Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert

kapital„Die Weise auf die man Ungleichheit zu messen sucht, ist niemals neutral.“

Das Kapital im 21. Jahrhundert ist mit über 800 Seiten ein ordentlicher Wälzer. Also wollte ich es mir ein bisschen leichter machen und habe mir das Hörbuch gekauft. Das war ein Fehler. Nicht, weil es schlecht gemacht ist, ganz im Gegenteil sogar, sondern weil ich beim reinen Hören von der Masse an Zahlen, Statistiken, Formeln einfach erschlagen wurde. Ich muss sowas sehen um es zu verstehen und diesen Faktor hatte ich schlicht unterschätzt. Nie zuvor habe ich so lange für ein Hörbuch gebraucht, weil ich mich so auf jeden einzelnen Satz konzentrieren musste.

Trotzdem fand ich das Buch sehr spannend. Ich habe von Wirtschaft erschreckend wenig Ahnung. Eigentlich sogar gar keine und hatte die Hoffnung, mit diesem Buch etwas daran zu ändern. Das hat funktioniert, das kann man aber auch einfacher haben. Tatsächlich habe ich erfahren, wie Wachstum und Ertrag und Zinsen und all das zusammenhängen, allerdings noch weitaus mehr. Über die Ungleichverteilung von Kapital und Gefälle im Arbeitseinkommen und über historische Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, seit wann es Einkommens- und Kapitalertragssteuern gibt, welche Herangehensweisen es dabei gibt und welche es geben könnte. Eine von Pikettys zentralen Thesen ist, sehr vereinfacht gesagt, dass ein sehr großer Teil des weltweit existierenden Kapitals in der Hand sehr weniger Leute liegt und dass mit der heute praktizierten Art der Besteuerung vor allen Dinge die Menschen bevorzugt werden, die schon sehr viel besitzen und es ihnen so ermöglicht wird, ihr Vermögen noch weiter auszubauen. Als Ökonom hat Piketty dabei natürlich einen wissenschaftlichen Anspruch und baut seine Untersuchungen auf einem gewaltigen Haufen Daten auf.

Mit der Veröffentlichung des Buchs löste er eine Debatte über die Verteilung von Vermögen und die wachsende Ungleichheit aus. Die Reaktionen waren durchaus kontrovers. Von verschiedenen Seiten wurde ihm vorgeworfen, er werte die falschen Quellen aus, er werte die richtigen Quellen falsch aus oder er zöge die falschen Schlüsse. Zu dieser Debatte kann ich nun wirklich nichts beitragen. Für mich als völlig unbedarfte Leserin war dies ein überraschend interessantes Buch, das viele Zusammenhänge in der Wirtschaft und historische Entwicklungen schlüssig und überzeugend erklärt. Und das so grundlegend, dass es auch für diejenigen lesenswert ist, die sonst schon beim Wirtschaftsteil der Tageszeitung kapitulieren.

Auch wenn das Hörbuch sehr gut gelesen ist, empfehle ich dieses Buch dann doch in gedruckter Form. Für alle, die doch lieber hören und alle, die noch mehr Materialien wollen, gibt es alle Graphiken und Zahlen auch auf der Homepage des Autors.


 Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jarhundert. Übersetzt von Ilse Utz und Stefan Lorenzer. Gelesen von Herbert Schäfer. Der Hörverlag 2015. ca. 30 Stunden, ca. €29,99.  Deutsche Erstausgabe C.H. Beck 2015. Taschenbuch C.H. Beck 2016. Originalausgabe: Le capital au XXIème siècleSeuil 2013.

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5 Gedanken zu “Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert

  1. dj7o9 6. Juli 2016 / 10:04

    Respekt ! Bin schon des öfteren um das Buch herumgeschlichen, aber ich kapitulierte bisher. Zu dick! Du hast mir die Angst jetzt etwas genommen, aber nach wie vor hoffe ich mal ein Thomas Piketty YouTube Video zu finden, in dem er einen max 60 min Vortrag hält, mehr schafft mein armes Brain da glaube ich nicht 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. thursdaynext 6. Juli 2016 / 10:15

    Mir geht es auch so. halte es für immens wichtige Lektüre, hatte es auch in der Stabi schon in der Hand, aber … Danke für den den Motivationsschubs 😉

    Gefällt 1 Person

  3. Marion 6. Juli 2016 / 10:56

    Ich fand das Buch wirklich spannend. Erstaunlicherweise, muss ich sagen. Mittlerweile hab ich mir auch das Taschenbuch gekauft, damit ich Sachen nochmal nachschlagen kann.

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  4. Cornelia Härtl 6. Juli 2016 / 14:25

    Wirtschaft ist spannend und berührt uns alle. Von dem Buch habe ich nach den ersten Besprechungen respektvoll Abstand gehalten, auch, weil es polarisiert und den Lesern abverlangt, quer und mitzudenken. Bei dieser Menge Fakten. Puh. Dann habe ich vergessen, dass es es gibt. Jetzt bin ich wieder neugierig geworden und werde es auch lesen.

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    • Marion 6. Juli 2016 / 14:29

      Du hast recht und in welchem Ausmaß Wirtschaft uns tatsächlich alle betrifft, ist mir erst beim Lesen bzw. Hören des Buchs klar geworden. Ich finde, dass die Zusammenhänge wirklich toll dargestellt werden. Es ist keine leichte Lektüre, aber eine sehr aufschlussreiche und, wie ich mittlerweile finde, auch wichtige.

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