Zwischen Fluss und Wald, mitten in den Masuren, steht ein sanierungsbedürftiges Bauernhaus, in dessen Mauern die Geschichte atmet. Eine Geschichte, die von Flucht, Brutalität und Härte geprägt ist und von Ishbel Szatrawska in ihrem Debütroman herausragend erzählt wird.

Mitten in den Masuren, eingebettet zwischen Wald und Fluss, liegt das Elternhaus von Wolf. Es ist baufällig und unpraktisch, findet er, es ist ein wertvoller Familienschatz und darf nicht in fremde Hände fallen, findet seine Tochter Alicja und stellt sich strikt gegen den Verkauf. Doch Wolf bleibt stur. Nach dem Tod seiner Mutter Janka hat nur eine alte Tante vorübergehend in dem abgeschiedenen Hof gelebt, seitdem steht es leer. Noch einmal wollen die beiden sich nun in dem alten Gemäuer treffen, in dem Bauernhaus, bei dem die Geschichte sich in jeder Fuge und jeder Ritze festgesetzt hat. Wolf schwört, dass er in dem Haus Erinnerungen träumt, die nicht die eigenen sind.

Von dort macht der Roman einen großen Schritt zurück in die Geschichte dieser besonderen Gegend und erzählt, wie dieses alte Haus zu Jankas Haus wurde. Die Autorin Ishbel Szatrawska ist selbst in Olsztyn geboren worden, das früher Allenstein hieß und ganz in der Nähe von dem Ort spielt, in dem sie Die Tiefe ansiedelt, ihren ersten Roman. Als Janka diese Gegend das erste Mal betritt, ist sie gerade aus Litauen geflohen und sucht verzweifelt nach einem sicheren Fleckchen. Um sie herum tobt noch der Zweite Weltkrieg, die Russen stehen kurz vor Königsberg, das Deutsche Reich ächzt unter den Bombenangriffen der Alliierten. Janka kann sich davon nicht beeindrucken lassen, für sie geht es ums nackte Überleben in einer Gemeinschaft, die auf noch mehr Fremde wirklich keinen Wert legt. Sie lernt schnell, dass man hier nur mit harter Arbeit und wenig Rücksicht auf sich selbst weiterkommt und macht diese beiden Tugenden zu ihrem Lebensinhalt. Sie arbeitet, wo immer sie kann, schlachtet, flickt Netze, näht und vergisst nie, wer ihre Freunde sind. Und erst recht nicht, wer ihre Feinde sind.

Man kann ihre Geschichte nicht erzählen ohne auch die von Max zu erzählen, der gar nicht so weit weg in Königsberg erlebt, wie das Reich, an das er mal geglaubt hat, hier am Rand als erstes bröckelt, wie das Leben in der stolzen Hafenstadt mit jedem Tag karger und gefährlicher wird und dem am Ende nur noch eine hoffnungslose Flucht bleibt. Mit dem allernötigsten im Rucksack schleppt er sich in die Masuren, die nun um einen weiteren Heimatlosen reicher sind und die selbst noch gar nicht wissen, wem sie in Zukunft Heimat sein sollen, unter welche Herrschaft sie wohl als nächstes fallen werden.

„Kannst du dich nicht mit etwas anderem beschäftigen? Eine Zeit lang? Bis die Regierung wechselt.“

– S. 93

Den Bogen in die gegenwärtige Fluchtthematik spannt Szatrawska mit Alicja und ihrem Forschungsprojekt: Als Anthropologin forscht sie über geflüchtete Frauen in Polen, über ihre Gewalterfahrungen im Krieg und stößt damit auf Widerstand. Über Johannes Paul könne sie vielleicht was schreiben, rät der Dekan oder eben mal sehen, ob sich im Ausland jemand für ihr Thema interessiert. In Polen sei das Geld jetzt an der Stelle gerade knapp. Zu knapp auf jeden Fall auch für die, die gegenwärtig an den Grenzen stranden und notdürftig von der Zivilgesellschaft versorgt werden.

Szatrawska erzählt auf sehr beeindruckende Art von einem Flecken Erde, der heute zu Polen gehört, traditionell aber ein Treffpunkt vieler Menschen und Völker war und ist. Die Tiefe erzählt von einer Zeit, in der Europa in seinen Grundfesten erschüttert wurde und diese Gegend bildet trotz ihrer Abgeschiedenheit keine Ausnahme. Das Elend und Leid dieser Tage und vor allem die Gewalt bildet einen düsteren Hintergrund für eine Geschichte, in der viel Platz ist für Zwischenmenschliches und nicht so viel für Liebe. Wenn man gerade selbst so überleben kann, dann gehört schon sehr viel dazu, sich auch noch um andere zu sorgen. Szatrawska erzählt ruhig aber eindringlich von einer katastrophalen Zeit und von einem Schlag Menschen, denen man nachsagt, sehr besonders zu sein – wortkarg, stur und eigenbrötlerisch. Sie spannt den Bogen von der Ära, in der die Masuren eine dünn besiedelte, ärmliche Landschaft waren bis in die Gegenwart, in der ein Sommerhaus an einem der Seen zum Statussymbol geworden ist. Das Familienhaus an der Guber wird zum Spielort für eine Familiengeschichte, die in ihrer Einzigartigkeit ein ganz schönes Stück europäischer Verwerfungen in sich vereint.

Die Erinnerung an diese Geschichte beginnt in Die Tiefe zu bröckeln – in Form eines sanierungsbedürftigen Hauses, das künftig ein harmloser Ausflugsort sein wird und in Form der gegenwärtigen polnischen Politik, die nicht gerade durch Progressivität überzeugt. Szatrawska erzählt eine Familiengeschichte die ganz anders ist als das, was man oft unter dem Begriff versteht. Sie ist geprägt von Gewalt, Kämpfen und einer ewigen Ohnmacht der Einzelnen gegenüber der Staatsgewalt. Es gelingt der Autorin, die Tiefe und Komplexität des Themas abzubilden, ohne einen Lehrroman daraus zu machen. Ein großartig komponierter Roman und ein tiefgehender Einblick in eine Gesellschaft, die man zumindest von Deutschland aus wohl nur selten im Blick hat.


Ishbel Szatrawska: Die Tiefe.
Voland & Quist 2025, 461 Seiten.

Aus dem Polnischen (OT Toń, 2023) von Andreas Volk.

978-3-86391-414-1


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