In Jakob erzählt Kielland von einem Mann, der die Einfachheit des Landlebens hinter sich lassen will und sein Glück (und vor allem sein Gold) in der großen Stadt sucht. Es ist die Geschichte eines Selfmade-Manns, der über Leichen geht, und einer Gesellschaft, deren gläserne Decke sich als sehr solide erweist.

Als Tørres Snørtevold das erste Mal echtes Gold in der Hand hält, ist es um ihn geschehen. Zwei Goldschillinge bekommt er von einem Viehhändler und er weiß, dass er im Leben nach nichts mehr trachten wird, als diese zu vermehren. In der Moor- und Heidelandschaft seiner Heimat wird das natürlich nichts. Tørres muss in die Stadt! Denn dort gibt es Gold in Hülle und Fülle für alle, die nur wissen, wie man es anstellen muss.
Ohne große Vorbereitung packt er das Nötigste zusammen und fällt direkt auf die Nase. Weder ist die Stadt so schnell erreichbar, wie der Goldrausch in seinen Adern es verlangt, noch hat man dort auf ihn gewartet. Als Ladenjunge soll er anfangen! Er, Tørres Snørtevold, der zu so Großem bestimmt ist! Doch er fügt sich bald in seine Lage und macht das Beste draus – das bedeutet vor allem, dass er völlig ungeniert aber mit großer Vorsicht in die Kassenlade seiner Arbeitgeberin greift und seinen Reichtum nach und nach auf diese Art vermehrt. Außerdem begreift er schnell, dass in der Stadt der äußere Schein am wichtigsten ist und tauscht innerhalb kürzester Zeit das raue Äußere des Bauernjungen gegen einen perfekt sitzenden Anzug und ein mühsam antrainiertes höfliches Lachen.
„In einem richtigen Anzug sah Herr Wold bedeutend aus, fast wie etwas Besonderes. Er hatte sich die Haare schneiden lassen und sich den dummen Flaum abrasiert, deshalb hatte er jetzt nur noch einen weichen, blonden Schnurrbart – doch, er war etwas Besonderes!“
– S. 46
Sein großes Vorbild bei all dem ist der biblische Jakob, dessen Geschichte ihn schon im Kindesalter tief beeindruckt hat. Jakob, der es listig versteht, sich das Erstgeburtsrecht zu verschaffen und sich nach oben zu wieseln, Jakob, Vater der zwölf Stämme Israels, der mit Gott und den Menschen ringt und den Sieg davon trägt. Wer im Reli-Unterricht nicht gut aufgepasst hat und die Geschichte nicht mehr parat hat (shame on you!) findet die relevanten Auszüge übrigens im Anhang des Buchs.
Tørres Snørtevold ist in der Stadt bald nur noch als „Herr Wold“ bekannt und findet mit seinem attraktiven Äußeren viele Bewunderinnen, auch in den obersten Schichten der städtischen Bevölkerung. Doch die gläserne Decke bleibt und viele sind eifrig bemüht, sie extra für ihn noch zu verstärken. Einen solchen Emporkömmling will niemand im Salon sitzen haben, der noch was auf sich hält. Doch die Ablehnung spornt Tørres nur noch mehr an. Er sieht vor sich nur die Himmelsleiter und seinen Weg in einen Himmel voller Gold.
Kielland erzählt die Geschichte eines Mannes, der für seinen großen Traum alles andere vergisst. Die Gefühle und Nöte anderer scheren ihn nicht, solange er es nur nach oben schafft. Seinem Ansehen allerdings schadet das kaum. Gleichzeitig kritisiert der Autor sehr offen die „gehobene Gesellschaft“, die allen die Tür vor der Nase zuschlägt, die Anstalten machen, sich ihr ohne Geburtsrecht anschließen zu wollen. Diese Kritik wurde zu Kiellands Zeiten als so deutlich und böse gelesen, dass Jakob sein letzter Roman werden sollte. Er gab das Schreiben – oder wenigstens das Publizieren – nach diesem Roman auf und widmete sich einer Karriere in der Politik.
Jakob ist ein wunderbar erzählter, kritischer Roman, der mit sauberer Figurenzeichnung und ironischem Humor sehr überzeugt. Kielland war ein überzeugter Realist und Jakob erinnert an einigen Stellen an Zolas wunderbares Paradies der Damen. Seinem Ruf als „geborener Erzähler“ wird Kielland mit diesem Text auf jeden Fall sehr gerecht. Jakob ist ein sehr gut erzählter, unterhaltsamer und kluger Roman, dessen zentraler „Selfmade“-Jakob einem auch heute noch überall begegnet.
Alexander L. Kielland: Jakob.
Kröner 2019, 239 Seiten.
Aus dem Norwegischen (OT Jacob, 1891) von Gabriele Haefs.
978-3-520-61201-4
Der Roman wurde mir vom Verlag mit Bitte um Rezension kostenfrei überlassen. Ich danke dafür herzlich, meine Meinung oder die Darstellung des Textes hat es nicht beeinflusst.


