Die Gedanken sind sein -„Kallocain“ von Karin Boye

In Kallocain erzählt Karin Boye von einem totalitären Staat, der seine Bürger*innen bis ins letzte überwachen will und kann. Über Spitzel in jedem Haushalt, Kameras im Schlafzimmer und schließlich einer Droge, die dazu zwingt, die Wahrheit zu sagen.

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Leo Kall kann. Und er kann sie nicht nur erraten, er kann ihre Herausgabe mühelos erzwingen. Möglich macht das die von ihm entwickelte Wahrheitsdroge Kallocain.

Kallocain spielt im mächtigen Weltstaat, dessen Bürgerinnen und Bürger für und durch den Staat leben. Wo sie das tun, bestimmt der Staat. Jugendliche werden nach ihren Begabungen sortiert in die Städte verbracht, in denen sie der Gesellschaft den größten Nutzen bringen werden. So ist Leo Kall einst in die Chemiestadt Nummer 4 gekommen, wo er wie alle anderen auch eine unterirdische Wohnung bewohnt, staatliche Kontrolle im Schlafzimmer inklusive.

Stört das Leo Kall? Nein! Er glaubt an den Weltstaat und seine Rolle darin. Deshalb ist es ihm auch wichtig, dass seine Mitbürger*innen, in diesem Staat Mitsoldat*innen genannt, die Wahrheit sagen. Nichts ist ihm mehr zuwider als systemabweichende Meinungen, die dem Staat schaden könnten. Kallocain kann dem ein Ende setzen. Einmal gespritzt hat man mehrere Minuten Zeit, ein Verhör durchzuführen, bei dem die Befragten nichts als die Wahrheit sagen können. Dabei sind sie bei vollem Bewusstsein und können sich, anders als nach dem Konsum anderer Drogen, auch noch exakt erinnern, was sie gerade alles erzählt haben. Scham und Schuld inklusive. Der Einsatz ist denkbar vielfältig. Selbstverständlich in der Strafverfolgung, aber auch bei Einstellungsgesprächen oder einfach als jährliches Check-Up der Staatstreue kann Kallocain genutzt werden, stellt sein Erfinder sich vor. An die gruseligen Implikationen die das Wunderserum haben kann, denkt Kall bei den ersten erfolgreichen Versuchen noch nicht. Für ihn ist dieses Mittel der ganz große Durchbruch, wissenschaftlich wie persönlich.

„Gehört nicht der ganze Mitsoldat dem Staat? Wem sollen seine Gedanken und Gefühle gehören wenn nicht dem Staat?“

– S. 19

Der Weltstaat, dieses durchmilitarisierte Konstrukt, in dem die einige Gemeinschaft über allem steht, erinnert in vielen Punkten an die Sowjetunion, die Boye bei einer Reise kennengelernt hatte. Das Vorbild eines zeitgenössischen totalitären Staats hätte sie aber auch im Deutschen Reich finden können. Die Autorin war sich der Brisanz ihres Stoffs bewusst und achtete darauf, alle Namen so international zu wählen, dass ihr 1940 erschienener Roman nicht zum Politikum verkommen konnte. Auch legte Boye Wert darauf, den Roman in der weit entfernten Zukunft des 21. Jahrhunderts anzusiedeln.

In ihrer Dystopie des kompletten Überwachungsstaats erzählt sie von einem Staat mit einer aalglatten Oberfläche, an der alle Bürger*innen begeistert für ihr Vaterland einstehen und nichts daran auszusetzen haben. Die Wahrheit, die das Kallocain ans Licht bringt, ist natürlich eine ganz andere. Die größte Sorge bereitet den Ermittlern eine Gruppe von Menschen, die einer Art Guru zu folgen scheinen und vom Leben in einer abgelegenen Wüstenstadt fabulieren, in einer freien Gesellschaft. Doch so hart man sie auch verhört – über die Hintermänner oder Anführer dieser Gruppe ist nichts in Erfahrung zu bringen. Man stellt staatsgefährdende Gedanken unter hohe Strafen, verfolgt sie vorrangig, selbst noch vor Mord. Bekanntermaßen kann kein Jäger Gedanken schießen, Menschen aber schon. Und so stellt man bald fest, dass bei konsequenter Umsetzung der neuen Gesetze in Kürze die gesamte Bevölkerung zum Tode verurteilt sein wird. Selbst in den obersten Ebenen der Ministerien hat Kallocain schon zugeschlagen.

Boye erzählt davon in nüchternem Ton und bleibt nahe bei ihrer Hauptfigur Leo Kall. Man folgt ihm von der anfänglichen Begeisterung über seine plötzliche Allmacht über die ersten Zweifel, kann zusehen, wie er vom begeisterten Staatsbürger und Mitsoldaten zu einem Menschen wird, der fassungslos mit ansehen muss, was er angerichtet hat. Die Welt, in der Kallocain spielt, ist klar und stringent charakterisiert, obwohl Boye ihrer Beschreibung nur wenig Platz einräumt. Die unterirdischen Behausungen, die wenigen Momente, die an der Erdoberfläche verbracht werden dürfen, sorgen für eine klaustrophobische Stimmung, ebenso wie die schleichende Veränderung im Staat, die Leo Kall spürt, aber nicht benennen kann und darf. Kallocain ist Science Fiction ohne überbordende Weltenbauerei. Wer gerade an sowas seinen Spaß hat, wird von der groben Skizze in diesem Roman vielleicht enttäuscht sein. An einigen Punkten merkt man auch, dass Boye (oder ihr Verlag) lieber im Unspezifischen verweilen wollten, um niemandem zu sehr auf die Füße zu treten. Vielleicht liegt es daran, dass Kallocain es nie in den dystopischen Olymp geschafft hat. Interessant zu lesen und klug erzählt ist der Roman dennoch.


Karin Boye: Kallocain.
btb 2025, 286 Seiten.

Aus dem Schwedischen (OT Kallocain, 1940) von Paul Berf.

978-3-442-77279-7


Was viele nicht wissen: Kallocain und ich wurden bei der Geburt getrennt.


4 Antworten zu „Die Gedanken sind sein -„Kallocain“ von Karin Boye“

  1. Avatar von Alexander Carmele

    Das ist ja ein verrücktes Foto … musste dreimal hinsehen, um es zu begreifen :O … Kollocain will ich auch demnächst lesen, wenn ich eine Dystopie-Reihe starte, kenne das Buch nur von der umfangreichen Besprechung von Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstandes. Mir scheint das Buch ziemlich spröde geschrieben zu sein, ist das so?

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    1. Avatar von schiefgelesen

      In letzter Zeit laufen mir so viele Werke über den Weg, die in der Ästhetik des Widerstands vorkommen und an die ich mich nicht erinnere, dass ich es glaub ich nochmal lesen muss. Ich weiß aber nicht, ob ich das nochmal schaffe…

      Spröde trifft es ganz gut, es ist aber stimmig mit der beschriebenen Welt und Kultur, die so sehr rational und auf das Nötigste beschränkt ist.

      Und über mein erstes Sleeveface-Foto hab ich mich wahnsinnig gefreut. Da warte ich seit zehn Jahren drauf 😀

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  2. Avatar von dj7o9

    Tolles Bild und ein Roman den ich auch irgendwann mal lesen möchte. Deine Besprechung habe ich sehr gerne gelesen! Liebe Grüße, Sabine

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Danke dir! Ich bin gespannt, was du sagst, wenn es irgendwann so weit ist.

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