Wie erleuchtet darf ein Familienvater sein? – „Einmal Buddha und zurück“ von Anne Donovan

Jimmy, Maler und Tapezierer aus Glasgow, entdeckt mit Ende dreißig den Buddhismus für sich. Statt abends mit seinem Bruder in den Pub zu gehen, meditiert er in seinem Zimmer und verbringt Wochenenden in buddhistischen Seminarzentren. Seine zwölfjährige Tochter Anne Marie reagiert ungläubig aber neugierig, seine Frau Liz ist bald einfach nur noch genervt. Sie glaubt, dass das alles nur eine Phase ist, kocht vegetarische Mahlzeiten und hofft, dass ihm die Idee mit der Enthaltsamkeit bald selbst blöd vorkommt.

„Ich versuchte, geduldig zu sein und ihm zuzuhören, aber wenn er diesen Blick hatte, kam man nicht mehr an ihn ran, alle anderen waren ihm egal. Und wie er darüber redete – als ob das alles neu wäre, als ob er den Quatsch höchstpersönlich erfunden hätte.“

Doch Jimmys Weg zur Erleuchtung wird ihm immer ernster und schließlich zerkracht das Ehepaar sich so sehr, dass er auszieht und fortan im Meditationsraum des buddhistischen Zentrums übernachtet. Nach dem ersten Schrecken beginnt Liz sich zu fragen, ob das nicht auch ganz gut so ist. Mit ihren 33 Jahren entdeckt sie, dass es auch ein Leben jenseits gibt von Jimmy, mit dem sie jetzt schon seit 17 Jahren zusammen ist.

Der Roman wird abwechselnd von Liz, Anne Marie und Jimmy erzählt, jeweils in der Ich-Perspektive. Immer wird in einem sehr umgangssprachlichen Ton erzählt, der im Original eine Wiedergabe des Glasgower Akzents ist, der sich auch im Originaltitel Buddha Da (Buddha Dad) wiederspiegelt. Zum Glück wurde dieser Dialekt in der Übersetzung nicht durch einen anderen ersetzt, sondern einfach in Umgangssprache übertragen (wer lesen will, wie der Text im Original klingt, hat bei der Barcelona Review die Gelegenheit dazu). Sicher geht mit dem Dialekt einiges an Charme verloren, trotzdem wirken die Charaktere authentisch und ungekünstelt.

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Dennoch konnte der Roman nicht so richtig überzeugen. Anne Donovan setzt vor allem auf Dialoge, um das Geschehen lebendig werden zu lassen, was im Kern ja eine gute Idee ist. Allerdings sind viele der Dialoge so alltäglich, dass sie völlig überflüssig sind. Das Ergebnis einer langatmigen Verabredung für den nächsten Tag ließe sich in einem Nebensatz hervorragend darstellen und Liz‘ ausführliche Erläuterung, wann und wie sie zuletzt eine auswaschbare Tönung benutzt hat, hat die Handlung nun auch nur bedingt weitergebracht. Jimmys Auseinandersetzung mit dem Buddhismus wirkt aufrichtig interessiert, die Erläuterungen und Ausführungen dazu sind aber oft mühsam und wirken vor allem da, wo sie in Dialogform dargestellt werden, doch recht gekünstelt. Liz scheint so festgefahren in ihrer Bahn zu sein, so verwurzelt in ihrem Leben als Bürokraft und Mutter, dass ich mir ständig aktiv ins Gedächtnis rufen musste, dass sie 33 ist und nicht 44.

Der Titel Einmal Buddha und zurück deutet es schon an: Jimmy findet im Laufe des Romans nicht zur Erleuchtung, dafür aber zurück zu seiner Familie. Dass seine Frau als Mittel zur Selbstfindung derweil eine Affäre mit einem Philosophie-Studenten gewählt hat, scheint ihn in seiner neu gefundenen Gelassenheit nicht weiter zu stören. Einmal Buddha und zurück ist ein Roman über eine Familie in der Krise, die ihren Auslöser im spirituellen Erwachen des Vaters findet. Wie in so vielen Familienromanen führt der Weg zur Erleuchtung am Ende aber doch nur wieder ins traute Eigenheim.


Anne Donovan: Einmal Buddha und zurück. Übersetzt von Eva Bonné. 350 Seiten. Luchterhand 2006. Lieferbar bei btb. Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel Buddha Da bei Conangate Books in Edinburgh.

Das Zitat stammt von S. 119.

2003 war Donovan mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Die riskante Suche nach der Wahrheit – Manda Scotts „Hen’s Teeth“

Mitten in der Nacht erhält Kellen einen Anruf. Ihre Ex-Freundin Bridget ist tot. Sie eilt zu der Farm, die sie mal gemeinsam besessen und bewohnt haben und findet Bridget friedlich entschlafen im Bett vor. Herzinfarkt sagt der herbeigerufen Hausarzt, eine Überdosis Temazepam sagt die Gerichtsmedizinerin. An einen Selbstmord glauben aber weder Kellen noch Bridgets neue Freundin Caroline. Nun ist es an den beiden Frauen und ihren Freundinnen, die Umstände von Bridgets Tod aufzuklären. Dass sie sich dabei selbst in tödliche Gefahr begeben, versteht sich von selbst. Denn Bridget wusste mehr, als sie wissen durfte und je mehr die selbsternannten Ermittlerinnen erfahren, umso knapper wird ihre Zeit.

„Bridget? Mentor, teacher, friend and, a long, long time ago, my lover. The only one who ever counted.“

Von der Story her ist Hen’s Teeth erstmal ein ganz normaler Krimi, der in Glasgow und dem ländlichen Umland der Stadt angesiedelt ist. Was dieses Buch aus der Masse herausstechen lässt, ist der Umstand, dass nahezu alle handelnden Personen homosexuelle Frauen sind. Wer es nicht ist, ist Polizist, ein Pony oder potenziell verdächtig. Und ich glaube, das war auch der Grund, weshalb Hen’s Teeth für den Orange Prize for Fiction nominiert war. Der literarische Anspruch ist nämlich nicht unbedingt literaturpreisverdächtig. Das ist nun aber auch nichts, was ich von einem Krimi erwarten würde. Als Krimi aber funktioniert die Geschichte sehr gut. Die Frauen, die an der Aufklärung des Mordes beteiligt sind, ergänzen sich zufällig ziemlich gut und so ist es kein Problem für sie, in der Pathologie herumzuschnüffeln, Laborergebnisse zu bekommen und sich in IT-Systeme einzuhacken. Letzteres ist übrigens sehr charmant (und selbstverständlich) auf dem Stand von 1996. So gibt es eine sehr schöne Szene, in der sehr viele wertvolle Minuten verstreichen, weil die unglaubliche Menge mehrerer hundert MB auf einen Stapel Disketten kopiert werden muss.

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