Ein Luxushotel in New York wird in Maria Leitners Roman zum exemplarischen Schauplatz des ewigen Kampfes der Arbeiterklasse um Glück und Gerechtigkeit. Mitten drin ist Shirley, die in jugendlichem Leichtsinn keine Gefahr kennt und von einem Leben in Leichtigkeit und Reichtum träumt.

Im Hotel Amerika lässt es sich königlich residieren. Vom Dachgarten aus blickt man auf die Häuserschluchten der glitzernden Metropole, im Restaurant genießt man Austern, Hummer und exquisite Cocktail-Kreationen. Doch nur eine Verbindungstür sieht das Leben ganz anders aus. Die Hausangestellten leben in überfüllten, stickigen Quartieren und haben darin nicht mehr Platz und Privatsphäre als einen kleinen Schrank und ein schmales Bett.
Eine von ihnen ist die junge Shirley, deren irische Familie auf der Suche nach einem besseren Leben in die USA emigriert ist. Noch ist sie Wäscherin im Hotel, aber schon morgen wird ihr Traumprinz sie in ein glänzendes Leben entführen. Er hat es versprochen! Als Leserin begleitet man sie durch ihren letzten Tag im Hotel. Und was für ein Tag es ist – nicht nur steht eine riesige Hochzeit ins Haus, es kommt auch noch zur Rebellion in der Mittagspause. Faule Kartoffeln sind es, die das Fass zum Überlaufen bringen. Die Hotelbelegschaft hat endgültig die Schnauze voll und erhebt sich gegen die Ungerechtigkeit im Luxushotel. Beseelt von dem Wissen, dass für sie nichts mehr auf dem Spiel steht, ist Shirley die Wortführerin des Aufstands.
Der Kampf um soziale Gerechtigkeit war für Maria Leitner ein großes Anliegen. Ihr ganzes Erwachsenenleben widmete sie der politischen Arbeit und dem politischen Schreiben, bis ihr Engagement sie 1942 das Leben kostete und schon viel früher die Existenz. Hotel Amerika wurde 1933 auf die Liste der zu verbrennenden Bücher gesetzt. In diesem Roman erzählt Leitner exemplarisch vom Aufstand der Arbeiterklasse und das vor einer Kulisse, die das Gegensätzliche kaum krasser zeigen könnte. Während die einen nicht wissen, wovon sie morgen leben sollen, importieren die anderen teure Falter als Deko für die Hochzeitstafel. Sie wissen, dass ohne ihre Arbeit alles zum Erliegen kommt. Selbst der kleine Aufstand beim Mittagessen reicht schon aus, um das Hotel in völliges Chaos zu stürzen. Gäste müssen bis zu einer halben Stunde auf den angeforderten Bügelservice warten – ein Affront ungeahnten Ausmaßes. Sie wissen aber auch, dass sie als ungelernte Kräfte innerhalb von Stunden zu ersetzen sind. Noch dazu herrscht selbst in der Belegschaft eine strenge Trennung zwischen Rängen und Geschlecht, sodass eine planvolle Organisation kaum möglich ist. Und so bleiben die meisten ruhig und verlassen sich auf ihre vagen Pläne, eines Tages größeres und besseres zu erreichen.
„Die ganze Welt müsste sich ändern, nicht wahr? Nur dann könnte sich unsere Zukunft ändern.“
– S. 56
Man spürt beim Lesen Leitners Anliegen, den Roman dem Kampf der Arbeiterbewegung zu widmen. Fast didaktisch wirken manche Stellen, in denen sie einen Aktivisten auftreten lässt, der die vorlaute Shirley noch ein bisschen in die richtige Richtung schubst, um sie zu einer flammenden Kämpferin zu machen, die endlich durchschaut, dass es doch die Arbeiterklasse ist, die mit ihrer Hände Arbeit den Glamour New Yorks errichtet hat. Am Ende klappt es übrigens nicht mit ihrem sozialen Aufstieg, aber das ist auch gar nicht schlimm, denn sie erkennt stattdessen, dass sie die wahren Verbündeten unter ihresgleichen findet. Leitner schreibt entschlossen an gegen die soziale Ungleichheit Amerikas, die sie hier auf wenigen Etagen konzentriert – den Rassismus nimmt sie allerdings mit.
Man muss Hotel Amerika in diesem Punkt wohl als Dokument seiner Zeit lesen. Dennoch zuckt man heute zusammen bei den Stereotypen, die Leitner in ihrem Roman reproduziert und nochmal ein bisschen mehr bei der Verwendung von Begriffen, die heute völlig zurecht nicht mehr genutzt werden. Immerhin schürt Leitner dabei keine Ressentiments und äußert sich über keine Nation abfällig – vielmehr begeistert sie sich für die Multikulturalität der Großstadt, die es möglich macht, nur wenige Hochbahnstationen weiter ein ganz anderes Leben kennenzulernen und Freundschaften zu finden unter den Proletariern aller Länder.
Hotel Amerika ist weniger ein Hotelroman als ein politischer Roman, der die sozialen Spannungen und Diskrepanzen seiner Zeit klar benennt und im Rahmen seiner narrativen Möglichkeiten analysiert. Die junge und hoffnungsvolle Shirley bringt dabei genug Leichtigkeit und Charme in die Geschichte, um sie nicht zum Lehrstück über Klassenkampf werden zu lassen. Dennoch ist das Programm des Romans so klar wie Intention seiner Autorin: Die Hotelangestellten, die in ständiger Sorge um ihr Brot schuften, haben nichts zu verlieren und eine Welt zu gewinnen.


