die anderen Frauen ihr beibringen können und was sie ihr vorleben. Sie wächst auf in einem gesellschaftlichen Konstrukt ohne Männer, ohne Privatbesitz, Lohnarbeit, Straßen, Kinos, Frühjahrskollektion und Zahnarzttermin. Das wenige, was die Frauen brauchen, gibt es im Überfluss. Was bedeutet es, in so einer Gesellschaft aufzuwachsen und als Frau zu leben?
Das scheint mir die zentrale Frage des Romans zu sein, der derzeit als feministischer Klassiker gefeiert wird. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er dazu wirklich das Zeug hat. 1998 hat es Hoffmann und Campe jedenfalls auch schon mal mit einer Übersetzung des Titels versucht, das aber offenbar mit keinem ganz nachhaltigen Erfolg. Das Setup des Romans ist dystopisch und mysteriös, bringt aber weniger Spannung mit, als man es von anderen Dystopien vielleicht kennt. Die Erzählerin nimmt vieles sehr früh vorweg. So erfährt man beispielsweise schon kurz nach dem Ausbruch, dass die Wärter nie zurückkommen, was den Fokus komplett weg von jeglichen Spannungselementen holt und auf die Entwicklung der Frauen legt. Und man erfährt auch sehr früh, dass die Erzählerin die einzige Überlebende sein wird. Gefährliche Tiere gibt es nicht, nur ein paar harmlose Insekten. Es könnte fast das Paradies sein, wäre da nicht die Perspektivlosigkeit des ganzen Unterfangens. Worauf soll man warten, außer auf den Tod, wenn der einzige Lebensinhalt noch der reine Selbsterhalt ist?
„Für mich hingegen ist eine Erinnerung nichts als das Gefühl, an einem bestimmten Ort zu existieren, zusammen mit denselben Personen, und die immergleichen Dinge zu tun, nämlich essen, seine Notdurft verrichten und schlafen.“
– S. 11
Man merkt dem Roman und seiner Konstruktion an, dass die Autorin Psychoanalytikerin war. An einigen Stellen scheint ihre Symbolik fast ein bisschen dick aufgetragen, aber immer noch passend für einen Roman, der sich mit den Tiefen des Seins befasst. Da braucht es eben ein paar Wendeltreppen, auf denen einem fast schwindelig wird, wie sonst will man ins Unterbewusste gelangen? Wirklich hängen geblieben bin ich aber an den Darstellungen der Frauen. Die meisten der 39 finden keine besondere Erwähnung, nur dem engsten Umkreis der Erzählerin sind Namen und Eigenschaften vergönnt. Der Rest wird oft als „einfache Frauen“ charakterisiert, Hausfrauen und Verkäuferinnen, die aus ihrem vorherigen Leben kaum Kenntnisse und Bildung mitbringen. Diese Erzählung scheint so verinnerlicht, dass nicht einmal eine Apokalypse sie ausrotten kann und dabei ist sie völliger Quatsch.
Ich, die ich Männer nicht kannte ist natürlich ein Knaller-Titel, aber reduziert das Erleben der jüngsten Frau auf diesen einen Aspekt. Ihr Leben und ihr Werden ist unberührt von Männern, aber auch von ganz vielen anderen bedeutsamen Beziehungen, die sie aber gar nicht beschäftigen. Ich, die ich meine Eltern nicht kenne. Ich, die ich nicht weiß, ob ich Geschwister habe. Ich, die ich nie acht Stunden am Stück mit meiner besten Freundin telefoniert habe obwohl wir überhaupt nichts zu sagen hatten. Während die übrigen Frauen diese Beziehungen untereinander finden, ist die Erzählerin aufgrund der großen Altersdifferenz und dem unterschiedlichen Erleben der Ausnahmesituation davon ausgeschlossen.
Das alles macht den Roman überhaupt nicht zu einem schlechten Text und vieles von dem, was mich gestört hat, kann man sicher auch als Programm des Romans lesen. Viele Aspekte sind spannend, das Reflektieren über die Essenz des Menschseins in einem kulturell luftleeren Raum, die Taktiken, mit denen es den Frauen gelingt, Struktur und Regeln in ein völlig haltloses Dasein zu bringen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, wenn doch nichts mehr kommt als immer noch ein sanfter grüner Hügel. Den unbedingten Hype um den „neuen feministischen Klassiker“ sehe ich allerdings nicht gerechtfertigt.


