Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

„And she, in spite of nature,
Of years, of country, credit, everything,
To fall in love with what she feared to look on?“

Zu einer Auseinandersetzung kommt es aber gar nicht mehr, weil die türkische Flotte in einem Sturm zerstört wird. Dennoch freut man sich auf Zypern über die Ankunft des sehr geschätzten Othello, wie der dortige Verwalter Montano nicht müde wird zu betonen. Cassio, der vor Othello ankommt, rühmt die Schönheit und Reinheit seiner jungen Frau Desdemona. Zumindest bis Iago auch ankommt und sich mit ein paar rassistischen und sexistischen Witzen endgültig ins Sympathie-Aus schießt. Er ist, wie er dem Publikum in einem aside anvertraut, der Überzeugung, dass Othello mit seiner Frau Emilia geschlafen habe. Einen Grund zu dieser Annahme hat er eigentlich nicht, aber es ist eben das, was Schwarze so machen. Also plant er Rache nach dem Motto „a wife for a wife“. Außerdem ist er auch einfach ein mieser Typ und will Othello eins auswischen.

Für seine Rache hat er sich einen feinen Plan ausgedacht: er will Cassio und Desdemona eine Affäre anhängen. Der immer noch in Desdemona verliebte Roderigo soll ihm dabei helfen. Bei einer Feier füllt er Cassio ab und versucht, ihm anzügliche Bemerkungen über Othellos Frau zu entlocken. Als ihm das nicht gelingt, bringt er Roderigo dazu, einen Streit mit Cassio zu provozieren. Als Montano schlichtend eingreifen will, sticht Cassio ihn nieder, woraufhin der entsetzte Othello ihn vom Dienst suspendiert. Iago kommt auch das natürlich sehr entgegen, damit ist sein Traumposten wieder frei. Cassio aber rät er, die Versöhnung mit Othello über Desdemona zu suchen.

Scan of a postcard
Henri Albers in der Rolle des superfiesen Iago. Möglicherweise Vorbild für Severus Snape.

Das Gespräch zwischen den beiden fädelt Iago so ein, dass Othello gerade noch sieht, wie Cassio sich von Desdemona entfernt, offenbar um Geheimhaltung bemüht. Iago fragt Othello hinterhältig, wie sicher er sich eigentlich sei, dass kein Grund zur Eifersucht bestünde. Außerdem bringt er ein Taschentuch von Desdemona in seinen Besitz, das er zwischen Cassios Hab und Gut versteckt. Das Taschentuch hat eine ganz besondere Bedeutung, denn es war das erste Geschenk, das Othello Desdemona jemals gemacht hat. Ein paar Sticheleien später ist Othello sicher, dass Cassio und Desdemona eine Affäre haben und fordert seinen Tod. Cassio findet inzwischen das Taschentuch, hat keine Ahnung woher es kommt und gibt es aus einer Laune heraus seiner Geliebten Bianca. Das wiederum bekommt nun Othello wieder mit, verliert endgültig die Nerven und will Desdemona hängen/vergiften/im Schlaf töten. Vorher quetscht er noch Desdemonas Zofe Emilia aus, die aber jede Möglichkeit einer Affäre vehement abstreitetet. Trotzdem konfrontiert Othello Desdemona auf sehr uncharmante Art mit seinen Vorwürfen und lässt sie völlig aufgelöst zurück.

Am gleichen Tag kommt ein venezianischer Bote nach Zypern, der Othello zurück beordert. Seinen Posten auf der Insel soll Cassio einnehmen. Das nimmt Iago zum Anlass, Roderigo nun dazu anzuspornen, Cassio zu töten. Dann würden Othello und Desdemona auf der Insel bleiben und Roderigo hätte eine neue Chance, Desdemonas Herz zu erobern. Othello ginge nämlich mitnichten zurück nach Venedig sondern mitsamt seiner Frau ins ferne Afrika. Roderigo ist tatsächlich blöd genug, Iago zu glauben. Und damit beginnt der große Showdown in Akt V:

In einer dunklen Gasse greift Roderigo wie besprochen Cassio an, verletzt ihn aber nicht tödlich. Im folgenden Kampf werden beide schwer verwundet. Iago kommt zum Ort des Geschehens und erdolcht Roderigo. Er behauptet, ihn in der Dunkelheit nicht erkannt und für einen Räuber gehalten zu haben. Mit Roderigo räumt Iago nicht nur einen Mitwisser sondern auch einen Gläubiger aus dem Weg. Er hat Rodergio viel Schmuck und Diamanten abgenommen und behauptet, sie Desdemona in seinem Namen zum Geschenk zu machen, was nie passiert ist. Währenddessen schleicht Othello sich in das Gemach seiner Gemahlin und erwürgt sie in ihrem Bett. Emilia wird Zeugin, schlägt Alarm und versichert ein letztes Mal, dass Desdemona sich nichts zu Schulden habe kommen lassen und im Gegenteil Iago ein mieser Lügner sei. Unter den herbeieilenden Männern ist auch Iago, der nun auch Emilia mit einem Messer angreift. Othello wirft sich noch dazwischen, kann aber nicht verhindern, dass sie tödlich verwundet wird. Inzwischen hat man beim toten Roderigo Briefe gefunden, die Iagos dunklen Plan verraten und auch der schwer verwundete Cassio schleppt sich noch einmal auf die Bühne, um Othello von seiner und Desdemonas Unschuld zu überzeugen. Othello erkennt seinen Fehler und die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Er ersticht sich selbst und stirbt auf Desdemonas Bett.

Drama genug? Dann geht es jetzt weiter mit Chevaliers Neuerzählung.

New Boy

Tracy Chevalier verlegt das Eifersuchtsdrama auf einen US-amerikanischen Schulhof in den 1970ern. Nur einen Monat bevor das Schuljahr endet, wird dort der ghanaische Diplomatensohn Osei eingeschult. Für Osei ist der Schulhof in Washington nun schon der vierte in sechs Jahren, davor war die Familie in London, Rom und New York beheimatet, und er weiß, dass es als „New Boy“ nie einfach ist. Für ihn ist es extra-schwer, weil er noch dazu schwarz ist. Das aber scheint seine Klassenkameradin Dee nicht zu stören. Sie ist von der ersten Sekunde an fasziniert vom neuen Mitschüler und seinen Geschichten aus fremden Städten. Mr. Brabant, der Klassenlehrer, betrachtet die Verbindung mit Skepsis und bereut schnell, Dee mit der Betreuung des neuen Schülers beauftragt zu haben. Zu spät – noch bevor die Frühstückspause endet, sind die beiden ein Paar.

TracyChevalier_NewBoy

Das missfällt auch dem fiesen Ian, der immer alle auf dem Schulhof um ihr Essensgeld erleichtert und Kinder von der Schaukel schubst. Ian kann sich selbst nicht helfen. Viel lieber wäre er fröhlich und beliebt wie der strahlende Casper. Als in der Mittagspause Osei an Caspers statt an seinem Tisch sitzen will, ist es für Ian mit der Freundschaft endgültig vorbei. Dem Neuen wird er schon zeigen, wer an der Schule wirklich das Sagen hat.

Über seine Freundin Mimi organisiert er sich ein Stiftemäppchen, dass Dee nur wenige Stunden früher von Osei bekommen hat. Dieses Mäppchen spielt er nun Caspers Freundin Blanca zu und macht Osei darauf aufmerksam, wie achtlos sein Geschenk weitergereicht wurde. Außerdem überredet er seinen Freund Rod dazu, Casper solange zu provozieren, bis dieser ihn schlägt. Osei beobachtet den Kampf und verliert nun nicht nur das Vertrauen in Dee sondern auch in Casper, den er bis dahin schon als neuen Freund gesehen hat.

„This school isn’t ready for a black boy.“

So weit, so Othello. Den Transport auf einen Schulhof überlebt das Eifersuchtsdrama aber nicht unbeschadet. Zum einen steht das Drama so oder so kurz vor seinem Ende. Das Schuljahr ist fast vorbei und die meisten Kinder werden nach dem Sommer eine andere Schule besuchen. Während das Drama für die Charaktere in Othello wirklich essenziell ist und die Konfrontation unvermeidbar, ist das Ende der verfahrenen Situation in New Boy für alle greifbar. Zum anderen wirkt der Streit aufgrund der Tatsache, dass alle Beteiligten in der sechsten Klasse sind, recht kindisch und irrelevant. Möglicherweise wollte Chevalier auch genau das damit aussagen. Und wer jemals in der sechsten Klasse war, wird sich erinnern, dass kein Streit kindisch und irrelevant war, sondern eine essentielle und nicht lösbare Konfliktsituation, die maximale diplomatische Anstrengungen aller Beteiligten und Nicht-Beteiligten erfordert. Auch Oseis Situation ist eine grundlegend andere als die von Othello. Osei ist neu und damit per se ein Außenseiter. Unabhängig von der Hautfarbe hat „der Neue“ an einer Schule nie einen leichten Stand und muss sich seine Position erst mühsam erarbeiten. Othello hat das eigentlich schon lange getan. Er ist ein anerkannter Feldheer, der seine erstaunlichen Fähigkeiten und seine Tapferkeit schon oft unter Beweis gestellt hat. Trotzdem ist er immer noch kein vollständig anerkanntes Mitglied der Gesellschaft und das nur aufgrund seiner Hautfarbe. Außerdem fehlt Othello im Gegensatz zu Osei der Rückhalt durch eine Familie. Osei kann sich immer darauf verlassen, dass er Unterstützung durch seine Eltern hat, wie furchtbar der Schultag auch gewesen sein mag. Othello hingegen ist völlig auf sich gestellt, seine einzige Hoffnung auf Unterstützung ist seine Frau Desdemona, weswegen der unterstellte Verrat umso schwerer wiegt. Zudem ist die Situation auf dem Schulhof überwacht und geregelt, was eine wirkliche Eskalation zwar nicht unmöglich aber sehr unwahrscheinlich macht. Zum einen sind Lehrkräfte anwesend, die steuernd und strafend eingreifen, zum anderen muss Fehlverhalten zu Hause den Eltern gebeichtet werden. Das reicht, um alle mehr oder weniger in Schach zu halten. Im Original fehlen diese Instanzen.

Trotz dieser deutlichen Abweichungen vom Stück gelingt Chevalier eine unterhaltsame und gut lesbare Neuerzählung. Viele Details des Stücks hat sie sinnvoll neu interpretiert wie etwa das Taschentuch, das durch ein Mäppchen ersetzt wurde. Die Charaktere des Romans bleiben ihren Rollen treu, allerdings bemüht sich Chevalier, die Handelnden mit etwas mehr Background auszustatten. Während beispielsweise Iago im Stück böse ist weil er es ist, wird Ians Verhalten mit ungünstigen familiären Voraussetzungen erklärt. Diese Charakterisierungen bleiben aber allesamt ziemlich an der Oberfläche. In ihren Handlungen und Reflektionen sind die Figuren nicht immer schlüssig. Für SechstklässlerInnen sind einige schon wirklich sehr weit entwickelt, vernünftig und sicher in ihrer Interpretation der Geschehnisse. Das wirkt an vielen Stellen nicht sehr authentisch. Interessant ist New Boy allerdings nur als Othello-Adaption. Ohne diesen Hintergrund ist es eine Erzählung über die komplizierten Verstrickungen in den Beziehungen von Prä-Pubertierenden und damit in etwa so aufregend wie der durchschnittliche Kuschelrock-Roman.


William Shakespeare: „Othello“. Gelesen in der Ausgabe The Complete Works of William Shakespeare. Ed. John Dover Wilson. Cambridge University Press 1984. pp 900-931.

Das Zitat stammt aus Akt I, Szene 3.

Das Bild von Iago ist um ca. 1903 in  „Hollansche Musici in den Vreemde“ in Den Haag erschienen. Es zeigt einen Darsteller aus der Verdi-Oper „Othello“. Der Urheber des Bildes ist unbekannt.

Tracy Chevalier: New Boy. Gelesen in der Ausgabe Vintage 2018. 188 Seiten. Erstausgabe Hogarth 2017. Deutsche Übersetzung von Sabine Schwenk unter dem Titel Der Neue 2018 bei Knaus erschienen.

Das Zitat stammt von S. 148.

Dieser Roman ist im Rahmen des Projekt Hogarth Shakespeare erschienen.

Christa Wolf: Kassandra

Kassandra, die schöne Frau, die alles vorhersah und auf die niemand hörte, deren Vorhersagen den Untergang Trojas hätten verhindern können, sitzt auf einem Schiff des Agamemnon und fährt ihrem Untergang entgegen. Auch das weiß sie, ihre eigene Zukunft sieht sie nicht rosiger als die ihres Volkes. Aufgewachsen als Tochter des trojanischen Königspaares lässt Kassandra sich zur Priesterin weihen, lebt ein privilegiertes Leben am Hof und in den Tempelanlagen und macht sich mit ihrer besonderen Gabe doch viele Feinde. In der griechischen Mythologie verlieh Apoll Kassandra zwar die Gabe der Seherin, legte dann aber den Fluch auf sie, dass niemand ihren Prophezeiungen glauben würde, als sie seine Liebe nicht erwiderte. Die daraus resultierenden „Kassandrarufe“ sind sprichwörtlich geblieben.

„Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.“

Christa Wolf orientiert sich mit ihrer Interpretation des Kassandra-Stoffes nah am Vorbild aus der griechischen Sagenwelt. Unübersehbar aber bringt sie auch ihre eigene Perspektive und die aktuelle politische Lage in den Roman ein. Entstanden ist der Text ab dem Jahr 1980, 1982 hatte Wolf die Frankfurter Poetikdozentur inne und berichtete in diesem Rahmen auch über die Arbeit am Text. Für die Recherche hatte sie eine Griechenland-Reise unternehmen können, befasste sich aber auch sehr intensiv mit den griechischen Sagenstoffen und der verfügbaren Sekundärliteratur. Im Roman lassen sich deutliche Parallelen zur damals angespannten politischen Situation lesen. Im Roman stehen sich zwei Parteien gegenüber, die sich nicht offen angreifen, sich aber auch soweit in Schach halten, das eigentlich niemand mehr gefahrlos handlungsfähig ist. Die scheinbare Normalität des Lebens in Troja, die Märkte, die weiter abgehalten werden, die Feste, die weiter gefeiert werden, ist trügerisch. Jede Sekunde kann der Krieg losbrechen, auch wenn die königliche Familie nicht müde wird, das Gegenteil zu beteuern. Vorerst aber gibt es nur Bauernopfer.

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Kassandras Loyalität und ihr Zugehörigkeitsgefühl geraten zusehendes in Wanken. Familiär und emotional dem Königspaar Hekabe und Priamos verbunden, kann sie deren politische Entscheidungen später nicht mehr unterstützen. Auch der Emporkömmling Eumelos, Chef eines nie legitimierten aber immer stärker werdenden Sicherheitsapparates, belastet die Beziehung zu ihrem Vater zusehends. Schließlich weiß Kassandra nicht mehr, wen sie noch bezeichnen kann, wenn sie „wir“ sagt. Zuflucht findet sie in den Berge, wo eine Gruppe von Frauen, Anhängerin der Göttin Kybele, unter einfachsten Bedingungen lebt. In der Charakterisierung der Frauenfiguren, die oft ein sehr autarkes Leben führen, lässt Kassandra sich sehr leicht auch feministisch deuten.

Der Einstieg in den Roman hat mir sehr deutliche Schwierigkeiten bereitet. Es wimmelt von Namen und Figuren, deren Funktion nur manchmal erklärt und oft als bekannt vorausgesetzt wird. Auf den ersten Seiten habe ich mehr wikipedia-Artikel als eigentlichen Text gelesen, was schon recht frustrierend sein kann. Es gibt, darauf sei hingewiesen, kommentierte Ausgaben für die Schule, die den Einstieg erleichtern können, wenn man zufällig nicht alles über den Trojanischen Krieg weiß. Es lohnt sich aber, sich durch die ersten Seiten zu quälen und es dauert auch nicht lange, bis man zumindest einen groben Überblick über das trojanische Who-Is-Who hat. Der Rest des Romans ist eine scharfe, sehr kluge und sprachlich dichte Analyse der politischen Situation eines Staates, der hier Troja heißt. Kassandra ist als sehr interessante Figur konstruiert und der solide mythologische Unterbau ist beeindruckend. Zurecht bis heute Schullektüre ist Kassandra mühsam aber lesenswert.


Christa Wolf: Kassandra. Suhrkamp 2008. 178 Seiten. Erstausgabe Luchterhand 1983.

Das Zitat stammt von S. 21

Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

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Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle

1956 kommen Sabine und George Harwood als jungvermähltes Ehepaar aus England nach Trinidad. Drei Jahre soll George in der dortigen Zweigstelle seines Unternehmens arbeiten, danach wollen sie wieder zurück nach England gehen. George ist begeistert von der neuen Heimat auf Zeit, liest alles über die Insel, liebt ihre Geräusche und Gerüche. Sabine ist verzweifelt. Als sie Trinidad das erste Mal sieht, noch bevor das Schiff überhaupt anlegt, hasst sie die Hitze und die wuselige Geschäftigkeit im Hafen. Während die Leinen festgemacht werden, versteckt sie sich in der Kabine und fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an. Doch sie will sich tapferer zeigen als die anderen verhätschelten Expat-Gattinnen und nicht nur jammern. Die drei Jahre werden wohl auszuhalten sein. Dass sie weit länger bleiben wird, ahnt sie da noch nicht.

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Die Zeit, in der die Harwoods nach Trinidad kommen, ist denkbar ungünstig. Große Teile der Inselbevölkerung haben nun nicht gerade auf noch mehr Briten gewartet. Eric Williams ist der neue Stern am politischen Himmel, seinen Reden auf dem zentralen Woodford Square lauschen tausende begeisterte Anhänger. Mit den Worten „Massa day done“ fordert er den Abzug der weißen Ausländer, die erst mit Sklavenhaltung und nun mit einseitigen Machtstrukturen schon viel zu lange die Bevölkerung Trinidads unterdrücken. Sabine sieht sich mehr und mehr offenen Anfeindungen ausgesetzt, sie traut sich kaum noch in die Öffentlichkeit und erlebt ihr Dasein auf Trinidad als Zustand permanenter Bedrohung. Ihre wiederholte Bitte, die Insel endlich zu verlassen, nimmt George nicht ernst. Alleine traut Sabine sich aber auch nicht zurück nach England.

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Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Im Alter von vier Jahren zieht Xifan Yang mit ihrer Mutter nach Deutschland. Sie folgen dem Vater, der schon einige Jahre zuvor für ein Studium ausgewandert ist. Für die chinesische Familie ist Europa ein Wunderland ungeahnter Möglichkeiten und Freiheiten. Die Eltern arbeiten hart, um ihrer Tochter eine leichtere Zukunft zu ermöglichen. Xifan lebt sich in Deutschland schnell ein und lernt die Sprache mühelos. China gilt da noch als rückständiges Land der Hundeesser und oft schämt sie sich für ihre Herkunft. Der von der Mutter aufgezwungene Chinesischunterricht ist eine lästige Pflichtübung, die Xifan ohne jede Begeisterung erledigt.

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Annie Proulx: Accordion Crimes

Im späten 19. Jahrhundert baut ein Akkordeonbauer, einer der besten im Land, auf Sizilien ein grünes Akkordeon. Er lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen und die schwärmerischen Briefe eines ausgewanderten Cousins lassen ihn in immer mehr von einem besseren Leben in „La Merica“ träumen. Schließlich wagt er den Versuch, mit Sohn und grünem Akkordeon die große Reise anzutreten. Seine Frau soll später nachreisen, doch dazu kommt es nicht mehr. Nach nur wenigen Monaten in New Orleans wird er von einem (historisch verbrieften) Lynch-Mob ermordet.

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Sein Akkordeon, das die Grundlage seines neues Lebens werden sollte, macht sich ohne ihn auf die Reise und durchquert diverse Trödelläden, ein ganzes Jahrhundert und fast die kompletten USA. Dabei gerät es immer in die Hände von Einwanderern oder deren Nachkommen. Deutsche, Iren, Kanadier, Polen, Mexikaner – sie alle können mit diesem Instrument etwas anfangen. Dass die Besitzer oft ein schweres bis tödliches Schicksal ereilt, kann man dem Akkordeon kaum anlasten. Denn die meisten der porträtierten Einwanderer haben auch vor der Begegnung mit dem Instrument alles andere als ein leichtes Leben und schlagen sich geradeso durch. Es sind die „huddled masses yearning to breathe free“, die tatsächlich ihren Weg ins Land gefunden haben und den amerikanischen Traum längst ad acta gelegt haben.

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sag mal, fbm…

Zu den Eskalationen auf der Messe am Wochenende wurde schon viel und vielleicht sogar schon alles gesagt, aber ich will jetzt auch nochmal, weil ich so mega abgenervt bin. Ich weiß, dass die Messe für viele ein sehr positiver Ort der Begegnung und des Austauschs ist. Zumindest am Samstag war sie das aber nicht. Über die Tumulte selbst kann ich nicht viel sagen, ich war nicht da und weiß nicht, ob nun wirklich jemand ‚Sieg Heil‘ gerufen hat und wer wen zuerst angebrüllt hat. Ich war zu dieser Zeit auf Sizilien, bin in einer Lavahöhle rumgestolpert und in knöcheltiefe Fledermausscheiße getreten – der Frankfurter Buchmesse ist, spätestens mit ihrer Stellungnahme zu den Ausschreitungen, etwas ganz ähnliches passiert.

Die Frage, ob Verlage aus dem rechtsradikalen Spektrum auf der Buchmesse etwas zu suchen haben oder nicht, ist nun wirklich keine neue. Die Diskussion gibt es jedes Jahr und jedes Jahr sagt die Messe, Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut (Standgebühren auch), man habe keinen Grund Verlage nicht zuzulassen, die als Organisation nicht verboten sind, und deren Schriften auch bisher nicht indiziert wurden. Rechtlich ist das so sicher richtig. Moralisch und politisch beantwortet das nichts, aber Boos will die Messe ja auch als wirtschaftliche und nicht als politische Veranstaltung verstanden wissen.

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Margaret Atwood: The Blind Assassin

Laura Chase war eine begnadete Autorin. Leider konnte ihr erster und einziger Roman The Blind Assassin erst posthum veröffentlicht werden. Bei einem tragischen Unfall verstarb sie mit gerade Anfang 20, aus dem Nachlass hat ihre Schwester Iris Chase Griffen den Roman veröffentlicht. Seitdem ist es an ihr, das schriftstellerische Erbe ihrer Schwester zu wahren und zu verwalten. Iris ist mittlerweile weit jenseits der 80, lebt wieder in ihrer Heimatstadt Port Ticonderoga und hat begonnen, ihre Memoiren zu verfassen. An einen Unfall hat sie keine Minute lang geglaubt, sie war sich immer sicher, dass Laura Selbstmord begangen hat. Nun schreibt sie über ihr Leben und das ihrer Schwester und versucht herauszufinden, an welchem Punkt alles entgleist ist.

„But in life, a tragedy is not one long scream. It includes everything that led up to it. Hour after trivial hour, day after day, year after year, and then the sudden moment: the knife stab, the shell-burst, the plummet of the car from the bridge.“

Die Familie Chase war über Generationen die Spitze der Gesellschaft im kanadischen Port Ticonderoga. Nach dem frühen Tod der Mutter wachsen die Chase-Schwestern beim Vater auf, unterstützt von der Haushälterin Reenie und einer wechselnden Reihe Hauslehrer. Doch während der Weltwirtschaftskrise in den 1920ern geht es auch mit den Chase-Fabriken bergab. Die einzige Rettung für Töchter und Vermögen sieht Iris Vater in einer Ehe zwischen Iris und seinem Geschäftspartner Richard Griffen. Wie schlimm soll es schon werden, fragt sich Iris und fragt sie Reenie. Viel, viel schlimmer, ist die Antwort. In Iris Retrospektive entspinnt sich langsam die Geschichte einer leidlich glücklichen Kindheit, gefolgt von einer Ehe, die von psychischer wie physischer Gewalt geprägt ist. Unterbrochen werden Iris Memoiren von einem weiteren Erzählstrang, in dem ein Mann einer Frau eine Geschichte erzählt. Eine ziemlich absurde SciFi-Geschichte, die später einmal ein Roman werden soll, die Geschichte eines blinden Mörders.

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Suzanne Berne: Ein Mord in der Nachbarschaft

Marsha wächst auf in der ungetrübten Idylle eines Vororts von Washington. 1972, als sie gerade zehn Jahre alt ist, geschieht dort das ungeheuerliche: Ein etwa gleichaltriger Junge aus der Nachbarschaft wird vergewaltigt und ermordet. Seine Leiche findet man in einem Wäldchen hinter dem Einkaufszentrum. Panik breitet sich aus und immer neue Schauergeschichten führen dazu, dass auf einmal alle Leute ihre Türen abschließen und die Väter des Viertels nachts auf den Straßen patrouillieren. Marshas Vater ist nicht mehr dabei, er ist nach dem Bekanntwerden einer Affäre vor die Tür gesetzt worden und lebt jetzt in einem trostlosen Appartement voller Kartons. Zu allem Überfluss bricht Marsha sich einen Knöchel und hat nun die ganzen langen Sommerferien nichts anderes zu tun, als von der Veranda aus die Nachbarn zu beobachten und jedes Detail akribisch in ihrem Notizbuch festzuhalten.

Es war ein ruhige Nachbarschaft, auf eine Art, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Marshas liebstes Beobachtungsobjekt ist der neue Nachbar Mr. Green, der sich an verschiedenen Punkten verdächtig macht, unter anderem, weil er eben neu ist. Außerdem ist er alleinstehend, und da muss ja irgendwas faul sein. In Washingtons Suburbia ist man nicht einfach so alleinstehend. Demonstrativ besonnen und unaufgeregt bleibt Marshas Mutter in der um sich greifenden Hysterie. Sie beharrt darauf, die Haustür auch weiterhin nicht abzuschließen und geht auf die wilden Spekulationen der Nachbarinnen einfach nicht ein.

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