Die Autorin Jutta Reichelt ist als Kind Opfer sexueller Übergriffe geworden. Das Ausmaß dessen war ihr lange Zeit nicht bewusst, ebenso wenig die Folgen, die das Geschehene für ihre Psyche und ihre gesamte Biographie hatte. In diesem Essay geht sie ihrer eigenen Geschichte und den dahinterliegenden Strukturen auf den Grund.

Schon früh ist Jutta Reichelt klar, dass bei ihr „etwas nicht stimmt“. Sie führt nicht enden wollende Selbstgespräche, die für sie aber auch kein echtes Ventil sind. Stattdessen wiederholt sie zwanghaft Sätze und Wörter, wohlwissend, dass dies auf ihr Umfeld ausgesprochen merkwürdig wirken muss. Doch woher dieser Drang kommt, wird ihr nicht klar, auch nicht, als sie als junge Frau eine Therapie beginnt. Über lange Zeit quält sie sich mit der Frage, warum sie so disziplinlos ist, warum sie keinen Antrieb hat. Was mit ihr nicht stimmt. Sie ist sich sicher, dass sie eine recht normale Kindheit hatte, das Verhältnis zu den Eltern war vielleicht nicht eng aber im Grunde doch ganz gut. Ganz und gar nicht hatte sie in ihrer Erinnerung etwas, was man als schwere Kindheit bezeichnen könnte.
Es dauert sehr lange, bis sie endlich ein Gespräch mit einem ihrer Brüder führen kann, in dem ihr klar wird, dass ihre Kindheit nicht so war, wie sie es erinnert. Sie ist das Opfer sexueller Übergriffe durch ihren Vater geworden, ebenso wie ihre Schwester. Ihr Bruder hat es zu verhindern versucht, fand aber keinen Rückhalt, auch nicht bei der Mutter, die fragte, wer denn die Familie ernähren solle, wenn der Vater im Gefängnis wäre. Diese Einsicht, diese Gewissheit, wird der Knackpunkt im Leben der Autorin. Von hier aus kann sie sich völlig neu mit ihren Verletzungen, ihren Traumata und ihrer aktuellen Situation auseinandersetzen.
In der Auseinandersetzung damit schreibt sie selbst, liest aber auch viel, nicht nur zum Thema sexueller Missbrauch, sondern auch zu Fragen von Täterschaft und Opferstatus im allgemeinen. Sie realisiert, dass sie offenbar unbewusst seit Jahrzehnten Bücher kauft, die sich mit diesen Themen befassen, oft genug, um sie dann im Regal verstauben zu lassen. Manche schiebt sie zu Hause sogar in die zweite Regalreihe, damit sie die Auseinandersetzung damit aufschieben kann. Das Erzählen von einem Leben, das offenbar ganz anders war, fällt ihr schwer. Wie kann man auch von einem prägenden Erlebnis erzählen, wenn man nicht nur keine, sondern eine offenbar völlig falsche Erinnerung daran hat?
„Wie sollte ich erzählen, wenn mir die Erinnerungen an die entscheidenden Situationen fehlten, wenn umgekehrt meine Erinnerungen sich nur zu einer vollkommen falschen, irreführenden Version zusammenfügten? Was ich erzählen konnte, stimmte nicht – was stimmte, konnte ich nicht erzählen.
— S. 137
Durch die Auseinandersetzung mit anderen Texten, Autor*innen und Fällen gerät der Text nicht nur als sehr persönliche Auseinandersetzung, sondern auch als umfassenderer Blick auf eine sehr komplexe Thematik. Reichelt streift sowohl ganz theoretische Betrachtungen wie auch sehr reale Fälle und macht deutlich, wie allgegenwärtig die Problematik ist – auf der einen Seite Opfer, die sich teilweise nicht erinnern können, erst sehr spät erinnern können oder schlicht verdrängen, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Auf der anderen Seite natürlich die Täter*innen, aber auch deren Umfeld, das sich „nicht vorstellen kann“, dass der nette Kollege, der beste Freund, der Kumpel aus dem Sportclub zu so etwas fähig sein kann. Und was man sich nicht vorstellen kann, ist für viele eben auch nicht wahr oder führt zumindest zu einer ersten reflexhaften Abwehrhaltung, durch welche die Opfer immer wieder in Erklärungszwang geraten.
Der Missbrauch an sich wird, bei aller Persönlichkeit, nicht detailliert geschildert, das sei allen gesagt, die sich nicht mit expliziten Schilderungen auseinandersetzen mögen. Der Fokus liegt mehr auf der Bewältigung der Tatsache an sich und der Frage, wie sehr das Erzählen davon und das Schreiben darüber eine Hilfe in der Krise sein kann – in dieser ebenso wie in allen anderen. Finale Antworten auf komplexe Themen bietet der Essay natürlich nicht, wohl aber einen fundierten Ansatz für eine kritische Auseinandersetzung.
Das Buch wurde mir vom Verlag als Leseexemplar überlassen, ohne dass daran weitere Bedingungen geknüpft sind. Meine Meinung wurde davon nicht beeinflusst, auch wenn ich mich sehr darüber gefreut habe.


