Was euch kaputt macht – „Bemühungspflicht“ von Sandra Weihs

Manfred Gruber, gelernter Metzger, Langzeitarbeitloser, Leistungsbezieher sieht keinen Sinn mehr darin, seiner Bemühungspflicht nachzukommen. Es führt ja doch zu nichts und außerdem findet er, er habe sich im Leben genug bemüht, nur eben nicht um Erwerbsarbeit. Doch der anhaltende Druck von Seiten der Behörden bringt ihn ans Limit.

Manfred Grubers Erwerbsbiografie ist lückenhaft. Eine Lehre in einem Beruf, in dem er dann nicht mehr gearbeitet hat, ein paar Jahre auf dem Bau, eine leidlich laufende Selbstständigkeit – er ist einer, der sich durchgewurschtelt hat, statt seinen Lebenslauf auf Hochglanz zu polieren. Jetzt, mit Ende fünfzig, seit einem Unfall nicht mehr voll belastbar, hat er eigentlich gar keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt, doch das entbindet ihn nicht von seiner Bemühungspflicht.

Dabei hat er sich bemüht. Um seine Ehe, um seinen Sohn, später um seine Mutter, die er lange Jahre gepflegt hat. Ein Pflegedienst, den auch weder er noch seine Mutter hätten zahlen können, wäre den Staat viel teurer gekommen als die lächerlichen Beträge, die er für seine Sozialhilfe zahlt. Oder eben nicht zahlt, wie in diesem Monat, in dem irgendein Nachweis fehlt. Dabei gibt Manfred sich alle Mühe – er geht zu allen Kursen, bewirbt sich auf zehn Stellen pro Monat, geht zum unbezahlten Probearbeiten um an Tag drei die Absage zu bekommen. Er bemüht sich um die Nachbarschaft und darum, dass die Nachbarstochter den tollsten Kaninchenstall der Welt bekommt. Er bemüht sich um seinen Garten und um die Katze, die ab und zu vorbei schaut. Zählt das? Natürlich nicht.

Sandra Weihs erzählt von Manfreds aussichtslosem Kampf gegen ein System, das ihn stützen soll, in das er aber gar nicht reinpasst und das ihm deshalb keine Hilfe sein kann. Die Autorin hat Soziale Arbeit studiert, ebenso wie die Case Managerin, der Manfred irgendwann zugewiesen wird und deren Aufgabe es ist, diesen Mann doch noch irgendwie in Arbeit zu kriegen. Die ihm auch wirklich gerne helfen will, seine Verzweiflung sieht und versteht, aber am Ende auch nicht das System verändern kann.

„Deine Mutter war Arbeit, du hast gearbeitet. Am Ende war sie viel Arbeit und deine Mutter – das ist eine anstrengende Mischung.“

– S. 59

Der Roman ist aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die von Manfred in einem eindringlichen „Du“. Wer mit ihm spricht, wird erst nach und nach klar, ebenso die Bedeutung der Interviewsequenzen mit Manfreds Nachbarn. Schnell wird darin klar, dass Manfred irgendetwas Drastisches getan haben muss, die Auflösung aber lässt lange auf sich warten und trägt die sich aufbauende Anspannung in seiner Situation. Immer wieder versucht er, es besser zu machen, Lösungen zu finden, will es gut und richtig machen, scheitert aber am Ende immer wieder. An sich selbst, am System, an den Erwartungen anderer und an den Fehlern seiner Vergangenheit. Durchsetzt ist die Handlung von den Beschwerdebriefen, die er immer wieder schreibt in der verzweifelten Hoffnung, die Verantwortlichen zu erreichen und zu verdeutlichen, wie brutal das Korsett der Sozialhilfe für ihn und andere ist und dass er eben nicht in einer komfortablen Hängematte liegt, noch nie gelegen hat.

Bemühungspflicht erzählt von Menschen, die auf unterschiedlichste Art Teil des Sozialsystems sind – als Hilfeempfänger, als Sachbearbeiterin, als Case Managerin. In keiner Rolle werden die Menschen darin zufrieden. Seltsam unberührt davon scheinen hier nur jene zu sein, die es erdacht, die von oberster Stelle aus entscheiden, welche Regeln gelten sollen, wer sie umsetzt und wer die Einhaltung kontrolliert. Zu einer Schimpftirade auf „die da oben“ verkommt der Roman dadurch aber nicht. Sandra Weihs schildert stattdessen vielschichtig, reflektiert und sensibel die Schwächen, die das Sozialsystem hat. Zugleich wirbt der Roman für mehr Solidarität mit jenen, die mit dem System kämpfen und bringt auf eine einfühlsame Art eine Lebensrealität näher, die in der medialen Vermittlung sonst eher negativ besetzt ist.

Bemühungspflicht ist ein starker und komplexer Roman, der auf reflektierte und vielstimmige Art von einem System erzählt, das helfen soll und dabei für viele zur Schikane verkommt. Sandra Weihs stellt die Frage in den Raum, ob Lohnarbeit wirklich für alle die Lösung ist, oder manch eine Bemühung nicht anderswo auf frucht- und dankbareren Boden fällt.

Sandra Weihs: Bemühungspflicht.
Frankfurter Verlagsanstalt 2025, 247 Seiten.

978-3-627-00333-3


2 Antworten zu „Was euch kaputt macht – „Bemühungspflicht“ von Sandra Weihs“

  1. Avatar von charlottefondraz9989
    charlottefondraz9989

    Klingt sehr bekannt, wie im echten Leben. 🙂

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Das stimmt! Man merkt auf jeden Fall den Hintergrund der Autorin.

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