Memento Mori – „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ von Nora Gomringer

Kann man sich mit einem Tod auf einen anderen vorbereiten? In ihrem ersten veröffentlichten Prosatext denkt Nora Gomringer darüber nach, ob man das Abschiednehmen einüben kann und ob es eine Vorbereitung geben kann, ob man die Wucht irgendwie bremsen kann, mit der einen der Tod eines geliebten Menschen trifft. Zugleich ist es ein sehr persönlicher Text über ihre Mutter und das komplizierte Verhältnis zu ihr.

Als Nortrud Gomringer stirbt, ist ihre Tochter Nora 40 Jahre alt und es ist nicht ihre erste Begegnung mit dem Tod. Sie hat sich bereits von ihrer Großmutter verabschieden müssen und von diversen Meerschweinchen, die ihre letzte Ruhe, sorgsam gebettet in Schuhkartons, im Garten fanden. Der Tod trifft die Tochter nicht unvorbereitet, aber hart. Den Verfall der Mutter hat sie miterlebt und realisiert, nach einem langwierigen Krankenhausaufenthalt ist sie sogar mit ihr beim Bestatter gewesen, hat Ankreuzbögen für die Bestattungsplanung mitgenommen und erfahren, in welcher Naturfaser man beerdigt werden kann. Weißes Leinen und rote Merinowolle sollen es am Ende werden, aber davon sind die beiden Frauen noch weit entfernt, als sie mit den Fragebögen nach dem Termin im Auto sitzen und über die Situation lachen.

Erst viel später ist es an Nora, den Nachlass ihrer Mutter zu sichten, sich darum zu kümmern, dass der Doktortitel auf dem Grabstein steht, dem Grabstein, der so viel Ärger gemacht hat und auf dessen oberem Teil „schweigen“ steht, ein Gedicht von Noras Vater und Nortruds Mann Eugen. Eugen Gomringer, geboren in Bolivien und aufgewachsen in der Schweiz, Gründer der Konkreten Poesie und Lyriker von Weltrang. Eugen Gomringer, der in Nortruds Leben für so viel Erfüllung gesorgt hat und für so viel Schmerz. Dessen Werk sie bewunderte, den sie unterstützte, wo immer sie konnte, der sie aber auch fast zerstörte.

„Ich wusste früh, dass ich Mamas Lebensversicherung war.“

– S. 118

Nora Gomringer erinnert sich an einen langen Psychiatrieaufenthalt ihrer Mutter, erforderlich gemacht durch eine schwere Depression. Sie erinnert sich an eine Silvesternacht, in der die Mutter trank und weinte und von der Tochter immer wieder verlangte, sie solle in dem Hotel anrufen, in dem der Vater mit seiner Freundin war und den beiden so die Nacht ruinieren. Sie erinnert sich an zwei Selbstmordversuche der Mutter, aber nicht daran, wo der Vater in diesen Situationen war, ob er überhaupt erreichbar war.

„Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ ist ein Zitat Nortrud Gomringers, ein Ausspruch, den sie gegenüber einer Freundin getan haben soll, die sich fragte, ob Haustiere wohl förderlich sein für die kindliche Entwicklung. Er passt zu der Frau, die in diesem Buch portraitiert wird, die weiterlebt in den Schriften, die sie hinterlässt, in ihren Kindern und in dem Allerlei, das ihre Tochter in Schränken und Kisten gefunden hat, aussortiert hat, weitergegeben hat oder in ihre eigene Garderobe integriert hat und seitdem mit Stolz und Wehmut trägt. Nora Gomringers erster veröffentlichter Prosatext ist ein sehr persönlicher Nachruf für eine Frau, die ihr nahestand und oft unverständlich geblieben ist, die ihr in vierzig gemeinsamen Jahren viel abverlangt und viel gegeben hat. Es ist auch ein Nachdenken über ihren eigenen Umgang mit dem drohenden und dann dem ganz realen Tod und eine Auseinandersetzung mit der Frage, was man macht mit dem, was ein Mensch in der Welt zurücklässt.

Es ist ein sehr persönliches Buch, eine Mini-Familienchronik, angereichert aber mit allgemeingültigeren Betrachtungen und Gedanken zum Thema Tod und Trauer. Und hilft das tote Meerschwein? Ein bisschen. Meine habe ich in Eisverpackungen beerdigt (diese rechteckigen, ich weiß nicht mehr, welches da drin war) und muss zugeben, dass ich nicht mehr alle ihre Namen weiß.


Nora Gomringer: Am Meerschwein übt das Kind den Tod.
Voland & Quist 2025, 207 Seiten.

978-3-86391-461-5


Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank! Es waren keine Bedingungen damit verknüpft und es hat mich in meiner Meinung nicht beeinflusst.


4 Antworten zu „Memento Mori – „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ von Nora Gomringer“

  1. Avatar von Christoph

    Das Buch habe ich auch auf dem Zettel. Den Titel finde ich toll – da sehe ich doch glatt über den Untertitel „Ein Nachrough“ hinweg.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Hast du auch Meerschweinleichen im elterlichen Garten begraben?

      Über den Untertitel hab ich auch nachgedacht und kann ihn nachvollziehen. Über die Toten soll man ja nicht schlechtes sagen und tatsächlich geraten Nachrufe ja in der Regel doch sehr positiv. Dieser hier ist nicht negativ, aber er lässt die mühsamen Seiten eines Lebens (und einer Person) eben auch nicht aus.

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      1. Avatar von Christoph

        Nein, ich hatte wegen einer Tierhaar-Allergie weder Meerschweinchen noch Hamster.

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        1. Avatar von schiefgelesen

          Ich habe nochmal darüber nachgedacht. Am Meerschwein lernt man auch zu akzeptieren, dass man nicht zurück geliebt wird und dass jede Krankheit rapide und wahrscheinlich tödlich verläuft. Es ist ein sehr lehrreiches Tier.

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