Von der Blumenbinderin zur Kranführerin, das ist der Weg von Hanna Krause. Annett Gröschner erzählt von einer ganz gewöhnlichen Arbeiterinnen-Biographie des 20. Jahrhunderts, die durch die Einzigartigkeit ihrer Protagonistin besticht.

Blumen binden, das kann Hanna. Zwar haben sie nur familiäre Zufälle in das Floristik-Gewerbe gebracht, doch mit Blumenschere, Draht und Blüten macht ihr schnell keiner mehr etwas vor. Ihren Traum vom eigenen Laden kann sie sich im ärmlichen Magdeburger Knattergebirge erfüllen und bindet dort so meisterhafte und ausgefallene Sträuße, dass selbst die feinste Gesellschaft dafür einen Fuß ins verrufene Viertel setzt.
Doch dann packt das 20. Jahrhundert sie mit aller Härte, wirft sie in einen Weltkrieg, eine neue Welt, ein neues Land, in dem aus der Floristin eine Reinigungskraft, eine Schwarzmarkthändlerin und schließlich eine Kranführerin und stolze Arbeiterin wird. Zwischendrin wird sie so oft schwanger, dass sie es selbst kaum noch zählen kann, trägt aus, treibt ab, trauert.
Doch egal, wo sie gerade ist, die Blumen begleiten sie ihr Leben lang und ihr Heft mit den Blumennamen kann sie durch alle Jahrzehnte retten, auch wenn sie fast alles andere verliert. Mit ihrem Lebensweg steht Hanna Krause stellvertretend und exemplarisch für viele Arbeiterinnen, deren Biographien durcheinandergerüttelt wurden von den Ereignissen des 20. Jahrhunderts. In vier Staaten und unter diversen Herrschern findet Hanna Krause sich zurecht, trägt ihre Kinder und ihren Mann mit, sowohl finanziell wie später auch körperlich, nachdem er im Werk ein Bein verloren hat, leidet leise und laut und geht doch unbeirrbar weiter. Hauptsache, man bleibt anständig und macht seine Sache gut.
Als Künstlerin hätte die Kranführerin Krause, die in ihrem Leben nur zweimal ein Museum betritt, sich selbst wohl nie bezeichnet und doch ist sie eine. Ihr Metier sind die Blumen, ihre Werke sind so einzigartig wie vergänglich. Selbst im ärmlichen Knattergebirge brilliert sie mit Sträußen, wie es sie sonst nirgends in der Stadt gibt. Statt in die Gemäldegalerie geht sie ins Gewächshaus, in den botanischen Garten, staunt über die Vollkommenheit der Farben und Formen und lässt sich eines Nachts sogar dort einschließen, als sie glaubt, sie habe in ihrem Leben zu wenig Verrücktes gemacht. Folgerichtig gliedert Gröschner ihr Leben in Blumen, stellt fast jedem Kapitel die Beschreibung einer anderen Sorte voran. Zusammen ergeben sie die Elemente des Gemäldes „Blumenvase in einer Fensternische“ von Ambrosius Bosschaert, das Hanna ihr halbes Leben lang begleitet und beeindruckt.
Als Kranführerin weiß Hanna, dass der Aufenthalt unter schwebenden Lasten gefährlich und verboten ist und doch lassen sie sich aus ihrem Leben nicht wegdenken. Wenn die Pakete ihres Schicksals zu bedrohlich über ihr schaukeln, wenn die Tode und Verluste sie zu begraben drohen, klettert Hanna die Stufen zum Führerstand empor und übernimmt die Kontrolle. Auch als Kranführerin erfüllt sie ihre Aufgabe mit Präzision und großem Können und behauptet sich in einer ausgesprochenen Männerdomäne. Gröschner erzählt von diesem Leben mit Feingefühl, ohne Pathos und in einer Klarheit, die zu ihrer Protagonistin passt. Dialoge gibt es wenige, sodass man sehr nah an Hanna und ihrem Innenleben bleibt. Ein beeindruckender Roman über einen Lebensweg, der nicht außergewöhnlich oder selten ist, von dem man aber viel zu selten hört.


