Der bulgarische Goldstrand ist heute für Partytourismus bekannt und verrufen. Doch einst, erzählt Eli, wollte sein Vater dort einen sozialistischen Traum erfüllen. Auf der Couch seiner Dottoressa erzählt er aus der Geschichte seiner Familie und halb Europas.

Eli ist ein erfolgreicher und bekannter Filmemacher, lebt in Rom, und liegt wöchentlich bei seiner Dottoressa auf der Couch um ihr zu erzählen, warum er heute ist, wo er ist. Ganz entscheidend ist dafür ein Moment, der auch den Roman einleitet: Seine Familie muss aus Europa flüchten, aber als das rettende Schiff gen Konstantinopel schon erreicht ist, schwingt seine Tante Vera ein Bein über die Reling und springt.
Es wird der initiale Moment für Elis ganzes Leben, denn der Sprung bringt seinen Vater Felix an einen damals noch fast gänzlich unbebauten Strand in Bulgarien, an dem er das erste Mal die Vision einer ganz neuen Architektur entwickelt – mit Beton statt Marmor und Klarheit statt Schnörkeln. Einem Ort für die Erholung der neuen sozialistischen Arbeiter. Einige Jahre später kommt Francesca an diesen Ort der großen Ideen, auf der trotzigen Suche nach einem Gegenentwurf zum Leben ihres Mussolini-verehrenden Vaters. Sie bleibt gerade lange genug um den jungen Architekten zu bewundern und von ihm schwanger zu werden. Der Rest ist Geschichte und zwar eine, die auf einer Couch erzählt werden muss.
Und wie bei so vielen Geschichten, die dort erzählt werden weiß man nicht, wieviel davon wahr ist. Elis Realität schwingt zwischen Filmideen, Übertreibungen und Ausgedachtem. Was wirklich passiert ist? Ganz egal! Gut erzählbar muss es sein. Er lebt in Rom, einer Stadt, die er liebt und die ihn nervt, im riesigen Haus seiner Großeltern, die schon vor langem verstorben sind, ihm aber ein bequemes Erbe hinterlassen haben. Er hat sich Mühe gegeben, die letzten Reste der Mussolini-Verehrung seines Großvaters verschwinden zu lassen und muss doch einsehen, dass sie ein wesentlicher Teil seiner Geschichte ist.
Poladjan erzählt die Geschichte größtenteils über Elis therapeutischen Monolog, unterbrochen von gelegentlichen Einwürfen seiner Dottoressa oder Besuchen bei seiner Mutter Francesca, die seit Jahrzehnten im gleichen Mietshaus in Rom lebt. Als sein eigener Chronist darf Eli die Geschichte erzählen, wie es ihm gefällt, mit Sprüngen, Lücken, manchmal vielleicht sogar Lügen, zumindest aber Ausgedachtem und Übertriebenem. Das alles aber auf so charmante Art, dass man ihm gerne glauben möchte. Getragen wird der Roman von einer filmischen Atmosphäre, mit Fellini-haften Bildern, in einer Stadt, in der große Geschichte und moderner Verfall so nah beieinander sind. Dahinein passen auch die surrealen Elemente, wie zum Beispiel ein gewisser Paolo, der eines Tages und ohne jede Erklärung in Elis Sitzungen auftaucht und einfach nicht mehr geht.
Goldstrand erzählt mit Witz, Charme und Melancholie nicht nur eine ganz unwahrscheinliche Familiengeschichte, sondern auch eine sehr persönliche Geschichte der europäischen Verwerfungen im 20. Jahrhundert. Ein kluger und absurder Spaß mit Tiefgang.


