Vor der Küste von Maine liegt die Insel Shepherd. Dort findet Tuck mit ihrer kleinen Familie einen Unterschlupf, als das Leben auf dem Festland in einer eigenen Wohnung nicht mehr finanzierbar ist. So wenig finanzierbar, dass sie auch auf der Insel lernen müssen, von dem zu leben, was sie fischen und sammeln können. Zwischen wirtschaftlicher Notlage und der Suchterkrankung ihres Mannes versucht Tuck eine andere Zukunft möglich zu machen.

Lungenfische, so lernt man in diesem Roman, haben eine erstaunliche Überlebensstrategie: Bei Trockenheit graben sie sich in den Schlamm ein und bilden einen Kokon aus Schleim, in dem sie auf bessere Zeiten warten. Mehrere Jahre lang wenn es sein muss.
So weit muss Tuck nicht gehen, hat sie doch immerhin eine ganze Insel zur vorübergehenden Disposition. Dort, knapp vor der Küste von Maine, hat ihre nun verstorbene Großmutter gelebt. Der rechtmäßige Eigentümer ist ihr Vater, von dem aber niemand weiß, wo er gerade ist und weil sie sich keinen anderen Ort auf der Welt leisten kann, zieht Tuck mit ihrem Mann Paul und der gemeinsamen Tochter Agnes auf die Insel. So luxuriös eine eigene Insel klingt, so hart ist die Realität. Die Familie hat kaum Geld, um Lebensmittel zu kaufen, nur selten gibt es Cracker und Erdnussbutter vom Festland. Tuck liest Naturratgeber und lernt, welchen Kelp man am besten essen kann, welche Muscheln man wie kocht und dass man die Beeren des Christophskrauts auf gar keinen Fall essen darf. Tuck, seit Jahren Vegetarierin, kämpft mit der Erkenntnis, dass diese Ernährungsweise hier nicht haltbar ist, ihre kleine Tochter isst fröhlich Hummerherzen wie eine seltene Delikatesse.
Erst auf der Insel versteht Tuck, was sie in diese Situation gebracht hat, warum das Geld nie reicht: Paul gibt es für Kratom aus, eine Opioid-artige Substanz, die er in kleinen Plastiktütchen überall im Haus versteckt. Tuck sammelt, recherchiert und rechnet hoch und kommt auf runde 90.000 $, die Paul dafür ausgegeben haben muss. Aber er kann den Entzug schaffen, da ist sie sich sicher, hier auf dieser Insel, wo es keine Bezugsquellen für ihn gibt. Außerdem liebt sie ihn, er liebt sie, sie beide lieben Agnes – reicht das nicht?
Tuck versucht zu retten, was zu retten ist. Sie bastelt Autoaufkleber und verkauft diese für wenige Dollar in Souvenirläden und Tankstellen. Sie passt auf, dass Paul das Geld niemals findet, denn sie brauchen es für eine Wohnung. Zumindest für die Kaution und die erste Monatsmiete muss es reichen, über Möbel kann man dann nachdenken. Tuck weiß ganz genau, dass die Insel ihnen nicht gehört, sie dort eigentlich nur Hausbesetzer sind und sie früher oder später gehen müssen. Lieber früher, denn über einen eisigen Winter auf der Insel will sie gar nicht nachdenken.
It’s no longer the island of my grandmother’s house. It’s the island of eelgrass and jackknife clams, waved whelks and dead-man’s-fingers. Of bull thistle, nightshade, and hawkweed. Of sheets of pearly everlasting.
– S. 143
Meghan Gilliss gießt dieses Familiendrama in eine außergewöhnliche und poetische Form. Die Kapitel sind kurz, die Erzählweise ein assoziativer innerer Monolog. Das Geschehene muss man sich zusammenbasteln in dieser Geschichte, die nur aus der Sicht von Tuck erzählt wird und ihren Gedanken und Gefühlen viel mehr Raum gibt als der Handlung. Man erfährt fast nichts über die anderen und viel über sie, über ihre Kindheit, die Eltern, ihr Studium der Veterinärmedizin, das sie abbrechen musste, weil sie es nicht ertragen konnte, den Tieren so viel Gewalt anzutun. Man merkt, wie sie sich mühsam zusammenreißt, versucht, sich selber einzureden, dass man von glibberigem, zähen Tang doch ganz gut leben kann und sie die Situation schon irgendwie im Griff hat. Hat sie natürlich nicht – nüchtern betrachtet muss man sagen, dass die Familie auf einer einsamen Insel gestrandet ist, wo sie vom Fischen und Sammeln lebt, kein Geld für neue Schuhe hat und, da sie keinen richtigen Wohnsitz hat, noch nicht einmal Sozialleistungen beantragen kann.
Es gäbe eine Lösung für Tuck, doch das würde bedeuten, die Hoffnung und Paul aufzugeben, einzusehen, dass er ein weiteres Opfer der US-amerikanischen Opiod-Krise ist und sie nicht seine Rettung und Therapie sein kann, dass Liebe eben nicht immer reicht.
Lungfish ist ein wirklich ganz großartiger Debüt-Roman über eine Frau, die eine Überlebensstrategie für eine Phase finden muss, in der ihr alle Grundlagen fehlen, in der sie gewissermaßen auf dem Trockenen sitzt. Kein Haus, kein Geld, keine Unterstützung. Sie begegnet dieser Herausforderung mit einer ungeheuren Resilienz und Besonnenheit und baut sich erfolgreich ihren Kokon im Schlamm. Unfair für Tuck, aber ich habe so gerne von ihrem Inselleben gelesen, dass ich mir gewünscht habe, es ginge immer so weiter. Das ist natürlich nicht die Lösung, also hoffe ich nun auf einen weiteren Roman dieser immens vielversprechenden Autorin.


