Das Haus hat Augen – „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha

Sanaas Haus hat tausend Augen, die kritisch jeden ihrer Schritte überwachen. Seit sie mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist, versucht sie, der familiären Enge zu entkommen und doch den Frieden zu wahren.

Als Kind ist Sanaa mit ihren kurdischen Eltern nach Deutschland gekommen. Inzwischen ist sie eine junge Erwachsene, lebt aber immer noch in der Wohnung ihrer Eltern in einem trostlosen Hochhaus, teilt sich ein Zimmer mit ihrer pubertierenden Schwester und sieht sich der ständigen Überwachung durch ihre Tante Khalida ausgesetzt. Sie leidet unter der drückenden Enge des Hochhauses, unter den Fenstern, die wie tausend tadelnde Augen auf sie hinabblicken, wenn sie an der Bushaltestelle raucht.

Was sie hier noch hält, ist vor allem die Angst um Mutter Asija. Die hat mit ihrer Heimat auch jede Lebensfreude verloren. Statt sich um ihre Kinder zu sorgen oder mit den Nachbarinnen zu plaudern, liegt sie tagsüber im Bett und steht nachts auf dem Balkon, wo sie den Mond ansieht und manchmal probehalber einen Fuß auf die Brüstung stellt. Vater Nasser liegt tagsüber auf dem Sofa, starrt ins Nichts und kratzt sich die Arme blutig. Nachts verschwindet er – zu einer Prostituierten, heißt es.

Taha, selbst Kind einer irakischen Familie, beschreibt in ihrem Debüt die Schwierigkeiten des Ankommens in einem neuen Leben. Sie erzählt von Menschen, die von Europa träumten und nun nicht Fuß fassen können, die immer noch vom Himmel ihrer Heimat träumen. Die Frauen verlassen das Haus kaum. Den ganzen Tag kleben sie an den Fenstern, sitzen auf ihren Sofas, beobachten, werten, tratschen, rauchen. Sanaa weiß nicht, wo sie im Leben hinwill, aber eine Hochhausfrau werden will sie nicht, das ist sicher. Kurz findet sie Zuflucht bei ihrem Freund Adnan, doch die notwendige Heimlichkeit belastet die Beziehung und nach einem Besuch bei seiner Familie wird ihr klar, dass er ihr Leben und ihre Familie niemals wird verstehen oder gar teilen können.

„Wenn ich das Viertel beschreiben müsste, dann bräuchte ich keine Adjektive, sondern zwei Handvoll Verben: wachen, bewachen, überwachen, beobachten, observieren, spionieren, bespitzeln, kontrollieren, aufnehmen, inspizieren, dirigieren, reglementieren, belehren, einschätzen, kommandieren, notieren, registrieren, erfassen, taxieren, abstempeln, bemessen, bewerten, ermahnen, bedrohen, ängstigen, bestrafen.“

– S. 64

Beschreibung einer Krabbenwanderung berichtet über ein Familienleben, das aus unterschiedlichen Wahrheiten besteht. Verzweifelt versucht Sanaa herauszufinden, wie ihre Eltern sich kennengelernt haben, wie ihre Hochzeit war und was sie wirklich bewogen hat, ihr Glück in Europa zu suchen und warum sie alle Freude im Irak vergessen haben. Aber alle erzählen so unterschiedliche Versionen davon, dass es ihr unmöglich ist, mit dieser Frage abzuschließen. In ihren neuen Leben jedenfalls haben sich die Familienmitglieder gegenseitig in einen so engen und festen Panzer aus Misstrauen und Kontrolle gesteckt, dass sie sich unmöglich noch bewegen können.

Klar und stringent erzählt Taha von ihrer Protagonistin, die den Versuch startet, ihren Weg aus dem Schlamassel zu finden. Dem engen Korsett der Hochhaus-Regeln stellt sie dabei eine sehr explizite Sexualität gegenüber, die Sanaa als Befreiungsstrategie nutzt. Zwar ist der Roman sehr in der Realität verwurzelt, mitunter gibt es aber magische Elemente, die vor allem im Aberglauben der Familie wurzeln. Und auch, wenn Sanaa fest entschlossen ist, nicht daran zu glauben, ist sie doch nicht ganz frei davon. Hat eine alte Haarsträhne, die ihre Tante ihr abgeschnitten hat, wirklich die Macht, über die Männer in ihrem Leben zu bestimmen? Man kann sich nicht sicher sein!

Die Enge und Engmaschigkeit dieses Lebens wird im Roman deutlich. Die Krabben-Metapher, die ihren Beginn an einem Fluss im Irak nimmt, zieht sich durch das Buch und erdet die Protagonistin immer wieder, wird dabei aber auch ein wenig überstrapaziert. Ebenso einige Elemente, die fast surreal anmuten und deren Funktion nicht immer ganz klar wird. So gibt es beispielsweise einen Mann, von dem die Erzählerin glaubt, er folge ihr und bedrohe sie mit einer Schusswaffe – außer ihr bemerkt ihn niemand, aufgelöst wird diese Situation aber auch nicht so ganz. Am Ende bleibt im Roman einiges unbeantwortet, ebenso wie im Leben der Protagonistin. Das ist unbefriedigend, aber auch das richtige Ende für eine Geschichte, die keine Wahrheit kennt.


Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung.
Dumont 2018, 236 Seiten.

978-3-8321-9880-0


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