Die längste Nacht – „Die Inkommensurablen“ von Raphaela Edelbauer

Ein Pferdeknecht, der Sprössling einer Offiziers-Familie und eine vielleicht geniale Mathematikerin prallen im Juli 1914 in Wien aufeinander. Nur wenige Stunden trennen sie vom Ersten Weltkrieg. In einer Stadt, die rapide vom Walzertakt in den Marsch-Schritt wechselt, toben die drei durch eine wilde Nacht.

Inkommensurable Zahlen sind „unendlich, manchmal transzendent und können doch von jedem Kind mit einem Dreieck gezeichnet werden“, erläutert Klara, als sie Hans das erste Mal auf den Stufen vor der Praxis ihrer Psychoanalytikerin trifft. Der Pferdeknecht Hans ist gerade erst aus Tirol nach Wien gekommen, Klara steht einen Tag vor der Verteidigung ihrer Doktorarbeit über inkommensurable Zahlen und ganz Europa steht einen Tag vor einem Krieg.

Es ist der 30. Juli 1914 als Hans nach Wien kommt, weil er hofft, bei der bekannten Psychoanalytikerin Helene eine Erklärung zu finden für die seltsamen Phänomene, die er an sich selbst beobachtet. Er nimmt die Gedanken anderer Menschen wahr, bevor diese sie ausgesprochen haben. Hört er sie oder flüstert er sie den Menschen ein? Seine Gabe verstört ihn und von Helene hat er gelesen, dass sie sich mit solch ungewöhnlichen Gaben auskennt und zu ihnen forscht.

Er kommt in eine Stadt im Aufruhr. Niemand glaubt mehr, dass noch Frieden möglich ist, das Ultimatum des deutschen Kaisers wird verstreichen und dann stürzt Europa in einen Krieg, der gerade noch nach großer Fahrt und einmaligem Abenteuer klingt. Die jungen Männer aus dem ganzen Land strömen in die Stadt, in die Kasernen, um sich freiwillig zu melden. Hans strömt nicht, er stolpert eher in die Arme von Adam und Klara, die beide ihre Therapie bei Helene machen und ihn auf ihren Treppenstufen auflesen. Sie nehmen sich dem übermüdeten jungen Mann an und nehmen ihn mit in ihre Leben, in den Taumel einer Nacht, die nicht enden darf, weil dann das Unvorstellbare beginnt.

„Achtzehnjährige begreifen das Tempo der Welt besser als ihre Eltern. Und dennoch leben wir in einer Gesellschaft, die die Vergreisung preist.“

– S. 237

Die wenigen gemeinsam verbrachten Stunden reichen, um ein enges Band der Freundschaft zu knüpfen zwischen diesen drei Menschen, deren Zusammentreffen und deren Vereinbarkeit so unwahrscheinlich zu sein scheint. Vom Abendessen in der prächtigen Villa von Adams Offiziers-Familie in finstere Spelunken hinab in die Kanalisation und hinauf in Wiens Elendsviertel führt der atemlose Versuch, die Zeit zu negieren.

Raphaela Edelbauer siedelt ihre Geschichte in einem Wien fernab von Hofreitschule und Kaffeehaus-Kultur an. Sie nimmt ihre Leserschaft mit in den Wiener Untergrund, in die queere Szene, die damals natürlich nicht so hieß, sich aber etabliert hatte in dieser Stadt, die ein kultureller Dreh- und Angelpunkt war, eine der größten, wichtigsten und lebendigsten Städte Europas. Hier kommt alles zusammen – Kriegstreiberei, große Politik, klassische Kunst und umstrittene Avantgarde und natürlich die Psychoanalyse. Insbesondere letzterem widmet sich der Roman mit der Figur der Helene, die an einem Projekt forscht, das völlig surreal zu sein scheint. Gemeinsam mit anderen Forschenden will sie eine Kohorte aufgetan haben von Menschen, die Nacht für Nacht vom gleichen Dorf träumen, doch jeder nur von seinem kleinen Teil. Klara ist ein Teil davon, vielleicht sogar der wichtigste. Doch damit nicht genug steht sie in diesem Roman auch ein für die Frauenbewegung, nicht nur durch die Tatsache, dass sie eine der ersten Frauen ist, die in der ausgesprochenen Männerdomäne Mathematik promoviert.

Die Inkommensurablen bewegt sich irgendwo zwischen historischem Roman, Subkultur-Geschichte und Heroin induziertem Albtraum. So kurz die erzählte Zeit ist, soviel passiert in diesen wenigen Stunden. Der Charakterentwicklung tut die Kürze der Zeit keinen Abbruch. Die Hauptfiguren treten mit einer solchen Selbstverständlichkeit auf, dass man ihnen alles abkauft und sie auch mit minimaler Hintergrundgeschichte glaubhaft wirken. Der Roman ist atemlos und fieberhaft erzählt, er zieht einen mit dem staunenden Hans von einer Station zur nächsten, von einem Wunder und die nächste Unglaublichkeit und am Ende, das weiß man, wenn man hundert Jahre später lebt, doch in die Katastrophe. Mit diesem Roman hat Raphaela Edelbauer einen beeindruckenden, wunderbaren Mini-Schnipsel Geschichte kreiert, dessen Lektüre sich sehr lohnt.

Raphaela Edelbauer: Die Inkommensurablen.
btb 2024, 352 Seiten.

978-3-442-77451-7


6 Antworten zu „Die längste Nacht – „Die Inkommensurablen“ von Raphaela Edelbauer“

  1. Avatar von kulturbowle

    Dankeschön für die Erinnerung daran, dass das Buch schon eine ganze Weile ungelesen hier auf meinem (oder richtiger: einem meiner) Stapel liegt. Vielleicht war das jetzt das freundliche Anstupsen, das ich gebraucht habe, um den Roman nicht mehr allzu lange warten zu lassen. Schöne Sonntagsgrüße!

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Bei mir lag es auch ewig. Ich hab es im Sommer in Straßburg gekauft um es auf der Rückfahrt zu lesen und habe es dann doch erst jetzt geschafft.

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  2. Avatar von Alexander Carmele

    Gehörte für mich zu meinen Lesehighlights der letzten Jahre, fand es sogar fast zu kurz. Insbesondere das Ende kam mir etwas zu schlagartig, wiewohl stimmig.

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Für mich ist es in diesem noch jungen Lesejahr auf jeden Fall auch vorne mit dabei! Für mich hatte es mittendrin mal eine kleine Länge, aber das verzeihe ich diesem insgesamt sehr guten Buch wirklich gerne.

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  3. Avatar von dagmaregeroffel

    Genau vor einem Jahr war dieses Buch für mich das Beste der letzten Zeit. Ich mag Raphaela Edelbauers besonderen Stil. Und ich erinnere mich, am Ende ging es mir wie Alexander Camele: es war am Schluss fast zu kurz. Vielen Dank für die Erinnerung!

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    1. Avatar von schiefgelesen

      Sehr gerne! Ich hätte auch problemlos weiterlesen können. Das mache ich dann wohl bei Gelegenheit mal mit einem anderen Buch von ihr und hoffe, dass die Begeisterung anhält.

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