Risikozone Lappland – „Der Fluch des Hechts“ von Juhani Karila

Elina trägt einen furchtbaren Fluch mit sich herum. Nur das Angeln eines Hechts im einem ganz bestimmten Tümpel kann sie vor dem sicheren Ende bewahren. Dafür nimmt sie es jedes Jahr mit etlichen Naturgeistern, wortkargen Nachbarn und ihrem gebrochenen Herzen auf.

Jeden Juni nimmt Elina eine Woche Urlaub von ihrem Beruf als Probensammlerin und fährt in ihren winzigen Heimatort in Lappland. Persönliche Verbindungen hat sie dort fast keine mehr, aber sie muss an einem bestimmten Tümpel einen bestimmten Hecht fangen. Dieses Jahr fährt sie nicht alleine in den Norden Finnlands. Ihr dicht auf den Fersen ist die Polizistin Janatuinen, die gegen sie wegen eines Mordes ermittelt.

Der finnische Autor Juhani Karila hat sich in seinem Heimatland mit diesem humorvollen und tief in der Kultur Lapplands verwurzelten Text eine große Fanbasis geschaffen, mehrere Preise gewonnen und auch die internationale Bühne erobert. Karila selbst stammt aus der Gegend und erzählt von Lappland als einem sehr eigenem, sehr speziellen Landstrich. Der Dialekt der Gegend wird in der Übersetzung nur angedeutet, die übrigen Eigenheiten der Dorfbewohner aber finden ihren Weg natürlich auch in die deutsche Version. Etliche von ihnen haben Vorbilder in der Realität. Man ist hier gerne unter sich, Fremde werden bestenfalls mit Argwohn, oft aber mit offener Ablehnung betrachtet. Erst recht, wenn sie wie Janatuinen von der Polizei und noch dazu eine Frau sind. Wo hat man sowas schon gesehen! Lappland hat den Ruf, wild und gefährlich zu sein und man will nicht unbedingt etwas unternehmen, um dieses Gerücht aus der Welt zu schaffen.

Die Luft in dieser Geschichte flirrt vor Mücken, die Gewässer und Wälder sind voll von Ungeheuern. Man kann kaum einen Schritt gehen, ohne auf den grausamen Näck zu treffen, auf pelzige Pejoonis, lauernde Torfmorras, gierige Hattaras und Flusskümmerlinge, die nach den Lebenden greifen. Einiges ist der nordischen Sagenwelt entlehnt, anderes der Fantasie des Autors entsprungen. Mit etlichen von ihnen muss Elina in diesem Jahr den Kampf aufnehmen, denn der Hecht lässt sich nicht so einfach fangen, wie sie gehofft hatte. Das vermeintlich Irreale ist in diesem Roman ein ganz selbstverständlicher Teil der Lebenswelt, dem man ebenso achselzuckend begegnet wie einem starken Gewitter und anderen Naturgewalten. Menschen aus dem Süden mögen diese Kreaturen seltsam vorkommen, aber hier lebt man mit ihnen, wie man anderswo vielleicht mit Waschbären, Wildschweinen oder Kojoten lebt.

„Elina sagte, dass Hechte ihrer Mutter zufolge Botschafter seien, die die Befugnis hatten, unentgeltlich von einer Welt in die andere zu schwimmen. Auch dieses Exemplar mochte hunderte von Dimensionen besucht haben. Realitäten erlebt haben, die einen Menschen um den Verstand bringen würden.“

– S. 93

Karila schildert die Gesellschaft des abgelegenen Ortes mit viel Humor, einem Gefühl für Situationskomik und einem grundlegend liebevollen Blick. Er spart aber auch nicht an Kritik und verknüpft die fantastische Seite des Romans geschickt mit der Realität. So gibt es im Roman einige Frauen, die als Hexen bekannt sind und viele von ihnen ganz zu Recht. Sie haben wirklich die Fähigkeit, Menschen zu verfluchen. Eine von ihnen hat aber auch die Fähigkeit, besonders gute Kartoffeln anzubauen. Die Männer in ihrem Umfeld können das nicht verkraften und unterstellen ihr auch hier den Einsatz Schwarzer Magie. Dass sie weniger Gift und Dünger verwendet und trotzdem bessere Ergebnisse erzielt, kann ja wohl nicht das Ergebnis ihres Landwirtschaftsstudiums sein. Dass sie sich von dem Geld auch noch eine elektrische Klingel einbauen lässt – reine Dekadenz und eine Provokation noch dazu.

Seiner Protagonistin Elina mutet der Autor eine gefährliche Missions zu, deren voller Sinn und Bedeutung sich erst ganz am Ende offenbart. Bis dahin lässt er sie aber nicht nur mit einem Hecht und einer ganzen Reihe mystischer Kreaturen kämpfen, sondern auch mit den sehr normalen Probleme des Aufwachsens. Elina wird in der Schule gemobbt, verliebt sich unglücklich, verliebt sich nochmal unglücklich, hofft dann doch noch ein Happy End finden zu können und scheitert an einem toxischen Typen, der sich für einen unverzichtbaren Künstler hält. Enge Bindungen zu finden fällt ihr davor uns danach schwer. Freundschaften zu knüpfen, sich jemandem anzuvertrauen – das ist ihr nicht gegeben. Wenn sie zu kämpfen hat, geht sie angeln. Wenn sie sich einen Zeh gebrochen hat, geht sie weiter. Wenn ein Naturgeist mit ihr um ihre Seele wettet, steigt sie darauf ein. Aber über ihren Schmerz und ihre Angst reden, das will sie dann lieber nicht.

Karilas Erzählton ist locker, direkt und spart nicht an Grausamkeiten. Er schildert mit viel Humor und einem Sinn für das Skurrile eine harte, karge Gegend, bevölkert von schweigsamen, pragmatischen Menschen, die untereinander oft keinen sehr liebevollen Umgang pflegen. Die Möglichkeit für tiefe Verbindungen und echte, lebenslange Freundschaften schlummert aber natürlich schon in ihnen und kommt manchmal sogar an die Oberfläche. Die wichtigste love language ist und bleibt aber Tee und Schnaps und Angeltipps. Und die wichtigste Frage bleibt, ob wir uns die schlimmsten, dunkelsten, ewigsten Flüche nicht am Ende selbst auferlegen.

Juhani Karila: Der Fluch des Hechts.
Homunculus Verlag 2022, 301 Seiten.

Aus dem Finnischen (OT Pienen hauen pyydystys) von Maximilian Murmann.

978 -3-946120-76-6


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