Kurz vor dem Erdbeben gibt die Erde ein Grollen von sich, ein düsterer Vorbote der Erschütterungen, die folgen werden. Aus dem Innersten der Erde kommt es und warnt jene vor, die das Zeichen verstehen.

1976 erschütterten zwei Beben das norditalienische Friaul. Erst im Mai und dann, als man glaubte, die Schäden seien nun langsam beseitigt und das Schlimmste vorbei, noch einmal im September. Esther Kinsky beleuchtet diese Katastrophe, die so viele Verletzte und Tote forderte, aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie konzentriert sich auf ein Dorf im Val Canale, eine Gegend, die in der äußersten Ecke Italiens ihren Platz an den Grenzen zu Österreich und Slowenien gefunden hat. Der Einfluss der Nachbarländer war und ist groß. In dem Dorf, in dem Rombo angesiedelt ist, spricht man einen slowenischen Dialekt, den man ein paar Kilometer weiter schon nicht mehr versteht.

Die Gegend ist so schön, dass sie heute jedes Jahr zahlreiche Wanderer anzieht und so gefährlich, dass jeder im Dorf von Unglücken erzählen kann. Einige werden zu Legenden, die ihren Namen für immer in die Landschaft einschreiben – der Weg des Hundes, Gigis Abgrund. Geld verdienen kann man kaum in den grünen Tälern, nur wenige machen sich noch die Mühe, ihre Tiere auf die Almen zu treiben. Wer kann, geht ganz, oder verbringt die Sommer unten am Meer, wo es in den Hotels Arbeit genug gibt.

Von diesem sehr besonderen Sommer 1976 erzählen mehrere Stimmen: Lina, Gigi, Silvia, Mara, Toni und andere erzählen von der Nacht, in der sie jäh aus dem Schlaf gerissen wurden, von der Panik und dem Chaos, den Verlusten, dem improvisierten Leben in Autos. Von den ersten Hilfskräften, die ins Dorf kommen und die Neuigkeit mitbringen, dass es anderswo viel schlimmer aussieht. Aus den einzelnen Perspektiven setzt sich nach und nach ein Bild zusammen vom Leben im Tal, von Beziehungen untereinander, von Freundschaften und Missstimmungen. Durchsetzt sind die Erzählungen von Sagen der Region, vor allem der von der Riba Faronika, die tief am Grund des Meeres ruht und sich manchmal im Schlaf leise bewegt, was schon reicht, um ganze Täler zu erschüttern. Auch die Geographie des Ortes, die Pflanzen und Tiere des Tals, finden ihren Platz zwischen den persönlichen Erzählungen, ebenso wie ganz nüchterne, wissenschaftliche Sequenzen aus dem Lehrbuch der Geognosie.

„Dislocationen haben sich ereignet, und den verschreckten Überlebenden fällt unweigerlich wieder ein, dass sie in einer Störungsregion leben, und ohne überhaupt je so weit zu kommen, dass sie die Landschaft auf Flexuren und Brüche, auf Streichungslinien und Radialspalten betrachten und befragen oder sich wissentlich auf einen Haldenlandschaft am Rande eines Senkungsgebiets verstehen, begreifen sie doch, und seis nur im Streifen von Mörtel und Steinkrümeln aus dem Haar, dass das, was ihnen gerade widerfahren ist, sich nicht tilgen oder wiedergutmachen lässt, weil es außerhalb der Kategorien von Gut oder Böse ist.“

– S. 26

In Summe ergibt sich daraus ein sehr vielschichtiges, dichtes und poetisches Bild einer Katastrophe und ihrer Folgen. Nach einem Sommer, den viele ohne jede Romantik in Autos und Zelten verbracht haben, sieht das Leben anders aus. Etliche Bewohner beschließen, ihr ohnehin schmales Glück andernorts, weit weg vom unberechenbaren Einfluss der Riba Faronika zu suchen. Sie wollen kein Leben mehr führen, in dem man immer mit einem Ohr in die Erde lauscht, ängstlich auf das Grollen wartet und in jedem Ohrenzucken einer Ziege ein Vorzeichen drohenden Unheils sucht. Andere bleiben und begegnen den neuen Gegebenheiten mit bemerkenswertem Gleichmut – die Gegend hier ist im Umbruch, das war schon immer so. Mal kommen die Partisanen gleich von zwei Seiten, dann ein Erdbeben.

Vielschichtig charakterisiert Kinsky diese abgelegene Ecke Italiens. Sie konstruiert ein Puzzle aus Stimmen, das alles erzählt über dieses Dorf und das Leben seiner Bewohner*innen, ihren Alltag, ihre Pläne und ihre Katastrophen. Es ist ein Leben zwischen zwei Erdplatten und zwischen drei Kulturen, das von jeher von Unwägbarkeit geprägt war. Rombo ist ein wirklich sehr beeindruckender Roman, der die Katastrophe auf persönlicher Ebene spürbar macht. Uneingeschränkte Leseempfehlung!


Esther Kinsky: Rombo
Suhrkamp 2023, 264 Seiten.

978-3-518-47311-5


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