Elisabeth lebt in einer Zeit des Umbruchs. Ein Leben geht zu Ende, Englands Mitgliedschaft in der EU auch, und wie sie sich mit dem „Danach“ arrangieren wird, das weiß sie noch nicht. Großartig erzählt Ali Smith vom Privaten vor der großen Kulisse des Politischen.

Daniel tritt in Elisabeths Leben, als sie für die Schule einen Aufsatz über einen Nachbarn schreiben soll. Elisabeths Mutter findet, dass man mit sowas nicht die Nachbarschaft behelligen sollte, aber da ist es schon zu spät. Als die ungleiche Freundschaft beginnt, ist Elisabeth gerade erst 13 Jahre alt und Daniel schon 85. Sie findet ihn etwas wunderlich, er fordert sie heraus mit Gedankenspielen zu Geschichten und Kunst und der immer gleichen Frage: Was liest du gerade? Daniel glaubt, man lese immer und wenn es gerade kein Buch ist, dann eine andere Art von Geschichte.

Ihre Mutter ist gegen den Kontakt, den sie als völlig widernatürlich empfindet, doch Elisabeth ist zu fasziniert von Daniels Art die Welt zu sehen und über Kunst zu sprechen, die bisher in ihrem Leben gar keine Rolle gespielt hatte. Die ungewöhnliche Freundschaft bleibt lange bestehen und inspiriert Elisabeth sehr nachhaltig: Dank Daniel begeistert sie sich so sehr für Kunst, dass sie Kunstgeschichte studiert und später Dozentin wird. Dass sie dabei auf einen sehr wunden Punkt in seiner Vergangenheit stoßen wird, kann sie nicht ahnen.

Zum Zeitpunkt der Geschichte aber gehen die beiden nicht mehr spazieren, Elisabeth besucht ihn nur noch im Pflegeheim, wo sie sich als seine Enkelin ausgibt und ihm regelmäßig vorliest. Das könne sie sich sparen, glaubt ihre Mutter, Daniel sei inzwischen viel zu weit weggetreten, um das noch wahrnehmen zu können. Tatsächlich ist er das manchmal und der Roman ist durchsetzt von seinen Traumsequenzen, die ihn immer weiter von der Welt der Lebenden wegführen.

„Every morning she wakes up feeling cheated of something. The next thing she thinks about, when she does, is the number of people waking up feeling cheated of something all over the country, no matter what they voted.“

– S. 197

Ans Hier und Jetzt gebunden sind die Erinnerungen an die Vergangenheit und das Wegdriften ins Ungewisse durch den so realen wie banalen Kampf um das Alltägliche, wie zum Beispiel ein Passfoto, das von der Behörde akzeptiert werden kann. Denn gerade war Brexit, Elisabeth braucht einen neuen Ausweis und ihr Gesicht muss 7 cm groß sein, was zu einer beinahe kafkaesken Prozedur wird. Das aber ist nur ihr ganz persönlicher, kleiner Kampf mit dem EU-Austritt, der politische Wandel im Land findet auch auf andere Art seinen Weg in den Roman. Smith schildert auf subtile Art eine Gesellschaft, in der Ablehnung und Ausgrenzung sich immer mehr etablieren, in der Menschen offen angefeindet werden. Ein Stück Land, das bisher frei begehbar war, wird ohne weitere Erklärung plötzlich durch einen bewachten Zaun abgegrenzt, im Dorf hat das Brexit-Votum einen tiefen Graben gerissen und verhärtete Fronten hinterlassen. Daniels Erinnerungen an seine Kindheit in den 1940ern fügen sich da gut ein.

Ali Smiths Romane werden in aller Regel nicht durch ihre Handlung getragen, sondern durch ihre Erzählweise: Durch das Verweben des Alltäglichen, des Banalen und manchmal auch des Furchtbaren mit der Kunst und dem, was man daraus macht. Smith nutzt viele Themen für ihren Text, um eine Stimmung und Atmosphäre zu schaffen, um die Ereignisse in einer Welt einzuordnen, wirft einen klugen Blick auf sie, kommentiert sie dann aber nicht weiter. Das Politische wird zu einer unausweichlichen Kulisse für das ganz Private: An einem Sterbebett sitzen und A Tale of Two Cities lesen. Wie auch in anderen Romanen nimmt sie sich in Autumn mit Pauline Boty eine reale Künstlerin vor und räumt dem Werk der Pop Art-Malerin eine ganz zentrale Rolle im Text ein. Sie lässt sie auferstehen als vergessene und fast negierte Künstlerin, von deren Werk nur so wenig überlebt hat.

Autumn erzählt von Elisabeth und Daniel, von Popsongs und Pop Art und Trash-TV, von Liebe und Lust und Sterben, von einem Land im Umbruch und einer Frau in Ungewissheit. Elisabeth ist sich, als der Roman spielt, nicht sicher, wie es weitergeht mit ihrem Job und ihrem Leben. Übergangsweise ist sie bei ihrer Mutter eingezogen, aber da will sie ja auch nicht bleiben und mit ihr immer Trödel-Sendungen gucken. Sie besucht Daniel, und weiß nicht, wie lange es noch geht, und über all dem hängt eine Ungewissheit, eine Unklarheit, die dem Roman eine sehr besondere – bleiben wir beim Titel: neblige – Atmosphäre verleiht. Es heißt oft, es sei ei Roman über den Brexit, aber eigentlich ist eher ein Roman, der kurz danach spielt und davon erzählt, wie er Lebenswelten beeinflusst. Und in jedem Fall ist es, wie alles was Smith schreibt, ein ganz besonderer Roman und ein echtes Glanzstück, das noch lange nachhallt.


Ali Smith: Autumn.
Penguin Book 2017, 263 Seiten.

978-0-241-97331-8

Erstausgabe Hamish Hamilton 2016.

Eine deutsche Übersetzung von Silvia Morawetz ist unter dem Titel Herbst erschienen (Luchterhand und btb).


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