Von Seiten der Mutter – „Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane

Über vier Generationen spannt sich die Geschichte der anpassungsfähigen Chamäleondamen: Edith, Marita, Ellie und Hanne. Es beginnt mit Edith, die 1919 in ihrer Hochzeitsnacht aus dem Fenster klettert und zu dem Mann flieht, den sie eigentlich liebt. Damit setzt sie den Grundstein für eine Reihe von Frauen, die ihren eigenen Kopf haben und es verstehen, ihren Willen durchzusetzen. Die Familie lebt und bleibt vorerst im rumänischen Retschitza im Banat, als Teil der dort lebenden deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe. Erst in den 1980ern wird sich das ändern, als Ellies Mann über die Donau flieht und es nach Deutschland schafft, wohin Frau und Tochter Hanne ihm schließlich folgen können. Und dort findet die Geschichte auch ihr Ende, mit Hanne, die in Hamburg ihren Sohn großzieht. Erst mit Luis wird die Reihe der Töchter in der Familie unterbrochen.

Hergane erzählt die Geschichte nicht linear, sondern in vielen kurzen, dichten Kapiteln, die in Zeit und Raum springen. Von Reschitza geht es nach Hamburg, zurück ins romantische Fuchsental und an die Küste des Schwarzen Meeres. Viele der kurzen Kapitel könnten dabei schon für sich stehen, als Mikro-Erzählungen zu den Überschriften, die ihnen vorangestellt sind: Es drückt, es reist, es irrt. Statt auf weitschweifige Ausführungen setzte Hergane auf Schlaglichter aus dem Leben der vier Frauen. Herganes Sprache ist dabei schlicht und schnörkellos, ihren Protagonistinnen legt sie in Dialogen manchmal den derb wirkenden Dialekt der Banater Berglanddeutschen in den Mund. Nach und nach ergibt sich ein Bild der Familien, die über die Reihe der Mütter zusammengehalten werden, in Rumänien wie in Deutschland. Die Männer, die an der Seite der Frauen auftauchen, sind fast durch die Bank nutzlos oder schlimmeres. Sie lügen und betrügen, sie schlagen und verschwinden. Maritas Mann bringt sie sogar ins Gefängnis, für einen Betrug, den er selbst begangen hat.

„Los mer zu, Kind, du und ich, wir sind ein Krokodil, wir gehen nicht unter, nein besser, Chamäleons sind wir, wir passen uns überall an und kommen durch, ich hab dir noch immer Essen aufn Tisch geschafft und die Chance auf einen ordentlichen Beruf hätte ich dir auch besorgt, damit du dein eigenes Geld verdienst und von keinem Mann abhängig sein musst.“

Unabhängig wollen die Chamäleondamen sein, ihr eigenes Geld verdienen, nicht auf einen Mann angewiesen sein. Und doch bleiben sie. Wenn ihre Männer nach ihren Fehltritten wieder angekrochen kommen und auf Knien um Verzeihung bitten, blicken sie auf sie herab und denken, das Kind muss doch einen Vater haben. Selbst Ellie, die von ihrem Mann mehr als einmal grün und blau geschlagen wird, schafft es nicht, sich von ihm zu lösen. Sie alle bläuen der nächsten Generation ein, diesen Fehler nicht zu machen und doch geht es immer so weiter. Es scheint, als hätte Edith nicht nur eine Reihe willensstarker Frauen in die Welt gebracht, sondern auch den Fluch, dass keine von ihnen mit ihrer wahren Liebe leben darf. Stark bleiben die Frauen dennoch, auch wenn die Wellen hochschlagen, egal ob sie als Vaterlandsverräterinnen gebrandmarkt werden, oder in der neuen deutschen Heimat während ihres Dialekts ausgelacht werden.

Hergane erzählt reduziert und auf den Punkt. Trotzdem kommen die Emotionen in dieser Familiengeschichte nicht zu kurz. Fast jede der Episoden ist griffig und gut komponiert. Manchmal gerät allerdings das Große und Ganze ins Schlingern und der Roman droht, seinen Fokus zu verlieren. Er fängt sich aber auch schnell wieder. Ebenso wie seine Protagonistinnen, die manchmal nicht weiterwissen im Leben, aber wissen, es muss ja weitergehen und bald wieder auf die Füße kommen. Meistens pragmatisch, manchmal rührend und fast immer unbeirrbar- so lässt Hergane ihre Chamäleondamen mehr als ein Jahrhundert europäischer Geschichte erleben.


Yvonne Hergane: Die Chamäleondamen. Maro Verlag 2020, 240 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 110.

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