Zwischen Ostfront, Berliner High Society, Führerliebe und tiefen Zweifeln pendelt Audrey Magees Roman The Undertaking, in dem sie die unterschiedlichen Lebensrealitäten des Zweiten Weltkrieges gegenüberstellt.

Katharina Spinell kann sich ihren Mann aus dem Katalog aussuchen. Sie entscheidet sich für Peter, einen Mann mit sehnigen Händen und freundlichen Augen. Peter kennt von ihr auch nur ein Bild, als er seine Hand auf seinen Stahlhelm legt und schwört, sie zu ehren in guten wie in schlechten Zeiten.
Gerade sind eher schlechte Zeiten. Peter kämpft an der Ostfront und sieht in einer Hochzeit vor allem die Chancen auf mehrwöchigen Fronturlaub. Lange währen die Flitterwochen nicht, Peter muss zurück zur Front, doch nicht lange, da sind sich alle sicher: Noch vor Weihnachten wird Moskau fallen! Obwohl sie nur wenige Tage miteinander verbracht haben, ist Katharina wild entschlossen, auf ihren Peter zu warten. In seinen Briefen beteuert er, dass nur der Gedanke an sie und das gemeinsame Kind ihn noch am Leben hält, ihn davon abhält, aufzugeben und einfach in der verschneiten Steppe liegen zu bleiben. Nur seinetwegen will sie in Berlin bleiben, auch am liebsten die Wohnung gar nicht verlassen, und einfach nur ihr Versprechen halten. Zwischen Bombenhagel, dem Verlust ihres Bruders und dem Zusammenbruch der Mutter wird ihr Überleben in der Hauptstadt immer schwieriger.
Magee springt in ihrer Erzählung zwischen Berlin und der Front und versucht, die unterschiedlichen Lebensrealitäten darzustellen, die während dieser Zeit parallel existierten. Katharina erlebt ihr Leben als Hölle. Ihr Bruder fällt, ihre Mutter verkraftet den Verlust nicht, die Nächte verbringt sie mit schreiendem Kind im Bunker. Kann es schlimmer sein, fragt sie ihren Mann, der gerade zwei Freunde, drei Zehen und jeden Lebenswillen verloren hat. Halte durch, wir halten das durch, antwortet er und glaubt, dass der Sieg nur noch wenige Tage entfernt ist.
„You can hide behind your wife and child, kill all around you for your wife and child, but you’re really not doing it for them. You’re doing it for the fat bastards in Berlin.“
– S. 207
Magee verortet Katharina und ihre Familie durch Beziehungen des Vaters in den höchsten Funktionärskreisen. Dadurch erfährt sie Privilegien, die für andere völlig undenkbar sind. Eine schöne, große, arisierte Wohnung samt Mobiliar, elegante Einladungen und Kuchen aus des Führers Privatbäckerei – so eine Biskuitrolle gibt es sonst nirgends im Deutschen Reich! Der Bruch zum Erleben an der Front wird dadurch noch deutlicher, ebenso die Distanz zu den Frauen, die in Lumpen Schlange vorm Lebensmittelladen stehen und bis vor kurzem noch die Lebensrealität der Familie Spinell spiegelten. Katharina sieht sich zunehmend im Konflikt mit diesen beiden Welten, in denen sie nicht mehr heimisch ist oder es niemals werden kann. Auch an der Front sind die Meinungen gespalten. Etliche glauben nicht mehr an den Sieg, glauben, als Kanonenfutter verheizt zu werden. Andere, darunter Peter Faber, glauben an ihre Pflicht als Soldat und sehen ihre Taten allein durch Befehle legitimiert.
Der Roman wertet das Verhalten seiner Figuren nicht, lässt ihre Haltungen aber auch nicht so recht schlüssig werden. Peter ist, trotz aller Zweifel, bis zum Ende überzeugt, auf der richtigen Seite zu kämpfen. Katharina findet es nicht so ganz fair, dass alle Frauen, die mit Offizieren verheiratet sind, genau wissen, wo ihre Männer sind, während ihrer irgendwo in Russland ist, wahrscheinlich tot oder, noch viel schlimmer, übergelaufen. Ein Hinterfragen des Systems entsteht aus diesen Zweifeln aber nicht, zumindest nicht bei den zentralen Charakteren. Die Figuren in The Undertaking bleiben in ihren Rollen als Marionetten des Deutschen Reichs. Ihre Emotionen, Beweggründe und inneren Konflikte kann man dabei bestenfalls erahnen, Ambivalenzen entstehen zwischen den Figuren, nicht in ihnen.
Man mag Magee zugute halten, dass sie Irin ist und für ein anglophones Publikum schreibt, dass mutmaßlich nicht schon vierhundertfünfundneunzig Variationen dieser Geschichten von Großeltern und Guido Knopp gehört hat. Wenn man diese Berührungspunkte bisher nicht hatte, mag das Buch gut funktionieren, zumal der Stil flüssig, wenn manchmal auch etwas knapp ist. Wenn man aber eine differenzierte literarische Auseinandersetzung mit der Zeit sucht, ist man an anderer Stelle sicher besser aufgehoben.
Audrey Magee war mit diesem Roman 2014 für den Bailey’s Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist der vorletzte Teil des Leseprojekt „Women’s Prize for Fiction„.


