Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel

spiegel„Aber auch wenn die Straßen das Reich der Gesetzlosen sind und Überfälle zum Alltag gehören, ist das normale Leben unvergänglich wie Unkraut.“

Der ferne Spiegel ist erstmals 1980 in Deutschland verlegt worden und war auch 2010 offenbar noch populär genug, um bei Pantheon erneut zu erscheinen – ein moderner Klassiker der populären Geschichtssschreibung. Die Autorin legt ein Gesamtbild des 14. Jahrhunderts vor mit Fokus auf das heutige Frankreich. Sie folgt dem Leben von Enguerrand de Coucy VII, einem Ritter aus der Picardie, der von 1339 bis 1397 lebte.

Das Jahrhundert, in dem er lebte, war ein sehr bewegtes. Neben dem Hundertjährigen Krieg tobte ein erbitterter Streit um die Frage, wer der legitime Papst sei, es wurden Kreuzzüge geführt und die Pest forderte in mehreren Wellen ihre Opfer. Und zwischen all dem gab es natürlich immer noch das ganz normale Leben der gemeinen Bevölkerung.

Davon berichtet Tuchman in einer Art, die für die frühen 80er aufsehenerregend war – statt im biederen Stil Fakten aufzulisten, schmückt sie aus und erzählt. Außer Fernau gab es in dieser Richtung nicht viel. Trotzdem habe ich mit diesem Buch zum Teil gewaltig gekämpft und habe es über Wochen in kleinen Portionen gelesen. Das liegt vor allem daran, dass ich schlecht mit Schlachten bin. Wenig langweilt mich mehr, egal ob in historischen Texten oder in Romanen, ich werde nach drei Sätzen unaufmerksam und weiß am Ende nicht mehr, wer gekämpft und wer verloren hat. Das sind nun wirklich keine optimalen Voraussetzungen für eine Ritter-Biographie. Deswegen habe ich am Ende auch nicht besonders viel mitgenommen aus diesem Buch, außer dem bisschen zwischendrin, wenn es um Hochzeiten und die Pest ging. Zudem ist Tuchmans Art des Schreibens heute weitaus weniger revolutionär. Im Vergleich zu moderneren Sachbüchern besonders anglophoner Autoren ist es nun ihr Stil, der gelegentlich etwas angestaubt und langatmig wirkt. Gelgentlich schweift sie vom eigentlich Ereignis ab, um manchmal sehr ausführlich über eine andere Kuriosität am Rand zu berichten, was es manchmal schwer macht, dem eigentlichen „Handlungsstrang“ zu folgen. Oft bemängelt wird außerdem, dass etliche im Buch dargelegte Fakten nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen. Das kann ich nicht beurteilen, gehe aber auch davon aus, dass die Historiker in den letzten dreißig Jahren nicht nur untätig aus dem Fenster geguckt haben und wahrscheinlich viele der Fragen, die Tuchman noch offen lassen musste, heute beantwortet sind und einige Fakten nach aktuellem Forschungsstand revidiert werden müssten.

Für ernsthafte Mittelalter-Fans ist Der ferne Spiegel sicher dennoch ein lesenswertes und unterhaltsames Buch. Wer aber einen leicht zu lesenden, unterhaltsamen Einstieg in das Zeitalter sucht, ist mit anderen Werken sicher besser beraten.


 Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert. Gelesen in der Ausgabe dtv 1988. Übersetzt von Ulrich Leschak und Malte Friedrich. 526 Seiten. Aktuelle Ausgabe: Pantheon 2010. Deutsche Erstausgabe Classen Verlag 1980. Originalausgabe: A Distant Mirror – The Calamitous 14th Century. Alfred A. Knopf 1978.

Das Zitat stammt von Seite 231.

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4 Gedanken zu “Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel

  1. fraggle99 3. Mai 2016 / 11:27

    Das klingt nach einem Buch für mich, zumal ich bei Schlachten-Beschreibungen eher selten die Konzentration verliere. 😉 Vielen Dank für die Anregung.

    Dass es nicht mehr den aktuellsten Stand der Forschung hat, nehme ich da gerne in Kauf, das geht früher oder später jeder „Fachliteratur“ so.

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  2. letteratura 3. Mai 2016 / 20:26

    „schlecht mit Schlachten“ – wie schön gesagt! Geht mir auch so, ziehe den Hut, dass Du Dich durch’gekämpft‘ hast 😉

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    • Marion 4. Mai 2016 / 10:46

      Ich habe es nur zu Ende gelesen, weil mein Freund es mir so sehr ans Herz gelegt hat und ich guten Willen zeigen wollte. Erst als ich fertig war damit, hat er mir erzählt, dass er selbst nur einzelne Kapitel daraus gelesen hat….

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