Freunde und Verrat – „Der Sohn des Akkordeonspielers“ von Bernardo Atxaga

David und Joseba wachsen gemeinsam in einem kleinen Dorf im Baskenland nahe Gernika auf. Jahre später kämpfen sie unter den Namen Ramuntxo und Etxeberria im Untergrund für ein unabhängiges Baskenland. Erst Jahrzehnte später und auf einem anderen Kontinent können sie sich wieder als David und Joseba in die Augen sehen.

Obaba ist ein kleines Dorf im Baskenland. Man kennt sich, aber vertraut sich nicht. David, der Sohn des Akkordeonspielers, wächst dort auf im politisch angespannten Klima der 1960er und 70er Jahre. Sein Vater Ángel ist als begabter Musiker geschätzt, als Vater aber jähzornig und aufbrausend. David verbringt so wenig Zeit wie möglich mit ihm und lebt stattdessen fast komplett auf dem Pferdehof seines Onkels. Schon als Jugendlicher lernt er, dass man außer seien engsten Freunden besser niemandem vertraut. Man weiß nie, wer auf welcher Seite steht und wer sie wie schnell zu wechseln bereit ist.

„Was ist von jemandem zu erwarten, der eine solche Vorgeschichte hat, der in einem politischen Umfeld aufwächst, in dem das Baskische selbst auf Grabsteinen verboten war?“

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Von Seiten der Mutter – „Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane

Über vier Generationen spannt sich die Geschichte der anpassungsfähigen Chamäleondamen: Edith, Marita, Ellie und Hanne. Es beginnt mit Edith, die 1919 in ihrer Hochzeitsnacht aus dem Fenster klettert und zu dem Mann flieht, den sie eigentlich liebt. Damit setzt sie den Grundstein für eine Reihe von Frauen, die ihren eigenen Kopf haben und es verstehen, ihren Willen durchzusetzen. Die Familie lebt und bleibt vorerst im rumänischen Retschitza im Banat, als Teil der dort lebenden deutschstämmigen Bevölkerungsgruppe. Erst in den 1980ern wird sich das ändern, als Ellies Mann über die Donau flieht und es nach Deutschland schafft, wohin Frau und Tochter Hanne ihm schließlich folgen können. Und dort findet die Geschichte auch ihr Ende, mit Hanne, die in Hamburg ihren Sohn großzieht. Erst mit Luis wird die Reihe der Töchter in der Familie unterbrochen.

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Zornige Jugend – „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ von Yade Yasemin Önder

Ein Jahr und einen Tag nach der Katastrophe von Tschernobyl wird die Erzählerin dieses Romans in einer unbedeutenden Stadt in Westdeutschland geboren. Ihren Eintritt in die Welt verortet sie gleich zum Einstieg mit Hilfe einer Katastrophe und nicht weniger katastrophal geht die Geschichte weiter.

Als sie gerade acht Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Sie erinnert ihn als einen wahren Koloss von fast vierhundert Kilo, an dessen Tod sie glaubt, Schuld zu tragen. Immerhin habe er sich, so erzählt sie, an einer Kreissäge tödlich verletzt, als er der Tochter eine Schaukel bauen wollte. Ob das so stimmt – man weiß es nicht. Önders Erzählerin ist ausgesprochen unzuverlässig und oft genug weiß man nicht, ob das Erzählte der kindlichen Erinnerung entspringt, reine Phantasie ist oder als reine Metapher gelesen werden muss: ein Haus, das mitten auf einer Wiese steht mit einem Boden aus Gras, Hannelore Kohl und ihr dicker Mann als joviale Nachbarn, eine Hochzeitsnacht unterm Esstisch. Önders Roman besteht aus Sequenzen, die mal verzweifelt und mal zornig sind, und in die man sich immer wieder einfinden muss. Erzählt wird vor allem aus Kindheit und Jugend der Erzählerin die nun wirklich nicht leicht war, soviel kann man sich aus den Splittern zusammensetzen.

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Der Blick ins Innere – „Sight“ von Jessie Greengrass

Wie können wir wissen, wie es in uns aussieht? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Erzählerin diese kurzen Romans, sondern auch Generationen von Wissenschaftlern und Gelehrten. Mit Strahlen, Autopsien und Psychoanalysen versucht der Mensch seit Ewigkeiten zu verstehen, was in ihm vorgeht, physisch wie psychisch.

Die Erzählerin nimmt ihre zweite Schwangerschaft als Ausgangspunkt, um über all das nachzusinnen. Sight bewegt sich dabei irgendwo zwischen Roman und Essay und wird nur lose zusammengehalten von der Rahmenhandlung einer Schwangerschaft. Innerhalb dieser bewegt die Erzählerin sich zwischen verschiedenen Zeitebenen, zwischen Erlebtem und Gelesenem.

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Selbstbestimmung auf vier Rädern – „Ungebremst durch Kermānschāh“ von Maryam Djahani

Taxifahren ist für Shohre viel mehr als nur ein Job. Seit sie ein junges Mädchen war, war es ihr Traum, den ganzen Tag mit ihrem eigenen Auto durch ihre Heimatstadt Kermānschāh zu fahren, Menschen, ihr Gepäck und ihre Geschichten von einem Ort zum anderen zu bringen. Trotz der Unterstützung durch ihren Vater wäre der Traum fast gescheitert.

Jung hat Shohre Hamed geheiratet, der von ihrer Idee nicht sehr begeistert war. Hamed hatte sich eine moderne Frau gewünscht, aber schnell muss Shohre feststellen, dass er mit „modern“ vor allem die Kleidung und andere Äußerlichkeiten meint. Auf eine Frau, die jeden Tag ihr eigenes Geld verdient, noch dazu in einem Taxi, hat er keine Lust. Deshalb lebt Shohre jetzt geschieden zusammen mit ihrer ebenfalls geschiedenen Cousine Mahbube in einer etwas heruntergekommen Wohnung, die Mahbube so gut wie nie verlässt. Stattdessen verkriecht sie sich in ihrem Zimmer, malt und raucht. Ihre Scheidung verkraftet sie deutlich schlechter als Shohre, vor allem da sie ihre Tochter nicht mehr sehen darf, die in der Ehe geboren wurde.

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Wer ist denn jetzt schuld? – „Effi Briest“ von Theodor Fontane

Wenige Bücher habe ich in der Schule so sehr gehasst wie Effi Briest. Man hält es offenbar für eine gute Idee, Siebzehnjährige dieses Buch lesen zu lassen, denn immerhin geht es ja um eine Siebzehnjährige. Trotzdem kommt das Buch erstaunlich schlecht an – wer ist Schuld daran? Liegt es an Effi? Am schrecklich langweiligen Baron von Instetten? Oder an Effis Affäre mit diesem furchtbar affektierten Major mit seinem albernen Bart?

An der Geschichte allein kann es jedenfalls nicht liegen, die verkauft sich in jedem Jahrzehnt wie blöd: eine etwas naiv wirkende junge Frau lässt sich auf einen Mann ein, der mehr als 20 Jahre älter ist, heiratet ihn bald darauf sogar. Geld hat er und einen guten Ruf, glänzende Karriereaussichten sowieso. Er führt sie in die Gesellschaft ein, kann ihr aber auf Dauer nicht das bieten, was sie braucht. Zu sehr stellt er seine eigene Karriere in den Mittelpunkt. Laura Müller und Michael Wendler machen damit seit Jahren nicht weniger als zehn Schlagzeilen pro Tag. Hätte Effi Instagram gebraucht? Ich glaube, sie wäre gar nicht unerfolgreich gewesen!

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Auf der Suche nach verwischten Spuren – „Das russische Rätsel“ von Sabine Huttel

Eigentlich ist Liane kein abenteuerlustiger Mensch. Der Ruhestand ist in greifbarer Nähe, ihr Leben in geregelten Bahnen, doch ein Geheimnis in ihrer Familie lässt sie einfach nicht los: Ihr Vater war in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und seine späte Rückkehr aus dem Krieg hat die Ehe ihrer Eltern und damit auch ihre Lianes eigene Kindheit stark beeinflusst. Den Vater erlebt Liane in ihrer Kindheit mitunter als abweisend und respekteinflößend. Seine Erlebnisse in den Kriegsjahren hängen dann wie ein dunkler Schatten über ihm. Er kann aber auch ganz anders sein, liebevoll und gelöst. Mit Liane aber spricht er nicht über das, was geschehen ist. Es scheint ihr, als müssten diese Jahre ein ewiges Geheimnis in der Vergangenheit ihres inzwischen verstorbenen Vaters bleiben.

„Mein Vater war zerbrochen. Der Krieg wütete weiter in ihm, verfolgte ihn bis in seine intimsten Regungen. Er beherrschte sein Nervensystem. Da gab es kein Entkommen.“

Doch plötzlich findet sich eine günstige Gelegenheit, Licht ins Dunkel zu bringen. Ein englischer Freund Lianes, der Russisch spricht, arbeitet gerade an der Universität in Moskau. Er bietet ihr an, sie auf der Suche zu begleiten und zu unterstützen. Ganz entgegen ihrer Gewohnheiten ergreift Liane die Gelegenheit, bucht Flüge und packt Koffer und ist schon bald auf dem Weg nach Russland. Über St. Petersburg, Moskau und Jekaterinburg reisen sie und ihr Freund in einem unerträglich heißen Sommer nach Djegtjarsk, einer kleinen Stadt, in der sich einst die Kriegsgefangenenlager 313 und 476 befanden. Die erhofften Antworten aber findet Liane in diesem entlegenen Ort nicht. Auch das Reichskriegsarchiv in Moskau entpuppt sich als Reinfall. Die Aufzeichnungen, die Liane sucht, scheint es gar nicht zu geben und falls doch, verbergen sie sich hinter den unüberwindbaren Mauern der russischen Bürokratie.

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Der Wald hat Klauen – „Mama“ von Jessica Lind

Amira und Josef fahren raus aus Wien und rein in den Wald um einige Tage in einer abgelegenen Hütte zu verbringen, die schon lange Josefs Familie gehört. Er ist im nahen Dorf aufgewachsen und hat im Wald viele glückliche Tage mit seinem Vater verbracht. Amira ist angespannt. Sie versucht seit langem, schwanger zu werden und hofft, dass es bald endlich klappt. Der Zykluscomputer hat gute Chancen errechnet, doch ausgerechnet jetzt kommen Josef Zweifel, ob er wirklich Vater sein will.

Doch nicht nur das: Statt der erhofften Idylle erscheint der Wald Amira plötzlich gruselig und voller Geheimnisse. Eine herrenlose Hündin schleicht um die Hütte und am Waldrand taucht ein einsamer Wanderer auf, der zu ihr herüberstarrt. Wenn sie sich ihm nähert, verschwindet er spurlos. Und auch Josefs Tage in der Hütte waren offenbar nicht so schön, wie er immer erzählt hat. Bei einem der Ausflüge in den Wald ist sein Vater ums Leben gekommen. Oder stimmt die Geschichte gar nicht?

„Nach und nach hat dieses Wesen in ihrem Bauch ihr Leben verändert. Es breitet sich aus, lässt kaum noch Platz für Amira, die immer geglaubt hat, dass sie sich genau das wünscht.“

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Amazonen Undercover – „Girl, Woman, Other“ von Bernadine Evaristo

Die Menschen, die einem in Evaristos Roman Girl, Woman, Other begegnen, sind alle auf ihre Art außergewöhnlich. Sie selbst sehen sich nicht immer so, aber viele von ihnen sind sehr selbstbewusste Frauen, die ihren Weg gehen und sich bewusst sind, dass sie damit anecken. Manchmal reichen da schon Kleinigkeiten wie eine außergewöhnlicher Kleidungsstil, manchmal ist es gleich der ganze Lebenswandel. In einem Kapitel bündelt Evaristo jeweils die Lebenswege von drei Personen, die sich besonders nahe stehen. Aber auf subtilere Art sind die meisten der Biographien miteinander verbunden.

Was ihnen gemein ist: sie alle sind Schwarz, sie alle definieren sich als weiblich oder wurden an einem Punkt ihres Lebens so sozialisiert. Den Rahmen bildet die Aufführung von „The Last Amazon of Dahomey“, einem skandalösen Theaterstück von Amma, das es unglaublicherweise auf die ganze große Bühne geschafft hat. Amma ist Theaterregisseurin und -autorin und zugleich verbindendes Element der meisten Menschen, die in diesem Roman auftauchen und natürlich auch bei ihrer großen Premiere: Carol, die nicht versteht, warum ihre nigerianische Mutter auf keinen Fall, dass sie einen Weißen heiratet. Dominique, die sich Hals über Kopf verliebt und zu spät merkt, dass ihre Partnerin gewalttätig wird. Shirley, die als Lehrerin immer allen helfen will und sich in Ammas glamourösem Freundeskreis ziemlich Fehl am Platz fühlt. Nicht alle definieren sich als Feministinnen und sind es vielleicht doch.

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Mühsamer Weg in die Welt – „A Gate at the Stairs“ von Lorrie Moore

Tassie Keltjin, Tochter eines Kartoffel-Farmers aus dem Mittleren Westen der USA, kommt zum Studium in die Kleinstadt Troy, deren Bevölkerung vor allem aus Studierenden besteht. Wahllos belegt sie Kurse in Sufismus, Weinkunde und Hüftmobilisierung und macht sich auf Jobsuche. Nach einigen Anläufen bekommt sie das Angebot, bei Sarah und ihrem Mann Edward als Kindermädchen zu arbeiten. Das Kind allerdings gibt es noch nicht. Sarah ist noch nicht einmal schwanger und wird es auch nicht mehr werden. Sie und ihr Mann haben sich entschlossen, ein Baby zu adoptieren.

Schließlich halten sie Mary im Arm, ein Mädchen, das die Adoptions-Agentur ihnen eigentlich gar nicht anbieten wollte. Denn Mary ist Schwarz und mit fast zwei Jahren auch schon älter als die meisten Adoptiveltern es sich wünschen. Doch Sarah und Edward kann das alles nicht schrecken und schon bald liegt Emmie, wie sie nun heißt, in ihrem neuen Gitterbett. Doch die Herausforderung ist größer, als zunächst gedacht. Sarah und Tassie begegnen bei ihren Spaziergängen mit Emmie immer wieder mehr oder weniger offenem Rassismus. Weiße Frauen mit einem Schwarzen Baby? Da glauben scheinbar alle zu wissen, was los ist.

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