Bill Furlong ist ein stiller Held – er hilft im Kleinen, wo er kann, und das mit großer Selbstverständlichkeit. Als er kurz vor Weihnachten ausgerechnet im Kloster großes Unheil erlebt, steht er vor einer schwierigen Entscheidung.

Kohlehändler Bill Furlong bringt mit seinem Geschäft seine Familie gerade so über die Runden. Mit seiner Frau und fünf Töchtern lebt er in den 1980ern im Süden Irlands, wo es noch üblich ist, mit Kohle zu heizen und zu kochen. Die Familie ist selbstverständlich katholisch, sonntags geht man in die Kirche, die Mädchen in die Klosterschule.
Bill hat ein weiches Herz. Als uneheliches Kind aufgewachsen, weiß er, dass er sein leidlich gutes Leben ausschließlich der Barmherzigkeit anderer zu verdanken hat. Seine Mutter war Dienstmädchen, eine ausgesprochen unglückliche Situation für eine unerwartete Schwangerschaft, doch ihre Arbeitgeberin unternahm nichts, lies sie weiter bei sich leben und arbeiten und half später, Bill zu erziehen. Er weiß, dass es ganz anders hätte laufen können und ist bemüht, das Gute, das ihm widerfahren ist, weiterzugeben, auch wenn seine Mittel dazu ausgesprochen begrenzt sind.
Die Geschichte, die Keegan erzählt, spielt kurz vor Weihnachten, eine besonders arbeitsreiche Zeit im Kohlehandel. Wer jetzt nicht zahlen kann, bekommt trotzdem was, zumindest von Bill Furlong. So lange er es verhindern kann, soll niemand frieren, erst recht nicht jetzt. Eine seiner letzten Lieferungen vor dem Fest geht an das örtliche Kloster und dort wird er Zeuge von etwas, das er nicht hätte sehen sollen. Wie die dort lebenden Mädchen behandelt werden ist ganz weit weg von seinem Verständnis christlicher Nächstenliebe und auch ohne religiösen Unterbau nicht, wie man seiner Meinung nach mit Menschen umgehen sollte.
Claire Keegan widmet ihren Roman einem sensiblen Thema. Lange Jahr wurden in Irland „gefallene Mädchen“, also Mädchen und Frauen, die außerhalb einer Ehe schwanger wurden, in kirchlichen Einrichtungen untergebracht, wo sie unbemerkt von der Außenwelt ihre Kinder zur Welt brachten und oft Furchtbares erlebten. Besonders prominent geworden sind die „Magdalen laundries“, Wäschereien in kirchlicher Trägerschaft, die auch im Roman eine Rolle spielen – die halbe Stadt bringt ihre Wäsche dorthin, irgendwie voraussetzend, dass sie mit der Unterstützung einer kirchlichen Einrichtung auch einen guten Zweck unterstützen. Die Wäschereien sind inzwischen zu einem Sinnbild der Grausamkeit und Scheinheiligkeit kirchlicher Institutionen geworden. Rund 30.000 Mädchen und Frauen, so schätzt man, gingen durch diese und ähnliche Einrichtungen, längst nicht alle überlebten sie, ebenso wenig ihre Kinder.
„But if we just mind what we have here and stay on the right side of people and soldier on, none of ours will ever have to endure the likes of what them girls go through. Those were put in there because they hadn’t a soul in this world to care for them.“
– S. 46
Das alles weiß Bill Furlong nicht, aber er weiß, dass er eine von ihnen retten kann. Eine, die ihn anfleht, sie aus den Klostermauern zu befreien oder wenigstens zu töten. Sein Umfeld rät ihm, sich aus der Sache rauszuhalten. Die Macht des Klosters im Ort ist groß, seine Töchter gehen dort zur Schule, singen im Chor, die Nonnen sind überall vernetzt und hoch angesehen und er nur ein einfacher Kohlehändler. Aber Furlong kann nicht ruhig schlafen, solange er von einem Unrecht weiß, das er in Ordnung bringen kann.
Keegan erzählt in diesem sehr kurzen Roman eine Weihnachtsgeschichte die fern der Kirche – oder eher trotz der Kirche – geprägt ist von Nächstenliebe und Barmherzigkeit und einer offenen Tür für die, die sie brauchen. Sie schafft einen Helden, der an diesen Werten nie gezweifelt hat und für den sie Kompass all seiner Taten sind. Mit seinem klaren und präzisen Stil ist Small Things Like These eine Anklage der irischen Kirche und ihrer Scheinheiligkeit und ein Hohelied auf die, die außerhalb der Kirchenmauern jeden Tag ihr bestes für andere geben. Keegans Geschichte entpuppt sich als ruhig und kraftvoll zugleich, ebenso wie ihr Protagonist. Ein sehr lesenswerter Roman, nicht nur zur Weihnachtszeit.
Claire Keegan: Small Things Like These.
Faber & Faber 2021, 128 Seiten.
978-0-571368686
Eine Übersetzung von Hans Christian Oeser ist unter dem Titel Kleine Dinge wie diese bei Steidl erschienen.
2024 ist der Roman verfilmt worden, den Trailer kann man u. a. bei YouTube sehen.


