Der Sandregenpfeifer, ein nicht sehr großer Watvogel, ist in Madame Lazare der Stein des Anstoßes, der eine mühsam aufgebaute Lebenslüge in kürzester Zeit zum Einsturz bringt. Mac Dhonnagáin erzählt die Geschichte einer Irin, die sich und ihr Leben neu erfinden musste.

Levana ist ganz selbstverständlich jüdisch erzogen worden. Sie stammt aus einer langen Reihe jüdischer Frauen, ihre Großmutter Hana Lazare ist eine der ganz wenigen Shoa-Überlebenden aus Estland. Ihre gesamte Familie hat sie verloren, sie spricht mit niemandem über diese traumatische Zeit. Ihre eigene Tochter hat sie nach der Flucht in Paris großgezogen, als Teil der jüdischen Gemeinde, ebenso ihre Enkelin Levana. Erst als sie so alt wird, dass sie sogar dem Pflegeheim zustimmt, bricht ihre Vergangenheit sich wieder Bahn. In einer Erzählung erwähnt sie einen Vogel, dessen französischen Namen sie nicht erinnert und den sie als feadóg chladaigh kennt. Die kontaktierte Estnisch-Übersetzerin ist ratlos – kein Wunder, Hana kann auch gar kein Estnisch. Dafür aber fließend Irisch.
Levana versucht, die Wahrheit zu negieren, sucht nach den absurdesten Gründen um zu erklären, warum ihre Großmutter so gut Irisch kann, muss am Ende aber einsehen, dass ihre Oma einfach keine estnische Jüdin ist und eigentlich nicht Hana sondern Muraed heißt. Damit bricht auch ein ganz entscheidender Teil ihrer eigenen Identität zusammen – ohne die mütterliche Linie wird sie nicht mehr als Jüdin gelten. Mit Hilfe eines Irisch-Übersetzers (gut, wenn man in Brüssel wohnt!) macht sie sich auf die Suche nach der Wahrheit in den letzten Resten der großmütterlichen Erinnerung.
„Samuel konnte Levana in seine eigene Geschichte einladen. Hana hatte keine andere Wahl, als die Tür zu ihrer Geschichte mit einem soliden Riegel aus Lügen verschlossen zu halten.“
– S. 54
Als Leserin ist man Levana bei der Spurensuche immer ein gutes Stück voraus, denn zwischendrin werden immer wieder Episoden aus der Kindheit und Jugend von Muraed erzählt, die auf Inis Mór aufwächst, einer Insel vor der Küste Galways, geprägt von erzkonservativem Katholizismus und der Mystik irischer Folklore. Die Männer im Dorf machen einen Wettbewerb daraus, wer die längsten Gedichte rezitieren und die besten Geschichten erzählen kann vom Leben auf der Insel. Muraed träumt davon, selbst Geschichtenerzählerin zu werden, Geschichtensammlerin sogar. Als Folkloristin will sie später von sich reden machen und mit ihren Erzählungen ganz Irland beeindrucken. Es soll ganz anderes kommen – auch, wenn das Erfinden von Geschichten zu ihrer Lebensaufgabe wird.
Tadhg Mac Dhonnagáin gelingt in seinem Roman ein schwieriger Spagat. Er schildert die wilde Schönheit und Rauheit der abgelegenen Inseln, die tief verwurzelte Mystik, die seit Generationen tradierten Geschichten ohne dabei in Kitsch und Klischee zu kippen, obwohl die Szenerie geradezu dazu einlädt. Die Lebensgeschichte von Muraed, die den festen Willen hatte, ihre Insel nie zu verlassen, wird schlüssig und dramaturgisch klug aufgebaut erzählt. Gleich zu Beginn des Romans liest man schon von ihren letzten Stunden auf dem Atlantik, die Auflösung gibt es aber erst wirklich ganz am Ende, als die beiden Erzählstrange zusammenlaufen.
Madame Lazare erzählt eine Geschichte aus zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie beide aber haben ihre Geschichten, die das Selbstverständnis ihrer Gemeinschaft bilden, die Welt und ihre Ursprünge erklären und die man manchmal gerne vergessen würde. Tadhg Mac Dhonnagáins Roman ist charmant und klug erzählt. Dass am Ende alle Fäden einen Tick zu wunderbar zusammenlaufen, nimmt man dieser Geschichte gerne ab. Madame Lazare ist sehr eingängiger Roman über die Bedeutung von Sprache und Identität und über die Tragweite von Geschichten.
Tadhg Mac Dhonnagáin: Madame Lazare.
Kröner 2026, 304 Seiten.
Aus dem Irischen (OT Madame Lazare, 2022) von Elvira Veselinović
978-3-520-630056
Der Roman wurde vom Kröner Verlag kostenfrei als Rezensionsexemplar überlassen. Es waren keine Bedingungen daran geknüpft und auch wenn ich mich darüber freue, hat es meine Meinung nicht beeinflusst.


