Mühsamer Weg in die Welt – „A Gate at the Stairs“ von Lorrie Moore

Tassie Keltjin, Tochter eines Kartoffel-Farmers aus dem Mittleren Westen der USA, kommt zum Studium in die Kleinstadt Troy, deren Bevölkerung vor allem aus Studierenden besteht. Wahllos belegt sie Kurse in Sufismus, Weinkunde und Hüftmobilisierung und macht sich auf Jobsuche. Nach einigen Anläufen bekommt sie das Angebot, bei Sarah und ihrem Mann Edward als Kindermädchen zu arbeiten. Das Kind allerdings gibt es noch nicht. Sarah ist noch nicht einmal schwanger und wird es auch nicht mehr werden. Sie und ihr Mann haben sich entschlossen, ein Baby zu adoptieren.

Schließlich halten sie Mary im Arm, ein Mädchen, das die Adoptions-Agentur ihnen eigentlich gar nicht anbieten wollte. Denn Mary ist Schwarz und mit fast zwei Jahren auch schon älter als die meisten Adoptiveltern es sich wünschen. Doch Sarah und Edward kann das alles nicht schrecken und schon bald liegt Emmie, wie sie nun heißt, in ihrem neuen Gitterbett. Doch die Herausforderung ist größer, als zunächst gedacht. Sarah und Tassie begegnen bei ihren Spaziergängen mit Emmie immer wieder mehr oder weniger offenem Rassismus. Weiße Frauen mit einem Schwarzen Baby? Da glauben scheinbar alle zu wissen, was los ist.

Während das im Grunde ein interessantes Thema wäre und sicher auch eine interessante Erfahrung für die beiden Frauen, bleibt der gesamte Roman samt seiner Charaktere ganz schön blass. Die Geschichte wird aus der Sicht von Tassie erzählt, die recht ahnungs- und emotionslos durch ihr erstes College-Jahr stolpert. Sie schildert alles so distanziert, als würde sie die Welt durch eine sehr dicke Glasscheibe sehen oder als hätte man ihr irgendwas sehr Abschirmendes verschrieben. Sarah bleibt zweidimensional und schemenhaft, ihr Mann erst recht. Man weiß gar nicht so richtig, warum er im Roman ist. Er sitzt immer mal am Küchentisch, mehr trägt er zur Handlung kaum bei. Ein paar Mal gibt es Handlungsstränge aus denen etwas werden könnte. So lernt Tassie in einem Seminar einen Mann kennen, der Brasilianer ist und in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Dass der Brasilianer kein Portugiesisch spricht, dafür aber einen Gebetsteppich besitzt, macht sie erst sehr spät stutzig. Ebenso haben Sarah und Edward eine Hintergrundgeschichte, die spannend beginnt, dann aber so absurd weitergeht, dass sie das ganze Gerüst des Romans ins Wanken bringt.

„When you are white and you adopt a black child, don’t you feel yourself pulled down a notch socially?“

Die Frage des Rassismus wird vor allem erörtert durch eine Art Selbsthilfegruppe, die Sarah ins Leben ruft und die aus Eltern besteht, deren Kinder eine andere Hautfarbe haben als sie. Diese Gruppe trifft sich wöchentlich und übernimmt es hilfreich, die gesamte Rassismus-Erfahrung zu sammeln, aufzuarbeiten und auch schon für die Leser*innen einzusortieren. Man hätte es vielleicht eleganter und weniger plakativ lösen können. Immerhin aber illustriert diese Gruppe ganz schön, wie sehr sich Mitglieder einer Mehrheit feiern, sobald sie irgendetwas für eine Minderheit tun, selbst wenn dies eigentlich aus reinem Egoismus geschieht.

A Gate at the Stairs erzählt eine fast gänzlich unspektakuläre Geschichte aus der Sicht einer Protagonistin, die von ihrem Umfeld kaum etwas mitzubekommen scheint. Meistens kommt Tassie vollkommen naiv und unbeholfen rüber, dann wieder hat sie tiefe Einsichten, die man ihr nicht zugetraut hätte und die auch wirklich nicht zu ihr und ihrer Lebenserfahrung passen. Wo die Geschichte nicht unspektakulär ist, ist sie nicht immer glaubwürdig. Also: alles ganz und gar nicht rund. Dabei ist Moores Stil flüssig und sicher – er hätte einen besseren Roman verdient.

Immerhin – das soll nicht unerwähnt bleiben – hat der Roman einen erstaunlich schönen Abschluss: „Reader, I did not even have coffee with him“.


tl;dr: Flüssig und sicher schreibt Moore eine Geschichte, die vielleicht Hand und Fuß hat, dann aber an den falschen Stellen. Schade um den schönen Stil!


Lorrie Moore: A Gate at the Stairs. Vintage Contemporaries 2010. 321 Seiten. Eine deutsche Übersetzung von Patricia Klobusiczky ist unter dem Titel Ein Tor zur Welt beim Berlin Verlag erschienen.

Das Zitat stammt von S. 238.

2010 war Moore mit diesem Roman für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Sieg um jeden Preis – „The Sport of Kings“ von C. E. Morgan

Henry Forge, Nachkomme einer reichen Farmer-Familie in Kentucky, hat schon als Kind große Pläne. Er will sein Leben nicht wie sein Vater an den Maisanbau vergeuden, sondern als Züchter von Vollblutpferden bekannt und noch viel reicher werden. Sein Vater – erzkonservativ, Rassist, Sexist, Tyrann – will davon nichts hören. Doch kaum ist der unter der Erde, baut Henry schon die ersten Ställe. Und tatsächlich wird sein Traum wahr. Mit riskanten Zuchtmanövern und schnellen Pferden macht er unter Kennern des „Sports der Könige“ bald von sich reden. Nur seine Frau kann er damit auf Dauer nicht begeistern. Sie hat bald genug von dem Familiendespoten, der zwar mit dem Maisanbau abgeschlossen hat, aber sonst fast alle Ansichten seiner Vaters ungefiltert übernommen hat. Sie lässt die junge Tochter Henrietta auf der Farm zurück und sucht ihr Glück in Europa.

Henrietta wiederum verliebt sich eines Tages Hals über Kopf in den Stallburschen Allmon, der sehr zum Verdruss Henrys Schwarz ist und aus überhaupt keinem guten Haus. Die Erbin des Hauses Forge ist drauf und dran den Ruf ihres Vaters zu ruinieren, schlimmer noch, den ganzen Namen Forge. Henry, der seine Ansprüche an genetische Reinheit nicht nur an Rennpferde stellt, sieht sich ein weiteres Mal gezwungen, der Evolution auf fragwürdige Art unter die Arme zu greifen.

Morgans Roman handelt vordergründig von Rennpferden und der abstrusen Welt, in der sie gezüchtet, gehandelt und trainiert werden, eigentlich dient ihr das aber nur als Kulisse für eine Roman über den amerikanischen Süden mit all seinen Untiefen, vergessenem Horror und Reichtum, der nur auf Ausbeutung basiert. Die Logik hinter der Pferdezucht, die Bedingungslosigkeit, mit der die Tiere ausgenutzt und für Profit ruiniert werden, nutzt sie als Startpunkt um einen Menschenschlag zu charakterisieren, der sich für nichts als den eigenen Erfolg interessiert. Den Gegenpol bildet Allmon, dessen Leben die andere Hälfte des Romans gewidmet ist. Er ist ohne Vater aufgewachsen in einem der ärmsten Viertel der Stadt, mit einer Mutter, die kein Geld hatte, um ihre schwere Erkrankung behandeln zu lassen. In die Pferdewelt kommt er nur über einen holprigen Umweg: es ist Teil seiner Rehabilitation als Strafgefangener, in einem Projekt für ausgediente Rennpferde zu arbeiten. Dort, wo er sich um die zerschundenen Reste einer erfolgsverliebten Oberschicht kümmert, entdeckt er seine wahre Passion und einen neuen Traum. Er will selbst ein Pferd besitzen, Vollblüter züchten und sie auf Rennen präsentieren. Doch in dieser Welt, deren Regeln er nicht verstehen kann, ist kein Platz für ihn und seine Hautfarbe.

„Why was he here? To grasp the very things that had been stolen from him, the things he wasn’t allowed to touch.“

The Sport of Kings ist ein ambitioniertes Werk, das sich vieler Themen annimmt und tief in der Geschichte des US-amerikanischen Südens gräbt. Überfrachtet wirkt der Roman dennoch nicht, die Handlung fügt sich recht mühelos in den Rennzirkus ein. Dass diejenigen, die den Sport dominieren, alles andere als königliches Veralten an den Tag legen, versteht sich dabei fast von selbst. Morgan schreckt nicht davor zurück, brutale Szenen explizit zu schildern. Schläge, Folter, Mord und Vergewaltigung gehören unweigerlich in diese Geschichte von Macht und Dominanz. Denn um nichts anderes geht es am Ende. Pferde und Menschen werden gebrochen, misshandelt, gehandelt und von der herrschaftlichen Fassade ist am Ende im wahrsten Sinne des Wortes nicht nicht mehr viel übrig.

Morgan überzeugt mit einem sehr gradlinigen Stil, der vor wenig Halt macht und doch nicht vulgär wird, und einer sehr ordentlich konstruierten Handlung. Weit ab von allen romantischen Ideen über Farmleben und Pferdesport liefert sie einen smarten Roman mit Tiefgang.


tl;dr: Wenig Pferde, viel Gesellschaft. Morgan liefert in ihrem Roman keine romantische Geschichte über das Glück dieser Erde, sondern eine knallharte Erzählung über den Rassismus in Amerikas Süden.


C. E. Morgan: The Sport of Kings. 4th Estate 2017. 545 Seiten. Originalausgabe bei Farrar, Straus and Giroux. Eine deutsche Übersetzung von Thomas Gunkel ist unter dem Titel Der Sport der Könige bei Luchterhand erschienen.

Das Zitat stammt von S. 331.

2017 war dieser Roman auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil des gleichnamigen Leseprojekts.

Im Sog des Rückwassers – „Und Nilas sprang“ von Maria Broberg

Maria Brobergs Debüt-Roman Und Nilas sprang hat ein ganz grundlegendes Problem, das nicht im Text liegt, sondern vielmehr im Klappentext und eigentlich auch im Titel. Das Drumherum des Buchs suggeriert, es ginge um einen Jungen, der verschwindet, vermutlich ertrinkt, und als würde dann viele Jahre später in der Aufklärung seiner Verschwindens-Umstände diverse alte Geschichten aufgerollt und Schicksale verknüpft. Das ist nicht, was passiert und wer (zurecht) mit dieser Erwartung an den Roman herangeht, wird in jedem Fall enttäuscht werden.

Eigentlich handelt der Roman nämlich von einem kleinen Dorf in Nordschweden, in dem schon sehr viel mehr passiert, bevor es Nilas überhaupt gibt und in dem sich auch nach seinem Verschwinden die Welt noch dreht, denn Nilas spielt überhaupt keine so große Rolle. Er ist auch noch sehr jung, als er verschwindet und existiert bis dahin vor allem in der Abhängigkeit von seinen Eltern und seinem älteren Halbbruder Håkan. Im schwedischen Original bringt er es vermutlich deshalb auch gar nicht erst auf die Titelseite. Statt des Kriminalfalls, den man fast erwartet, erzählt Broberg eine Familiengeschichte, die weitaus weniger spektakulär, aber keinesfalls schlechter ist.

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Familienglück auf der Kippe – „Angerichtet“ von Herman Koch

Die Brüder Paul und Serge Lohmann treffen sich mit ihren Frauen Claire und Babette in einem noblen Amsterdamer Restaurant, um eine brisante Angelegenheit zu besprechen. Ihre beiden pubertierenden Söhne haben zusammen etwas angestellt – dass es sich dabei keineswegs mehr um einen unbedachten Jungs-Streich handelt, ist schnell klar, doch die Größe der Tat wird erst nach und nach deutlich. Besonders für Serge ist das eine schwierige Situation, gilt er doch schon als nächster Premierminister. So kurz vor der Wahl kann er sich einen Skandal dieser Größenordnung nicht mehr leisten.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Paul. Zu Beginn ist sein Ton dabei noch locker-ironisch. Er mokiert sich über den affektierten Oberkellner, die astronomischen Preise auf der Karte und überhaupt über Leute, die sich in solchen Läden das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Doch sein Ton wird zunehmend gereizt. Man merkt, dass es für Paul um sehr viel geht an diesem Abend und auch, dass er sich generell nicht besonders gut unter Kontrolle zu haben scheint. Besonders der Kellner reizt ihn, der jeden Gang lang und breit erklärt, von der Herkunft der Tomate berichtet und mit seinem abgespreizten Zeigefinger dem Teller des Speisenden gefährlich nahe kommt. Dazu kommt das drohend über der Familie schwebende Unheil, das nun einmal da ist und sich nicht mehr aufhalten lässt.

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Das Ende des Traumpaars – „Ordinary People“ von Diana Evans

Melissa und Michael sind ein viel bewundertes Traumpaar. Schön und erfolgreich leben sie das perfekte Familienglück mit ihren beiden Kindern in Süd-London nahe Crystal Palace. Dass das Glück eigentlich schon vorbei ist, ahnen nicht einmal ihre Freunde Damian und Stephanie, die mit ihren Kindern etwas außerhalb der gefährlichen Großstadt leben. Man ahnt es – auch bei den beiden läuft es nicht gerade rund.

Evans porträtiert zwei Paare in einer schwierigen Lebensphase. Die erste Verliebtheit ist schon lange vorbei, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, nun muss man sich mit dem Alltag und seinen Herausforderungen herumschlagen. Schon lange beinhalten die Textnachrichten, die man sich schreibt, keine Liebesschwüre mehr, sondern die Bitte, auf dem Heimweg noch eben Spülmittel zu besorgen. Am Wochenende kuschelt man nicht mehr verliebt im Bett, sondern streitet über den richtigen Aufbewahrungsort von Spannbetttüchern. Eigentlich wissen beide Paare, dass es so nicht weitergehen kann. Doch eingestehen wollen sie es sich nicht. Zu groß ist die Angst vor dem Ende und davor, den Kindern das vermeintlich glückliche Elternhaus zu nehmen. Besonders Michael und Melissa starten verbissen Versuch um Versuch. Sie lassen alte Dates wiederaufleben in der Hoffnung, auch das alte Glück wiederzufinden, stellen am Ende aber doch nur enttäuscht fest, dass es nicht mehr das Gleiche ist.

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Die Kindheit in Protokollen – „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel

21 Monate verbrachte der namenlose Erzähler in Mischa Mangels Debüt Ein Spalt Luft allein mit seiner Mutter. Fast zwei Jahre, von seinem zweiten bis zu seinem vierten Lebensjahr, zu denen ihm niemand etwas sagen kann.

Kurz nach seiner Geburt entwickelte seine Mutter eine endogene Psychose, wie er aus Gutachten später rekonstruieren wird. Sie bricht alle Kontakte ab und verkriecht sich mit ihrem Sohn in ihrer Wohnung. Derweil kämpft der Vater um das alleinige Sorgerecht. Er ist besorgt um den Sohn, nicht nur um seine Sicherheit, sondern auch um seine Entwicklung. Er soll bei ihm und seiner neuen Partnerin aufwachsen.

Es gelingt und der Erzähler wächst, von gelegentlichen Wochenendbesuchen abgesehen, komplett beim Vater auf. Später bricht er den Kontakt zur Mutter ganz ab, sieht sie über Jahre nicht mehr. Dass sie Kontakt gesucht hat, um Bilder von ihm gebeten hat, das alles erfährt er erst, als er fast zwanzig Jahre alt ist. Als er volljährig wird, bietet sein Vater ihm an, ihm die Unterlagen von damals zu zeigen. Medizinische Gutachten, Gerichtsurteile, Protokolle des Jugendamts. Zwischen den amtlichen Schriftstücken finden sich aber auch die Bänder eines Anrufbeantworters, auf denen die Mutter den Vater wüst und wirr beschimpft.

„Frau ______ hält sich für gesund, ihr Verhalten für normal und wird ihr Leben weiterhin in dieser Form gestalten.“

Daraus setzt die Spurensuche des Erzählers sich zusammen. Nüchterne Feststellungen über den Zustand seiner Mutter, Protokolle darüber, wie ungeschickt sie mit ihm umgeht. Dazwischen immer wieder fragmentarische Erinnerungen an die Kindheit und Äußerungen des Vaters, der versucht, von der Entwicklung der Situation zu berichten, ohne seinen Sohn zu verletzen. Der Versuch, von anderen Familienmitgliedern mehr zu erfahren, erweist sich als ebenso schwer, wie den Kontakt zur Mutter zu stabilisieren. Die Gespräche zwischen den beiden scheinen sich in BAföG-Angelegenheiten zu erschöpfen.

Mangel bietet keine Lösung, keine einfache Rekonstruktion des Geschehen. Er nimmt einen mit auf eine vorsichtige Spurensuche, die so aufschlussreich wie frustrierend sein kann. Man folgt dem Erzähler, wie er sich langsam vortastet, Bruchstücke zusammensetzt, eigene Gedanken zu den Fakten findet, alte Erinnerungen ausgräbt und plötzliche Erkenntnisse gewinnt. Dabei ist der Stil durchaus experimentell und sehr fragmentarisch. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, wer spricht, wovon eine Szene handelt und ob sie überhaupt real ist. Wer hofft, in den Gerichtsakten eine definitive Antwort zu finden, wird enttäuscht werden. Den Erzähler allerdings scheint das nicht im Geringsten zu stören.


tl;dr: Mangel schickt seinen Erzähler auf eine so sensible wie harte Spurensuche nach fast zwei Jahren in seiner frühsten Kindheit, die möglicherweise für immer verloren sind. Ein experimentelles und sehr überzeugendes Debüt.


Mischa Mangel: Ein Spalt Luft. Suhrkamp 2021, 271 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 128.

Aus dem belagerten Leningrad – „The Siege“ von Helen Dunmore

Anna Michailovna liebt es, den Sommer in ihrem Garten vor den Toren Leningrads zu verbringen. Dort pflegt sie die Rosen ihrer Mutter, sät und erntet und schläft in warmen Nächten im Gartenhaus. Immer dabei ist ihr kleiner Bruder Kolya, dem sie langsam beibringt, ihr beim Gärtnern zu helfen. Seit ihre Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, ist es an Anna, sich um den kleinen Bruder zu kümmern und um ihren Vater, einen Schriftsteller, der sich gründlich und nachhaltig mit der Sowjet-Regierung überworfen hat. Zum Ende des Sommers 1941, Anna denkt schon an die Ernte der Kartoffeln, machen beunruhigende Gerüchte die Runde: Die deutsche Wehrmacht rückt immer näher, im Leningrader Umland wird es gefährlich. Wie auch der Rest der Nachbarschaft packt Anna hastig ihre Sachen und kehrt in die Wohnung der Familie in Leningrad zurück, in die schützenden Grenzen der Stadt. Doch die vermeintliche Rettung wird zur Falle. Im Herbst 1941 beginnt die Blockade Leningrads, die über zwei Jahre dauern wird.

Dunmore schildert das Leben von Annas Familie, die zunächst noch tapfer versucht, sich den Deutschen in den Weg zu stellen. Der Vater, völlig ungeeignet für den Wehrdienst, kämpft an der Front, während Anna Verteidigungsgräben aushebt und hilft, Kinder aus der bedrohten Stadt zu evakuieren. Mitten in dem ganzen Chaos steht auch noch Marina vor der Tür, ehemals eine berühmte Schauspielerin und Ex-Geliebte ihres Vaters. Nur wenige Tage will sie bleiben, die Freundin, bei der sie eigentlich unterkommen wollte, ist gerade erkrankt. Man ahnt es schon: Sie wird nicht mehr gehen. Doch immerhin bringt sie Vorräte aus ihrem Garten mit. Das ist eine sehr willkommene Gabe, denn schon nach kurzer Zeit gehen die knappen Reserven der Stadt zur Neige. Leningrad ist angewiesen auf die Versorgung durch die Landwirtschaft im Umland, doch die Transporte können die deutschen Linien nicht mehr passieren. Wo es überhaupt noch etwas zu kaufen gibt, steigen die Preise ins Unermessliche.

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Verborgen vor der Welt – „Room“ von Emma Donoghue

Für den fünfjährigen Jack ist „Room“ die ganze Welt. Für seine Mutter ist es ein Gefängnis, in dem sie seit sieben Jahren ausharren muss, ein winziges Verlies, in dem ihr Entführer sie gefangen hält. Sie spricht beinahe nicht über ihren Peiniger, aber wenn sie muss, nennt sie ihn Old Nick. Als sie Anfang zwanzig war hat er sie auf einem Parkplatz unter einem Vorwand in seinen Van gelockt und in einen fluchtsicher und schalldicht ausgebauten Gartenschuppen gesperrt.

Die Erzählung erinnert stark an den Fall Fritzl und ist sicher nichts für schwache Nerven. Old Nick kommt an fast jedem Abend in das Gefängnis, um seine Gefangene zu vergewaltigen. Auch Jack ist das Ergebnis einer Vergewaltigung. Obwohl Old Nick Jack und seine Mutter gefangen hält, lässt er keine Gelegenheit aus, sie spüren zu lassen, dass sie ihm eine Last sind. Allein das Geld, das er für ihre Lebensmittel ausgeben muss, für Strom und Wasser, für Zahnpasta und Seife, für Annehmlichkeiten wie Bücher oder eine Topfpflanze. Unbezahlbar das Ganze! Von seinen Gefangenen erwartet er stille Dankbarkeit. Widerspruch und Aufruhr bestraft er, indem er tagelang den Strom abstellt oder den beiden auf andere Art das Leben noch unerträglicher macht. Früher hat Jacks Mutter mehrfach versucht zu fliehen, doch seit ihr Sohn da ist, wagt sie es nicht mehr aus Angst vor Old Nicks Rache bei einem weiteren misslungenen Versuch.

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Dem Vater auf der Spur – „In diesen Sommern“ von Janina Hecht

Blumen pflanzen auf dem Balkon, Urlaub auf dem Bauernhof, ein Sommer in Italien: In solchen Schlaglichtern beleuchtet Teresa die Tage ihrer Kindheit. Das Glück ist dabei höchst fragil. Teresas Vater ist Alkoholiker, seine Launen unberechenbar und die nächste Eskalation nie weit. Auf Zehenspitzen schleichen Teresa, ihr Bruder und ihre Mutter umher, immer darauf bedacht, den Patriarchen nicht zu verärgern. Dabei kann er auch anders sein, bemüht und interessiert. Dann bringt er Teresa das Fahrradfahren bei und kümmert sich um einen Surfkurs für sie. Doch gerade im Urlaub, wenn die Familie den ganzen Tag gemeinsam verbringt, ist die Stimmung fast durchweg angespannt. Selten lässt der Vater seine Wut an den Kindern aus, zumindest, solange sie noch klein sind. Es ist vor allem seine Frau, die seinen ungezügelten Zorn zu spüren bekommt. Doch auch das entgeht den Kindern natürlich nicht. Je älter sie wird, umso mehr geht das Verhalten Teresa gegen den Strich. Sie beginnt, den Vater absichtlich zu provozieren, die Situation auf die Spitze zu treiben.

Teresas Erinnerungen sind sehr knapp und skizzenhaft, dabei aber stark genug, um das äußerst schwierige Verhältnis zum Vater mit aller Wucht zu schildern. Ihre Hilflosigkeit, ihre Wut und ihre Angst stechen in all den kurzen Sequenzen scharf hervor. Im Rückblick versucht die Erzählerin, ihre Erinnerungen zu sortieren, aus lauter Bruchstücken ein komplettes Bild des Vaters zusammenzusetzen, zu dem sie nie Nähe aufbauen konnte. Denn so sehr sie in fürchtet, hassen kann sie ihn nicht, aufgeben will sie ihn nicht. Auch als erwachsene Frau hält sie den Kontakt aufrecht, stellt ihm ihre Freunde vor, sorgt sich um ihn, dessen Alkoholproblem immer schlimmer wird. Die Mutter ist da schon längst gegangen, der alternde Patriarch allein im Familienheim zurückgeblieben.

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Im Schatten des Barden – „Hamnet“ von Maggie O’Farrell

Hamnet ist uns, dem Namen nach zumindest, allen wohlbekannt. Als Prinz von Dänemark hat sein Vater ihm einen ewigen Platz in der Literaturgeschichte geschaffen. Der berühmte Vater aber spielt in diesem Roman kaum eine Rolle. Zu Beginn und als junger Mann ist er noch präsent, aber dann werden seine Aufenthalte in London länger und länger, die Besuche in Stratford immer seltener. Viel mehr ist es seine Frau, im Nachlass ihres Vater als Agnes Hathaway benannt, die ausnahmsweise mal im Scheinwerferlicht steht. Ihr weltberühmter Mann wird nicht einmal namentlich erwähnt. 26 Jahre alt ist Agnes, schön, geheimnisvoll und mit beinahe magischen Fähigkeiten beschenkt, als sie sich in den gerade achtzehnjährigen Lateinlehrer ihrer Halbbrüder verliebt. Für den Vater des Lateinlehrers, einen in finanzielle Schieflage geratenen Handschuhmacher, kommt sie gerade recht. Immerhin bringt sie ein nicht unansehnliches Erbe mit. Was mit hinter ihrem Rücken über sie sagt, ist da erstmal zweitrangig, ebenso wie ihr für eine erste Ehe ziemlich hohes Alter.

„What a way out it would be for the boy, she heard a woman at the market whisper, behind her back. You can see why he’d want to marry into money and get away from the father.“

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