Menschliche Abgründe – „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ von Flannery O’Connor

In den USA gilt Flannery O’Connor als eine literarische Größe, im deutschsprachigen Raum allerdings ist sie kaum bekannt. Mit Keiner Menschenseele kann man noch trauen liegen nun zehn Erzählungen in deutscher Übersetzung vor, die alle eins gemeinsam haben: sie sind abgrundtief böse und verstörend. O’Connors Erzählungen entstanden in den 50er-Jahren und sind angesiedelt im US-amerikanischen Süden, mitten im Bible Belt, wo die Menschen anständig und gottesfürchtig sind, bigott und rassistisch. O’Connor hat ein Gespür für Grenzen und überschreitet sie gekonnt, inhaltlich wie sprachlich. In ihrem Ton ist sie ebenso vulgär und verletzend wie ihre Figuren, was auch in der deutschen Übersetzung beibehalten wurde.

Die Geschichten sind allesamt von einer bissigen Ironie durchzogen und überraschen mit listigen Wendungen. Selbst wenn man spätestens nach der dritten Geschichte ahnt, dass keine einzige gut ausgehen wird, so gelingt der Autorin doch beinahe jedes mal eine überraschende Wendung. Da wird eine ganze Familie das Opfer einer kriminellen Bande, eine Braut wird bei der Hochzeitsreise kurzerhand an einer Raststätte ausgesetzt und ein junges Mädchen fällt auf einen Mann herein, der es nur auf ihre Prothese abgesehen hat.  

„Dem Jungen stand seine Zukunft ins Gesicht geschrieben. Er würde Bankier werden. Nein, schlimmer. Er würde ein kleines Kreditinstitut betreiben. Sheppard wollte, dass der Junge gut und selbstlos würde, und beides war unwahrscheinlich.“

O’Connor, selbst Katholikin, scheint keine hohe Meinung von ihrem evangelikal geprägten Umfeld in Georgia gehabt zu haben. Ihre Geschichten leben sehr von der Fallhöhe zwischen der ehemaligen Plantagen-Herrlichkeit und der inzwischen heruntergewirtschafteten Realität. Die Autorin lässt keine Gelegenheit aus, ihren Mitmenschen ihren Snobismus und ihren abstoßenden Rassismus unter die Nase zu reiben. Etliche von ihnen lässt sie böse darüber stolpern. 

Keiner Menschenseele kann man noch trauen ist ein sehr unterhaltsamer und vielseitiger Einblick in das Werk O’Connors. Ihre Beobachtungsgabe und ihr Blick für das Groteske sind ebenso bemerkenswert wie die Nonchalance, mit der sie in die tiefsten Abgründe menschlicher Niedertracht blickt. Dabei sind viele Motive ihrer Erzählungen unverändert aktuell. Flannery O’Connor ist eine außergewöhnliche und einzigartige Autorin, deren Werk auch im deutschsprachigen Raum eine Wiederentdeckung verdient. Diese Sammlung ist da schon ein sehr guter Anfang. 


Flannery O’Connor: Keiner Menschenseele kann man noch trauen. Storys. Aus dem Amerikanischen von Anna und Dietrich Leube. Arche 2018, 343 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 247 aus dem Text „Denn die Lahmen werden die Ersten sein“.

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