Rachel Kushner: Telex aus Kuba

Mit Flammenwerfer, einem Roman über die New Yorker Kunstszene der 1970er und die Roten Brigaden in Italien, konnte Rachel Kushner 2015 auch in Deutschland einigen Erfolg verzeichnen. Wenige Monate nach dem Tod des Máximo Líder ist nun auch ihr Debütroman Telex aus Kuba in deutscher Übersetzung erschienen.

Der Roman spielt in den 1950ern auf Kuba und setzt ein, als für die amerikanische Gesellschaft auf der Insel noch alles in bester Ordnung ist. Erzählt wird die Geschichte vor allem von K.C. Stites und Everly Sanders, zwei Kindern, deren Väter auf Kuba für US-amerikanische Großkonzerne arbeiten. Sie führen ein sorgenfreies Leben, denn ihre Väter werden gut bezahlt, sie leben in großen Häusern mit zahlreichen Angestellten und machen Ausflüge mit der firmeneigenen Yacht.

„In Kuba hatten wir Amerikaner unsere Traditionen, unsere eigene Welt.“

Doch es ziehen dunkle Wolken auf am karibischen Himmel. In den Bergen rotten sich Revolutionäre um die Castro-Brüder zusammen, die nicht länger tatenlos zusehen wollen, wie die Amerikaner die Insel und ihre Bevölkerung ausbeuten. K.C.s Bruder Del hat sich den bärtigen Rebellen angeschlossen und lebt in den Wäldern. Die Arbeiter auf den Zuckerrohrplantagen werden immer mutiger, fordern immer mehr und schließlich steckt jemand die Felder in Brand. Für die Amerikaner ist es schwer zu verstehen, warum auf einmal die Welt in Flammen steht, die sie kennen, in der einige von ihnen geboren sind und die sie als ihre rechtmäßige Heimat betrachten.

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Karan Mahajan: The Association of Small Bombs

1996 explodiert eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi. Es ist eine kleine Bombe, es werden nur 13 Personen getötet und 30 weitere verletzt. Verantwortlich zeigt sich eine islamische Organisation, die vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts handelt. Der Konflikt zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit in Delhi ist für die Bewohner der Stadt nichts Ungewöhnliches, auch Sprengstoffattentate sind keine Seltenheit.

„And you know what happens when a bomb goes off? The truth about people comes out.“

Aber für das Ehepaar Khurana ändert sich mit dieser Explosion alles. Sie verlieren ihre beiden Teenager-Söhne Tushar und Nakul. Mansoor, ein enger Freund der beiden Jungen, wird schwer verletzt. Der Vorfall stellt das Verhältnis der Khuranas und den Eltern Mansoors auf eine harte Probe, denn Mansoor ist Moslem.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

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Evan Osnos: Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum

grosse_Ambitionen„Das China in dem ich mittlerweile lebte, konnte zugleich inspirieren und wahnsinnig machen, diese Heimat der mit bloßen Händen erarbeiteten Vermögen und der schwarzen Gefängnisse, der ungebremsten Neugier auf die Welt und des defensiven Stolzes hinsichtlich Chinas neuem Platz in ebendieser.“

China ist in den letzten Jahren zum Symbol für rasanten Aufstieg geworden. Die Wirtschaft des Landes explodiert, eine stetig wachsende Mittelschicht häuft Reichtum an und chinesische Investoren sind aus internationalen Großprojekten fast nicht mehr wegzudenken. Zugleich steht China aber auch für minderwertige Qualität, Fälschungen und im schlimmsten Fall gesundheitsgefährdende Produkte. Skandale wie giftige Babynahrung, Menschenrechtsverletzungen bei der Ausrichtung der Olympiade oder die völlig unzureichende Reaktion auf das Erdbeben in Sichuan gingen um die ganze Welt.

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Friederike Habermann: Der unsichtbare Tropenhelm

Habermann_DerUnsichtbareTropenhelm„Wo keine Unterschiede bestehen, werden welche konstruiert – was sowohl ‚imaginiert‘ heißen kann als auch: ‚wahr gemacht‘. Vielmehr geht es um koloniales Denken, welches sich darum dreht, Privilegien sichern und legitimieren zu wollen.“

Ich hab es bereits mehrfach erwähnt – Kolonialliteratur kriegt mich immer. Es fällt mir schwer, zu sagen warum. Ich glaube, es ist die Absurdität des ganzen Konzepts und all der damit verbundenen Unterfangen. Die Faszination ist zweifellos eine morbide.

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Teju Cole: Open City

tejucole_opencity„The walks met a need: they were a release from the tightly regulated mental environment of work, and once I discovered them as therapy, they became the normal thing, and I forgot what life had been like before I started walking.“

Julius lebt als Psychiater in New York. Es ist seine erste Berufserfahrung nach dem Studium und der durchgetaktete Klinikalltag, der Umgang mit den Patienten und ihre Probleme, die ihn manchmal auch nach Feierabend noch verfolgen, machen ihm zu schaffen, ebenso die Trennung von seiner Freundin. Die Therapie, die er für sich entdeckt, ist das Laufen. Kein sportliches Laufen sondern einfach Spaziergänge. Er lässt sich durch sein Viertel treiben, durch andere Teile New Yorks, den Central Park, an den Hudson. Gelegentlich besucht er seinen alten Professor Saito, der zurückgezogen in seiner Wohnung lebt und sich über den Austausch freut. Unterwegs beobachtet er die Menschen, die ihm begegnen und die Gebäude, an denen er vorbeikommt. Er berichtet über das, was er sieht und die Erinnerungen, die diese Begegnungen in ihm auslösen, an seine Studienjahre, an seine Kindheit in Nigeria. Letzteres verleitet ihn schließlich auch dazu, nach Brüssel zu reisen, die Stadt, in der seine Oma lebt oder lebte, seine deutschstämmige Großmutter mütterlicherseits. Es ist sehr lange her, dass er sie zuletzt gesehen hat, als sie seine Familie in Nigeria besuchte. Der diffuse Wunsch, ihr vielleicht zufällig zu begegnen, bringt ihn nach Belgien, wo er seinen gesamten Jahresurlaub verbringt. Auch hier schlendert er durch die Stadt, ohne jedoch seine Großmutter zu treffen, dafür aber einen Marokkaner, der ein Internetcafé betreibt und mit dem er über islamischen Extremismus spricht.

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Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet

schutzgebiet„Die Eingeborenen seien weitestgehend friedfertig gegenüber den Weißen eingestellt und kooperativ. So hieß es. Die Schutzherrschaft der Deutschen lasse sie in jeder Hinsicht profitieren, sei es in den Sachen der Hygiene, der Wirtschaft oder der Bildung.“

Schutzgebiet spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der fiktiven deutschen Kolonie Tola, genauer gesagt in der winzigen Festung Benēsi, wo die Bremer Kolonialgesellschaft versucht, einen Wald, natürlich einen deutschen, anzulegen. Irgendwann einmal soll hier ein wichtiges Handelszentrum entstehen. Verantwortlich dafür ist Ludwig Gerber, der zuvor bereits in seiner Heimat in Zwiesel und bei einem ersten kolonialen Versuch in Belgisch-Kongo gescheitert ist. Seine Unsicherheit aufgrund mangelnder Fremdsprachenkenntnisse versucht er durch besonders harsches Auftreten gegenüber den Arbeitern zu kaschieren. Auch seine Schwester Käthe lebt in Benēsi, nachdem sie in Deutschland nach einer Scheidung jede gesellschaftliche Anerkennung eingebüßt hat. Hinter den Kulissen ist sie die eigentliche Verwalterin des Projekts, überlässt das Rampenlicht aber ihrem Bruder. Ertragen kann sie das Leben in der Kolonie nur mit regelmäßigem, improvisiertem Drogenkonsum, eine Leidenschaft, die sie mit dem Arzt Brückner teilt. Auch er lebt nur in Tola, weil er in Deutschland endgültig gescheitert ist.

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Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

ortandemdiereiseendet„Der einzige… Krieg, den du kämpfst… ist der für das, was dir gehört. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen.“

Eine der zentralen Figuren des Romans, Odidi, wird in den Straßen Nairobis erschossen, so beginnt der Roman. Seine Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück um den Leichnam zusammen mit ihrem Vater Nyipir in ihre Heimat im Norden Kenias zu überführen. Ihre Mutter Akai kann den Schmerz nicht ertragen und verschwindet in der Wüste noch bevor das Grab für Odidi ausgehoben werden kann.

In diesem emotionalen Chaos taucht auch noch Isaiah Bolton auf, der mit Odidi im Haus der Familie verabredet war. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters Hugh, dem das Haus gehört haben soll. Ajany kennt den Namen nur zu gut – er steht auf der ersten Seite aller Bücher in der Bibliothek und ihre Fragen nach ihm, dem unbekannten Besitzer der Bücher, wurden nie beantwortet. Auch jetzt will Nyipir den britischen Störenfried am liebsten sofort vom Hof jagen, doch Ajany begrüßt ihn als Gast ihres Bruders.

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Jonathan Franzen: The Corrections

thecorrections„Your parents are not supposed to be your best friends. There’s supposed to be some element of rebellion. That’s how you define yourself as a person.“

Ich habe sehr lange überlegt, was ich über The Corrections noch sagen soll. Denn ich habe das Gefühl, dass in den 15 Jahren seit Erscheinen alles schon gesagt wurde und zwar mehrfach.

Aber nochmal ganz knapp für alle, die das Buch noch nicht kennen: Enid Lambert wünscht sich, dass noch ein letztes mal alle ihre Kinder und Enkelkinder nach St. Jude im Mittleren Westen der USA kommen, wo sie mit ihrem an Parkinson erkrankten Mann Alfred lebt. Die Kinder Chip, Denise und Gary leben mittlerweile an der Ostküste, Gary ist verheiratet und hat drei Söhne, die beiden anderen Kinder sind derzeit partner- und kinderlos. Nach diesem letzten Weihnachtsfest, so hat Enid es Gary versprochen, verkaufen sie das verwahrlosende Haus und suchen eine Wohnung, die besser für Alfred geeignet ist. Garys Frau Caroline ist aber unter gar keinen Umständen bereit, mitsamt Kindern nach St. Jude zu reisen, weil sie die ganze Familie Lambert für eine Zumutung hält.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

americanahIn America you don’t get to decide what race you are. It is decided for you.

Ifemelu sitzt in einem Haarsalon in Trenton und lässt sich die Haare flechten. Nach 15 Jahren in den USA, mit einem gut bezahlten Job an der Universität Princeton, Eigenheim und fester Beziehung will sie nach Nigeria zurückkehren. Als Americanah, wie die Rückkehrenden dort genannt werden.

Aufgewachsen ist Ifemelu als Tochter einer fast fanatisch gläubigen Christin in Lagos. Noch zu Schulzeiten lernt sie ihre große Liebe Obinze kennen, mit dem zusammen sie auch studiert und eine Zukunft plant. Doch die Militärdiktatur im Land wirkt sich zunehmend negativ auf ihr Leben und das ihrer Familie aus. Die sicher geglaubte Zukunft mit Obinze wird ein vages Hoffen und so lässt sie sich schließlich von seiner Begeisterung für die USA anstecken und bewirbt sich um ein Studienvisum, das sie dank einer bürgenden Angehörigen auch bald bekommt. Obinze will nachkommen, doch seine Anträge werden wieder und wieder abgelehnt.

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