Obiefuna lernt als Kind vor allem, dass er falsch ist. Zu feminin, zu wenig draufgängerisch. Kurz darauf muss er begreifen, dass seine Homosexualität in Nigeria nicht weniger als lebensbedrohlich ist.

Von Kindesbeinen an lernt Obiefuna, was ein Mann vor allem nicht sein darf: feminin. Nicht mal im Ansatz. Wer sich feminin verhält, könnte von anderen für schwul gehalten werden und das ist das letzte, was ein guter Sohn sein sollte. Von seinem Vater fängt Obiefuna sich schon Schläge ein, als er auf einer Feier zu lange und zu gut tanzt. Ganz anders sein Bruder, der Goldjunge, der Fußball spielt.

Eines Tages kommt der junge Aboy ins Haus, der für das Geschäft des Vaters arbeiten soll. Aboy mit den tiefen Augen und den vollen Lippen, der Obiefuna begreifen lässt, dass man auch trotz Tanzverbot schwul sein kann. Kaum bekommt sein Vater Wind von der Sache sitzt Obiefuna schon im Auto auf dem Weg ins christlich-konservative Internat, wo ihm solche Flausen ausgetrieben werden sollen. Die Zeit im Internat wird für Obiefuna zu einem Spießrutenlauf – zwar kann er seine neu entdeckte Sexualität hier ausleben, allerdings nur im Verborgenen und immer in Angst um drakonische Strafen. Wie das gesamte Leben im Internat sind auch seine sexuellen Kontakte oft von Gewalt geprägt. Die vom Vater erhoffte Umerziehung allerdings kann auch die Kirche nicht leisten.

Obiefuna muss allerdings feststellen, dass ein offenes Leben als schwuler Mann kein einfaches Unterfangen werden wird, vielleicht sogar unmöglich. Je älter er wird, umso mehr Männer gibt es in seinem Umfeld, die eine Frau heiraten, eine Familie gründen, ihre Partner verlassen oder höchstens noch heimlich treffen. Doch er träumt weiterhin von einer Gesellschaft, in der jede Liebe gleich viel wert ist. Während seiner Zeit an der Universität trifft er Gleichgesinnte, geht auf queere Partys und glaubt an den Fortschritt, der von dieser Bewegung ausgehen kann. Bis Präsident Goodluck Jonathan ein neues Gesetz unterschreibt, das homosexuelle Handlungen mit Haftstrafen bis zu 14 Jahren belegt und damit eines der repressivsten Gesetze der Welt erlässt.

„Du bist nicht der schlechteste Vater. Niemand hat dir beigebracht, wie man einen Sohn liebt, der anders ist.“

– S. 198

Wünschen, Ibehs Debütroman, ist schonungsloser und brutaler Coming-of-Age-Roman, der von der Hoffnung seines Protagonisten getragen wird. Obiefuna macht sehr jung schon die Erfahrung, dass er falsch ist, dass er die für ihn vorgesehene Rolle nicht gut ausfüllt. Er bemüht sich, hineinzuwachsen, Teil der Gruppe zu sein, unter dem Radar zu bleiben, keinesfalls unangenehm aufzufallen. Er beteiligt sich sogar an Angriffen gegenüber schwulen Mitschülern, einfach nur, um „auf der richtigen Seite“ zu sein. Eine Alternative zu den vorgelebten und vorgeschriebenen Rollenbildern findet er lange nicht.

An Obiefunas Beispiel erzählt Ibeh von einer Gesellschaft, in der Homosexualität erst abgelehnt, dann unter Strafe gestellt wird. Er erzählt von der Scheinheiligkeit der Kirche, die sich so vehement gegen die Homosexualität stellt, bei der es hinter den Kulissen aber ganz anderes aussieht. Von Politikern, die sich auf jeder queeren Underground-Party blicken lassen, im Parlament aber eifrig für die Strafbarkeit homosexueller Beziehungen stimmen. Von der ganzen Katastrophe, die all das für ein einzelnes Leben bedeutet. Gradlinig erzählt Ibeh von Obiefunas innerem Konflikt, in dem er sowohl seiner Mutter keinen Kummer machen will, als auch seinen Weg machen muss. Etwas gestelzt erscheinen nur zuweilen die Dialoge zwischen den Freunden, die sich im Wohnzimmer von Ibehs Partner versammeln, der zu einer Art Salon wird. Manchmal zu detailliert und erklärend werden hier die Themen der queeren Community Nigerias verhandelt.

Mit Wünschen hat Ibeh einen mutigen und so politischen wie persönlichen Roman geschrieben, der ein selten behandeltes und bewegendes Thema aufgreift. Sehr nahbar erzählt er von der Fassungslosigkeit angesichts eines enormen gesellschaftlichen Rücktritts und der Ausweglosigkeit, der viele nur noch mit dem Gang ins Exil zu begegnen wissen. Ein sehr gelungenes literarisches Debüt, das auf mehr hoffen lässt.


Chukwuebuka Ibeh: Wünschen.
S. Fischer 2024, 319 Seiten.

Aus dem Englischen (OT Blessings, 2024) von Cornelius Reiber.

978-3-10-397598-7


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