Viele Wege ins Exil – „Sankofa“ von Doğan Akhanlı

Gewalt hat viele Gesichter. Einige von ihnen zeigt Doğan Akhanlı in Sankofa, dem letzten Roman, an dem er vor seinem Tod noch gearbeitet hat. Er spannt darin den Bogen vom Militärputsch in der Türkei über die Morde des NSU bis zur Black Lives Matter-Bewegung. Was konstruiert wirken könnte, verknüpft er zu einer stimmigen Geschichte.

Im Juni 1987 bekommt ein Oberleutnant im türkischen Şavşeti den Befehl, den im Militärgefängnis inhaftierten politischen Gefangenen Tayfun Kara festzunehmen. Kara ist, gemeinsam mit mehreren weiteren Insassen, über einen 85 Meter langen Tunnel aus dem Gefängnis entkommen. Eine schier unglaubliche Fluchtgeschichte die, da ist man sich sicher, im Haus seiner Verlobten Gülsen enden wird. Da taucht er aber nie auf. Der Oberleutnant befragt und beschlagnahmt pflichtbewusst, unter anderem diverse Bücher, 123 Ausgaben der Zeitung Cumhyriet und 2370 Briefe, geschrieben von Tayfun an seine Verlobte an jedem einzelnen Tag seiner Gefangenschaft.

Der Oberleutnant hört gar nicht mehr auf zu lesen und während Tayfuns Flucht ins Ausland schnell und professionell vorbereitet wird, denkt er seinerseits über eine Flucht aus dem türkischen Militär nach. Der leichteste Weg scheint zu sein, eine ausländische Frau zu heiraten. Das ist nicht verboten aber Grund für einen sofortigen Ausschluss. Das Glück wirft ihm eine passende Frau aus Deutschland vor die Füße, die gerade Urlaub in der Türkei macht und der er auch Jahrzehnte später, da ist er schon längst Fotograf statt Oberleutnant, noch gerne den Kaffee ans Bett bringt.

Für die Erzählung aber bleibt er der Oberleutnant und hat als einzige Person in dem an Personen nicht armen Roman keinen Namen. Er steht inmitten zahlreicher Verkettungen, die ihm selber gar nicht bewusst sind und die ihn oft auch kaum tangieren. Sankofa verbindet mindestens vier persönliche Geschichten zu einer großen Erzählung über Gewalt und Resilienz, in der Akhanlı einen weiten Bogen des Unrechts, der Gewalt und des Umgangs damit spannt. Der Romantitel bezeichnet ein Symbol, oft in Form eines Vogels, das vor allem in Ghana eine Rolle spielt – Sankofa nimmt aus der Vergangenheit, was in der Zukunft nützlich sein kann. Für die Figuren des Romans sind das sehr unterschiedliche Aspekte, die sich in fast nostalgischer Heimatverbundenheit, Vergebung oder auch grausamer Rache äußern können.

„Er hatte versucht, so zu leben, als hätte er keine Vergangenheit. Aber dieses Unheil namens Vergangenheit kümmerte sich nicht einmal um ihre eigene Bedeutung.“

– S. 523

Alle Erzählungen des Romans beschäftigen sich in irgendeiner Form mit Gewalt. Bei Tayfun Kara geht es um die Folgen des Militärputschts in der Türkei, bei Lisa um die viel später stattfindenden NSU-Morde und die ständige Angst um ihren türkischen Mann und die Wut, die sie entwickelt, während sie die Prozesse als Journalistin begleitet. Die Prozesse gegen Täter des Dritten Reichs finden als Stoff für ein Theaterstück Eingang in den Roman und aus der Sicht eines adoptierten Jungen, der als Schwarzer in einer weißen Familie aufwächst, wird die amerikanische Bürgerrechtsbewegung thematisiert.

Das klingt viel und ist auch viel, aber dem Autor gelingt es, diese vielen Themen fast ohne störende Nahtstellen miteinander zu verbinden. Manchmal kam mir ein Aufeinandertreffen zu zufällig, zu gerade passend vor, aber am Ende ergibt sich doch ein rundes Bild. Akhanlı hat, auch nachdem er viele Jahre in Deutschland gelebt hat, immer noch auf Türkisch geschrieben und in der Übersetzung erscheint sein Erzählstil sehr ruhig, sehr besonnen zu sein, aber auch mit vielen humorvollen Untertönen, trotz der Schwere der Themen. Auf besondere Art schafft er Atmosphäre in seinen Szenen und erzählt von Details, die zunächst unwichtig zu sein scheinen, aber doch zum Bild der Charaktere und ihrer Umwelt beitragen.

Sankofa ist ein in vieler Hinsicht herausforderndes Buch. Das breite Figurenpanorama, die vielen wechselseitigen Verknüpfungen und Verwicklungen erfordern ein recht aufmerksames Lesen. Auch die vielen Personifikationen von Gewalt, denen man sich ausgesetzt sieht, sind nicht immer leicht zu verdauen. Akhanlı, selbst politisch verfolgt und in der Türkei mehrfach verhaftet, nimmt keine Seiten ein und moralisiert nicht in seinen Geschichten. Er schildert das Geschehene und überlasst es den Leserinnen und Lesern, die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, zwischen Schuld und Unschuld da zu ziehen, wo man sie selber sieht.


Doğan Akhanlı: Sankofa.
Sujet Verlag 2024, 563 Seiten.

9783962021023

Aus dem Türkischen von Recai Hallaç.


3 Antworten zu „Viele Wege ins Exil – „Sankofa“ von Doğan Akhanlı“

  1. Avatar von Doğan Akhanlı - Sankofa

    […] „Sankofa ist ein in vieler Hinsicht herausforderndes Buch. Das breite Figurenpanorama, die vielen wechselseitigen Verknüpfungen und Verwicklungen erfordern ein recht aufmerksames Lesen. Auch die vielen Personifikationen von Gewalt, denen man sich ausgesetzt sieht, sind nicht immer leicht zu verdauen. Akhanlı, selbst politisch verfolgt und in der Türkei mehrfach verhaftet, nimmt keine Seiten ein und moralisiert nicht in seinen Geschichten. Er schildert das Geschehene und überlasst es den Leserinnen und Lesern, die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, zwischen Schuld und Unschuld da zu ziehen, wo man sie selber sieht.“ – Marion Rave, Schiefgelesen […]

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  2. Avatar von Patrick
    Patrick

    Liebe Marion, das habe ich zu Weihnachten bekommen. Ich freue mich drauf. LG Patrick.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Ausgerechnet bei dir hat der Spamfilter zugeschlagen! Ich bin sehr gespannt, wie es dir gefallen wird. Es kommt auf jeden Fall eine Menge Theater drin vor.

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