Tianhong hat versprochen, nie wieder in sein Heimatdorf in Zentral-Taiwain zurückzukehren. Aber sobald er aus dem Gefängnis entlassen wird, macht er es doch. In der Hitze des Sommers, zum Höhepunkt des Geisterfests, kehrt er nach Yongjing zurück um den Frieden mit den Geistern zu suchen, den lebenden wie den toten.

Tianhong ist das siebte Kind seiner Mutter, geboren aus der übermütigen Begeisterung darüber, dass sie endlich Söhne gebären kann. Fünf Töchter musste sie erst zur Welt bringen, Shumei, Shuli, Shuqing, Sujie und Qiamoei, bevor das Schicksal ihr den ersten Sohn bescherte. Und dann direkt den nächsten! Zikadina könnte glücklicher nicht sein, doch das währt nur so lange, bis sie erkennen muss, was für eine absolute Enttäuschung der jüngste ist. Homosexuell ist er und Künstler will er werden. Was soll eine Mutter nur mit so einem Sohn?
Der Sohn allerdings erkennt auch schnell, dass er in seinem Geburtsort keine Heimat finden wird. Zu engstirnig und konservativ ist die Gesellschaft, das muss er in jungen Jahren und auf äußerst brutale Art erfahren. Ihn zieht es in die Welt. Schon als Kind hat er sehnsüchtig Landkarten betrachtet und sich vorgestellt, wo überall man leben kann, wenn es nicht Yongjing sein muss. Mit einem Stipendium landet er schließlich in Berlin, wo er T kennenlernt, den ersten Mann, dessen Hand er in der Öffentlichkeit halten kann, der ihn seinen Eltern vorstellt und die Orte seiner Kindheit zeigt, T, dessen Tod er hinter Gittern sühnt. T, der trotzdem noch irgendwie bei ihm ist, als er danach alle Versprechen bricht und nach Yongjing zurückkehrt und ihm die Orte seiner Kindheit zeigen kann, die er als Lebender unmöglich besuchen konnte.
„Wir fünf Chen-Töchter waren alle ungewollte Kinder, würde in unserem Leben jemals wieder etwas „gut“ werden?“
– S. 200
Kevin Chen schildert das Schicksal zweier Familien, die zeitweise Tür an Tür leben, in der Reihenhaussiedlung, die einst Yongjings Vorzeigeprojekt war und jetzt zusehends verfällt. Er erzählt von einer Kindheit, die von Gewalt geprägt war und von Beziehungen, die es bis ins Erwachsenenalter bleiben und einer Brutalität, die unnachgiebig ist und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Dauerhaftes Glück scheint es kaum zu geben in diesem Kosmos, in dem die wahre Liebe nur im Verborgenen existieren kann und in dem, was nach außen hin gelebt wird, nur Abgründe lauern. Chen schildert viel Gewalt in diesem Roman, die von kompromissloser politischer Machtausübung bis hin zu Folter reicht. In Geisterdämmerung sind häusliche und sexualisierte Gewalt, Selbstverletzung und Suizide sehr präsent, wenn auch nicht im Exzess – wer das nicht so gerne liest, sollte um diesen Roman lieber einen Bogen machen.
Wer es aushält, wird mit einem ganz großartig komponierten Text belohnt. Chen ruft in diesem Roman die Geister an, die in der taiwanesischen Kultur nicht nur im Geistermonat eine Rolle spielen. Sie sind allgegenwärtig, können helfen, strafen und sogar töten. Sie leben in jedem Gewässer, in jedem Baum, in jedem Haus, ihre Anwesenheit ist selbstverständlich und ihre Existenz unumstritten. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sie in Geisterdämmerung auch zu Wort kommen. Der Geist von Tianhongs Vater zum Beispiel taucht mehrfach auf um zu erläutern und einzuordnen, was Tianhong selbst nicht mitbekommen oder als Kind schlich nicht verstanden hat. Der Roman ist ein vielstimmiges und vielschichtiges Werk, das eine fantastisch komponierte Familiengeschichte erzählt, die so sehr von Katastrophen und Schicksalsschlägen geprägt ist, dass zur Normalität geworden sind. Einige davon wirken so skurril und aus der Welt gefallen, dass man sich zwischendrin fragt, ob es nicht doch am Ende wieder Geister sind, die hier durch Räume gleiten und nur mit am Tisch sitzen können, weil gerade jetzt, zum Höhepunkt des Geisterfests, die Grenzen aufgelöst sind.
Geisterdämmerung ist ein starker, dichter und atmosphärischer Roman, der von der Kultur Taiwans erzählt, von einer sehr speziellen Familie und von der universellen Katastrophe, an einem Ort zu sein, an dem man nicht sein kann, wer man ist. Kevin Chen springt zwischen den Welten und Kulturen und schafft eine beeindruckende Geschichte, die er mit Tiefgang, Grausamkeit und ganz viel Witz und Hingabe erzählt.


