Sibylle Berg verlangt den Lesenden von GRM einiges ab. Sie schildert eine finstere Realität, geprägt durch totale Überwachung, soziale Verwahrlosung und eine wirtschaftliche Elite, die ohne Rücksicht auf Verluste agiert und die Welt als ihr Spielbrett betrachtet. Vieles davon ist so real, dass es kaum erträglich ist.

Als GRM 2019 auf den Markt kam, gab es kurz Rätselraten. Grimm? Grim? Grime? Letzteres ist richtig und bezeichnet (unter anderem) eine Musikrichtung, die in den frühen 2000ern in London entstand und geprägt ist durch einen aggressiven Sound, geprägt von Elementen aus Hip Hop, Dubstep, Drum and Bass und weiteren Genres. Es ist wütende Musik für wütende Menschen und trifft damit genau den Geschmack der Kinder, von denen dieser Roman erzählt. Ständig kommen neue Grime-Stars, die aus harten Vierteln kommen und vom harten Leben erzählen und den Kindern die Hoffnung geben, dass auch sie so werden können.

Hannah, Don, Peter und Karen lernen sich in Rochdale kennen, einer Stadt nahe Manchester, in der sie in unterschiedlichen, aber gleichsam prekären Verhältnissen leben. Kranke Eltern, Gewalt in den Familien, katastrophale Wohnungen, Nahrungsgrundlage: Margarine auf Toast. Für diese Darstellung muss Berg gar nicht weit von der Realität abweichen, Rochdale ist tatsächlich eine relativ arme Kommune, die sich vom Niedergang der britischen Textilindustrie nie erholt hat. Nationale Aufmerksamkeit erlangte Rochdale 2012, nachdem ein Menschenhandel-Ring aufflog, über dessen Details ich mich hier gar nicht auslassen möchte, der aber Jahre ungestört agieren konnte, weil man den Aussagen der Opfer, vor allem Mädchen, die in Heimen lebten, keinen Glauben schenkte. Unter ihnen ist in GRM auch Hannah.

Nicht nur Hannahs Missbrauchserfahrungen werden explizit geschildert, da muss man schon manchmal die Zähne zusammenbeißen, selbst beim Lesen. Und nicht nur da – die gesamte Lebenswelt der Kinder, die später Jugendliche werden, ist geprägt von unterschiedlichen Formen von Gewalt, Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit. Halt finden sie nur aneinander und in der Wut, die sie vereint. Diese Wut treibt sie raus aus Rochdale und in die glänzende, vibrierende Metropole London. Die Metropole glänzt und vibriert aber längst nur noch für die, die es sich leisten können und das sind großzügig geschätzt die obersten 10%. Der Rest wurde wegrationalisiert, durch KI ersetzt, ist längst nicht mehr verwertbar und vegetiert in winzigen Löchern vor sich hin. Permanente Überwachung und das Sammeln von „Sozialpunkten“ werden als Gamification des ansonsten trostlosen Lebens akzeptiert. Punktabzug für das Überqueren roter Ampeln, Falschparken und unfreundliches Verhalten führen zu einer glattgestriegelten, friedlichen Gesellschaft, die wenig Mühe macht und bereitwillig die Klappe hält.

„Jung ist, wenn man glaubt, es würde so weitergehen, nur schöner würde es werden, weil man klüger wäre, später, in dem jungen Körper, und dass die Welt eine großartige geworden wäre.“

– S. 522

Jenen, die da nicht mitmachen wollen, bleibt fast nur der Untergrund. Die vier aus Rochdale finden ihr ökologische Nische in einer verlassenen Fabrik, wo sie ein Matratzenlager bauen, Nudeln mit Tomatensauce essen und blutige Rache planen an den Menschen, die ihr Leben zur Hölle gemacht haben. Am anderen Ende der Skala: Tech-Milliardäre, ranghohe Politiker und lauter aufgedunsene Männer, die die Welt als ihren Spielplatz begreifen – denn wenn es Regeln gibt, dann zumindest nicht für sie. Sie erlassen immer repressivere Gesetze, kapseln sich immer mehr ab, manipulieren Wahlen und nutzen das Land und seine Bevölkerung schamlos für die eigenen Zwecke aus.

Berg leitet die einzelnen Abschnitte des Romans mit kurzen Steckbriefen derer ein, die neu in den Roman eingeführt werden. Die Daten sind zusammengetragen aus unterschiedlichen Quellen, vor allem aber aus ganz freiwillig angegeben Daten, Cookies und sonstigen Spuren, die der Datenbank so viel verraten: Windelfetisch, Masturbationsfrequenz hoch, sammelt Puppenstuben in Streichholzschachteln. Sollte alles niemand wissen? Doof gelaufen.

Der Roman ist stellenweise beinahe unerträglich zu lesen. Auch an den Stellen, an denen Gewalt nicht explizit gemacht wird (und das wird sie oft), herrscht eine repressive, beinahe erstickende Grundstimmung. Diesem System, das sich eine Handvoll Superreicher aufgebaut hat, entkommt keiner mehr. Wer nicht reinpasst, obdachlos wird, eine Last wird, verschwindet. Krankheiten werden nur noch behandelt, wenn es sich rechnet – also meistens nicht. Das wirklich grausame an dieser Dystopie ist, dass sie so unglaublich nah an der Realität ist. Die verwendete Technologie ist keine Zukunftsmusik, sondern komplett vorstellbar oder einfach schon da. Ein kippendes Wirtschaftsgefüge, eine Radikalisierung der Rechten, gestrichene Sozialleistungen und eine Klasse extrem Privilegierter, die auf all das scheißt, von all dem profitiert und ihre Zukunft schon lange eher irgendwo im All als auf der Erde sieht – da kann man ehrlich gesagt auch Nachrichten lesen.

Berg schreibt in einem knappen, abgehackten, zackigen und widerborstigen Stil, der hervorragend zu dieser Vorhölle passt, von der sie erzählt. Für blumige Worte und große Emotionen hat man hier weder Zeit noch Worte noch Kapazitäten. Der Mensch ist aufs Überleben reduziert, aufs reine Funktionieren in einer ruhigen, glatten Welt. GRM ist ein hartes, brutales und wütendes Buch. Aber, um es mit John Lydon zu sagen: Anger is an energy. Und die wird in diesem Roman gut genutzt.


Sibylle Berg: GRM. Brainfuck.
Kiepenheuer & Witsch 2019, 633 Seiten.

978-3-462-05143-8


4 Antworten zu „Zwischen Wut und Resignation – „GRM“ von Sibylle Berg“

  1. Avatar von eimaeckel

    Sybille Bergs Wutprosa fand ich mal gut, als sie noch Kolumnen für die Süddeutsche geschrieben hat. Ein ganzes Buch würde ich nicht aushalten. Als ich in den 90ern ein Praktikum in Manchester machte, rappelte man sich dort gerade hoch aus dem Elend der Thatcher-Jahre. Und es wurden die „Rochdale Pioneers“ gefeiert. Die Gründer der Genossenschafts-Bewegung Coop, die 100 Jahre zuvor dem brutalen Manchester-Kapitalismus die Idee des gemeinschaftlichen Handelns entgegensetzte. Ein bisschen Hoffnung ist immer.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Das stimmt, ein schönes Fazit.
      Und ich fand das Buch auch schwer erträglich. Es hat mehr als zwei Monate gedauert, bis ich durch war.

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  2. Avatar von Miss Booleana

    Ich schäme mich ein bisschen, dass ich noch nie was von Sibylle Berg gelesen habe außer ihre Kolumne und ihre Tweets (damals…). GRM sollte immer wegen der IT-Aspekte und meines Berufs das erste sein. Aber es wirkt schon wie harter Tobak. Ich sammle immer Kräfte, nachdem ich solche Besprechungen wie deine gelesen habe. Macht mir Mut, dass ich es vielleicht doch mal wage…

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Falls es dich tröstet: Es war auch mein erster Roman von ihr. Und vor dem nächsten muss ich auch erstmal durchatmen 😂
      Aber es lohnt sich!

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