Finstere Provinz – „Herscht 07769“ von László Krasznahorkai

In Kana geht die Angst um. Florian Herscht fürchtet den Weltuntergang, seine Nachbarin die Neonazis und alle das Wolfsrudel, das sich im Wald herumtreiben soll. Wer sich da reinstürzt, holt vorher besser nochmal tief Luft – der erste Punkt kommt auf der letzten Seite.

In 07769 Kana spielt Krasznahorkais Roman, und damit nur ganz knapp neben 07768 Kahla, mit dem es außer der einen Ziffer in der Postleitzahl absolut alles gemeinsam hat – die Topographie, die Straßennamen, den Ausverkauf der örtlichen Porzellanfabrik an ausländische Investoren. Was den Rest angeht möchte man hoffen, dass es dem realen Vorbild besser geht, denn um Kana steht es wirklich nicht gut.

Doch Florian Herscht, wohnhaft im siebten Stock eines Hochhauses in der Ernst-Thälmann-Straße, fühlt sich hier ganz wohl. Er ist ein Hüne, unwahrscheinlich groß und stark, geistig aber nicht ganz auf der Höhe, glauben die meisten. Ein Kind im Körper eines Riesen, lautet die einhellige Meinung in der Kleinstadt. Der „Boss“ hat ihn hierher gebracht, ihm die Wohnung verschafft und einen schwarz bezahlten Job in seiner Gebäudereinigungsfirma. Auf ihn lässt Florian nichts kommen, auch wenn der Boss ihm öfter mal eine langt, wenn er mal wieder begriffsstutzig ist oder beim Singen der Hymne (alle Strophen) einen Fehler macht. Florians anderer Anlaufpunkt ist der Lehrer Köhler, den er bei einem Vortrag über Teilchenphysik kennengelernt hat, ein Thema, das ihn so sehr beunruhigt, dass er gar die Sicherheit der Welt gefährdet sieht und warnende Briefe an Angela Merkel richtet. Sie bleiben unbeantwortet.

Doch nicht nur auf der Weltbühne lauert Gefahr, auch in Kana wird es unsicher. Die Kleinstadt ist auf dem absteigenden Ast. Die jungen Leute ziehen weg, die alten resignieren. Einst hatte man Hoffnung in den Tourismus gesetzt, ist ja eine hübsche Gegend, doch auch der kommt nicht ins Rollen. Der schlechte Ruf der ostdeutschen Provinz zerstört jede Hoffnung. In der „Burg“ trifft sich tagtäglich ein Kreis von Neonazis, angeführt und angestiftet vom Boss. Den Rest der Bewohner*innen sorgt das nicht unerheblich und führt schließlich in eine brutale Gewaltspirale. Das einzige, was der Boss nicht zu Klump schlagen will, ist Johann Sebastian Bach, den er tief verehrt, sogar so sehr, dass er eigens ein Orchester aufbaut, das seine Werke in Kana spielen soll. Das allerdings kommt über holprig vorgetragene Evergreen-Arrangements nicht hinaus. Florian aber steckt er mit seiner Begeisterung an, der in Bachs Musik eine ungeheure Tiefe findet und sie bald ständig hört, sogar nach Leipzig reist, um ein richtiges Konzert zu hören.

„[…] und stattdessen schon freitags seinen Overall waschen, damit der bis zum nächsten Tag auf der Heizung halbwegs trocknen konnte, und jeden Samstagvormittag um elf bei der Probe sein, um sein Gehör zu verbessern, aber sein Gehör verbesserte sich nicht, die Krächzstimme blieb, doch es blieb auch das regelmäßige Singen der Nationalhymne im Opel […]

– S. 16

Von all dem erzählt Krasznahorkai in einem einzigen langen, atemlosen Satz. In wörtlicher Rede ist hier und da noch ein Fragzeichen erlaubt, aber der einzige Punkt steht erst ganz am Ende. Gute 400 Seiten Blocksatz, in denen man sich seine Pausen selbst erlauben muss – übrigens eine ganz spannende Erfahrung als Leserin, wird einem diese Entscheidung für gewöhnlich doch abgenommen. Beeindruckend ist auch die Leistung der Übersetzerin Heike Flemming, die diesen feuerspuckenden Bandwurm aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen hat. Mühsam zu lesen ist der Roman trotz seiner seltenen Form allerdings nicht. Eigentlich ist es sogar ein sehr großes Lesevergnügen, man muss eben Nebensätze mögen.

Krasznahorkai überzeugt auf ganzer Linie mit Tiefgang, manchmal sarkastischem Humor und einem wunderbar funktionierenden Porträt des thüringischen Hinterlands. Mit Florian Herscht erschafft er einen bemerkenswerten Protagonisten, der komplett reinen Herzens ist und trotzdem kein Klischee. Seine Wandlung ist unerwartet und steigert den Kleinstadt-Albtraum zur wilden Vendetta. Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet Krasznahorkai den Untergang der Provinz, für die an dieser Stelle Kana steht. Es ist ein Ort tiefer Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit, an dem das Gefühl herrscht, vom Rest der Welt abgeschnitten und für diese ohne Bedeutung zu sein. Als gar der Wolf zurückkehrt, fällt Kana in eine Zeit zurück, in der man im Dunkeln das Haus nicht mehr verlässt und auch alten Freunden nicht mehr traut.

Krasznahorkai ist ein Meister des Apokalyptischen, das merkt man auch bei diesem Roman. Herscht 07769 entwickelt in diesem einen langen Satz einen atemlosen Sog, der einen immer weiter ins Dunkle zieht. Kana und seine Wälder scheinen sich mehr und mehr aus der Realität zu lösen und zu einem Ort zu werden, an dem alles Grauen möglich ist. Herscht 07769 ist ein sehr politischer Roman, in dem die Beklemmung deutlich wird, die sich in einem Ort ausbreitet, der von einer Minorität terrorisiert wird, der sich niemand in den Weg stellen mag. Bei aller Ernsthaftigkeit und allem Anspruch ist es aber auch einfach großartig erzählter Roman und ein großes Lesevergnügen.


László Krasznahorkai: Herscht 07769.
Fischer Taschenbuch 2025, 409 Seiten.

Übersetzt aus dem Ungarischen (OT Herscht 07769, 2021) von Heike Flemming.

978-3-596-70393-7


12 Antworten zu „Finstere Provinz – „Herscht 07769“ von László Krasznahorkai“

  1. Avatar von danares.mag

    Freue mich, dass Dir der Roman auch so gut gefallen hat. Punkt. 🙂

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Wirklich großartig! Ich kenne sonst nur „Melancholie des Widerstands“ von ihm, aber ich muss ganz bald wieder was lesen.

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  2. Avatar von eimaeckel

    Kahla ist wirklich so tot wie der Roman es beschreibt. Von der Burg über der Stadt kann mann ausgemustertes Porzellan über die Mauer werfen und sich was wünschen. Scheint aber nicht zu helfen.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Oh ich hatte es befürchtet, nachdem ich den Ort bei Maps studiert habe. Das Porzellan-Angebot ist immerhin origineller als die Münzen, die man allerorten werfen kann, für sich ja aber auch keine Reise wert.

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    2. Avatar von Constanze Matthes

      Naja, die Leuchtenburg mit den Porzellanwelten ist schon einen Besuch wert.

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      1. Avatar von schiefgelesen

        Ich finde das Porzellan auch gar nicht schlecht. Ein paar Sachen davon hab ich im Schrank. Sollte ich mal in der Gegend sein, mach ich auf jeden Fall einen Abstecher dahin!

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        1. Avatar von Constanze Matthes

          Jena, Weimar und Erfurt sind auch eine Reise wert, ich bin jedenfalls sehr gern dort. Einen schönen Sonntag!

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      2. Avatar von eimaeckel

        Die Leuchtenburg hat mir auch gefallen und das Porzellan von „Kahla“ auch, aber im Ort trifft man keine Menschenseele.

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  3. Avatar von Constanze Matthes

    Deine Besprechung macht richtig Lust, den Roman zu lesen. Im Übrigen in Thüringen gekauft – nicht weit von Kahla/Kana. Viele Grüße

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Wie passend! Ich wünsche dir ganz viel Spaß beim Lesen. Wenn man die Gegend kennt, ist es sicher nochmal interessanter.

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  4. Avatar von soerenheim

    Die Stadtbibliothek hier hat mittlerweile auch ein paar Bücher von ihm, die wollte ich demnächst mal holen gehen. Wobei ich von punktlosen Endlos-Sätzen zumeist nicht mehr allzu viel halte. Das wirkt in den meisten Fällen eher gezwungen, als wäre es erst mit Punkten geschrieben und dann für den Effekt herausredigiert worden – zum Beispiel bei Marquez’ Herbst des Patriarchen.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Diese Bedenken hatte ich auch. Und fairerweise muss man sagen, dass es ein paar Stellen gab, bei denen ich dachte „Dieses Komma hätte auch ein Punkt sein können“. Wie das im Original aussieht, kann ich natürlich nicht beurteilen, Ungarisch funktioniert ja schon ein bisschen anders. Ich fand es im Ganzen aber gar nicht gezwungen oder irgendwie aufgesetzt, es hat sich wirklich gut lesen lassen, wenn man natürlich auch erstmal reinfinden muss.

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