Aus vier Perspektiven erzählt Andrea Levy in diesem Roman von britischem Kolonialismus, der großen Hoffnung auf ein Leben im Mutterland und den Brüchen in der englischen Gesellschaft unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Leben in England beginnt für Hortense mit einer großen Enttäuschung. Ihr Mann Gilbert wartet nicht wie erhofft am Pier auf sie, geschweige denn mit Blumen, und sie muss sich und ihren riesigen Koffer mit dem Taxi zu ihrer neuen Adresse transportieren lassen. Und hier geht das Unglück weiter: Sie und Gilbert teilen sich ein schäbiges Zimmer, das kaum zu heizen ist, oben unterm Dach eines Hauses, dessen Zimmer die Besitzerin aus Not untervermietet. Das also ist das glorreiche Mutterland, von dem sie in Jamaika so viel großartiges gehört hat? Ein Gaskocher auf dem Fußboden und auf der Straße Menschen, die ärmlicher nicht aussehen könnten?
Was hat sie denn erwartet, fragt Gilbert, immerhin gab es gerade einen großen Krieg. Und er muss es wissen, schließlich war er selber in der britischen Armee, in der RAF, ein stolzer Kämpfer für ein Land, dessen Ablehnung er nun in voller Härte erfahren muss. Die Menschen geben sich keine Mühe, ihren Hass auf Schwarze zu verbergen. Auf der Straße wird er offen angefeindet, bei der Stellensuche hat er das Nachsehen und Argwohn und Unterstellungen folgen ihm, wohin er auch geht.
Andrea Levy erzählt die Geschichte zunächst aus den Perspektiven von Hortense und Gilbert, von ihrem Aufwachsen auf Jamaika und davon, wie sie gelernt haben, von England nichts als Prunk und Großartigkeit zu erwarten. Davon, wie Gilbert Mitglied der RAF wird und schließlich nach England kommt, wo er erfahren muss, dass koloniale Subjekte nur in den Kolonien willkommen sind und sich auch dort bitte friedlich verhalten sollen. Die Perspektiven der beiden werden später noch ergänzt um Queenie, die eigentlich Victoria heißt, und den beiden das schäbige Zimmer im Haus ihres Ehemanns vermietet, der auch 1948 noch nicht aus dem Krieg nach Hause gekommen ist. Queenie wiederum erzählt davon, wie sie auf dem Land aufwuchs, als eins von vielen Geschwistern, und schließlich den sterbenslangweiligen Bernard heiratete um dem Schweinestall zu entkommen. Die verschiedenen Perspektiven sorgen für Vielfalt und Abwechslung, aber auch unvermeidlichen Dopplungen, etwa wenn Gilbert und Hortense und Queenie erzählen, wie sie Hortenses Ankommen in London erlebt haben.
Das letzte Viertel des Romans gehört dann schließlich Bernard, der aus Mangel an weiteren Perspektiven allein von seiner Zeit in der Armee erzählt, von seinem Einsatz im heutigen Myanmar und später in Indien. Damit kommt eine weitere Komponente der englischen Kriegs- und Kolonialpolitik in die Geschichte: Der Rassismus gegen die Bevölkerung Indiens, die dortigen Auseinandersetzungen und die Politik, die schließlich zur Gründung Pakistans führte, letzteres allerdings nur in leisester Andeutung. Außerdem erzählt Bernard noch davon, wie es kam, dass sein Vater Arthur der verstockte, von Angst gebeutelte Mann wurde, der er vor dem Ersten Weltkrieg noch nicht war. Damit kommt damit unglaublich viel neuer Stoff in den Roman, den er nicht gut tragen kann.
Bis zu diesem letzten Teil ist Small Island eine solide Erzählung über die Hoffnung der jamaikanischen Bevölkerung, Fuß zu fassen im gelobten Land England, Anerkennung zu erhalten, wenn sie bereit sind, für das Commonwealth zu sterben und eine Zukunft zu haben auf dieser anderen Insel. Eine Geschichte über tief verwurzelten Rassismus und eine Gesellschaft, die sich weigert, große Teile der Commonwealth-Bevölkerung als gleichwertige Menschen anzuerkennen. Und darüber, wie Gilbert, seine Frau und seine Freunde täglich darum kämpfen, ihre Würde und Hoffnung nicht zu verlieren. Bernards Kriegserfahrungen haben sicher ihren Platz in dieser Erzählung, die ohne seine Abwesenheit so gar nicht hätte passieren können. Und es ist es verständliches Ansinnen der Autorin, auch dieser Perspektive Gehör zu verschaffen, aber es fügt sich einfach nicht gut ein in diesen Roman, der schon an seinem Hauptthema schwer zu tragen hat.
Small Island erzählt mit Gilberts Geschichten von einem oft absichtlich übersehenen Aspekt britischer Kriegs- und Kolonialgeschichte. Levys Figuren sind komplex und nahbar, was vor allem durch die verschiedenen Erzählperspektiven erreicht wird, die verschiedene Interpretation derselben Situationen verdeutlichen und oft eine gewisse Situationskomik erzeugen. Diese Vielfalt trägt den Roman, belastet ihn aber auch mit einigen Längen und den teils ausufernden Erzählungen dessen, was außerhalb von London 1948 passiert. Wer Lust hat, sich darauf einzulassen, findet mit diesem Roman aber auf jeden Fall eine Lektüre, in die man abtauchen und mit der man sich treiben lassen kann. Andrea Levy zieht einen weit hinein in eine komplexe und belastete Epoche britischer Geschichte.
Andrea Levy: Small Island.
Review 2004, 533 Seiten.
978-0-7553-0750-0
Eine deutsche Übersetzung von Bernhard Robben ist unter dem Titel Eine englische Art von Glück erschienen.
Für diesen Roman wurde Andrea Levy 2004 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist der letzte des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction“, in dem ich alle Shortlist-Titel der ersten 25 Jahre des Preises gelesen habe.


