Der ewige Traum vom Falken – „Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm“ von Felicitas Hoppe

Ze Wormez bî dem Rîne gibt es nicht so besonders viel, womit man überregional von sich reden machen könnte. Was es allerdings gibt, und was dann auch kulturell ausgeschlachtet wird, sind die Nibelungen, die dort einst gelebt haben sollen. Seit beinahe zwanzig Jahren gedenkt man dieser Tatsache mit den im Sommer stattfindenden Nibelungenfestspielen. Auf deren Bühne, gelegen direkt vor der Kulisse des Wormser Doms, lässt Felicitas Hoppe die sagenumwobenen Gestalten der politisch vorbelasteten Dichtung ihre Intrigen spinnen.

Sie bringt alle auf die Bühne, die in den Nibelungen Rang und Namen haben: Kriemhild und Brunhild, Siegfried, Gernot, Gunter und Giselher, Ute und Hagen. Und sie ergänzt das Personal um einige zusätzliche Rollen, unter anderem um einen Laien aus Worms, der den Tod geben muss, einen kommentierenden Zeugen im Ruderboot und um den Schatz, der es sonst nie auf die Bühne bringt, obwohl er ein so tragendes Element ist. Ähnlich einer beleidigten Fee darf er nun als Goldene Dreizehn auf einen Platz an der Festtafel hoffen, statt am Grunde des Rheins als Konfliktstoff vor sich hin zu rosten. Hoppe belässt es nicht bei einer Nacherzählung des Stoffes, sondern setzt ihn im Grunde schon voraus, geht darüber hinaus und spielt mit den Charakteren und den ideologischen Schatten, die ihnen folgen. Wer nicht zumindest in Grundzügen mit der Handlung vertraut ist, wird Schwierigkeiten haben, zu folgen, den stringent erzählt wird nicht. Hoppe erzählt viel mehr in szenischen Schilderungen, orientiert an einer modernen Inszenierung des Stoffs und eingeleitet jeweils durch eine an Stummfilme erinnernde Texttafel.

An dieser Stelle bin ich natürlich mit dem Heimvorteil gesegnet, das erste Mal schon in der Grundschule davon gelesen zu haben, wie Siegfried im Drachenblut badet und davon, dass selbst die vermeintlich Unverwundbaren tödlich getroffen werden können. Die Domtür, an der Kriemhild und Brunhild sich um den Vortritt zanken, die Stelle, an der Hagen den Schatz versenkt hat – man kriegt in Worms gar keinen Schulabschluss, wenn man sich das nicht mal bei einem Wandertag angeguckt hat. Und auch sonst hat man bei der Lektüre dieses Romans sehr klare Vorteile, wenn man mit den Größen der Stadt Worms zumindest in Grundzügen vertraut ist. Ich weiß wirklich nicht, wie viel Freude man an der wiederholten Erwähnung des Wormser Woolworths hat, wenn man nicht um die Bedeutung jenes Stützpfeilers der Wormser Nahversorgung weiß.

„Frage: Und was bekommt es zu sehen? Antwort: Einen Stummfilm, der seine Darsteller davon befreit, sagen zu müssen, worum es hier geht. Kein einziger von uns kann Ihnen sagen, worum es in diesem Stück wirklich geht, aber wir lieben es alle.“

Natürlich geht es aber nicht nur um die Wormser Nibelungen, sondern auch um ihre nicht immer ganz einfache Rezeptions- und Produktionsgeschichte. Die beginnt schon bei den Festspielen an sich – denn die sind keine Idee von 2002, sondern von 1937. Aber auch der von Hitler geschätzte Stummfilm von Fritz Lang spielt natürlich eine große Rolle, allein schon im Titel, aber auch in Gestalt von Regisseurin Kettelhut, einer Namensvetterin des Stummfilm-Bühnenmalers Erich Kettelhut. Immer wieder steht die Frage im Raum, wie man die Nibelungen überhaupt noch inszenieren kann, ob und wie man die dicke Schicht aus Kitsch und Ideologie abschütteln kann und ob man jemals wieder eine blond bezopfte Kriemhild auf die Bühne stellen kann. Und nicht zuletzt, ob es diesen Stoff denn überhaupt noch braucht oder man besser gleich was anderes spielt. Dazu bedient sich Hoppe vor allem Pausengesprächen, in denen eine fragende Instanz die Schauspieler*innen in ihren Garderoben aufsucht und sie zu ihren Rollen befragt. Die Darstellenden antworten und das durchaus informiert und reflektiert und eröffnen interessante Perspektiven auf die von ihnen verkörperten Figuren. Doch auch jenseits der sich stetig drehenden, immer sich wandelnden Bühne passiert so einiges. Hoppe kommentiert mit dem Roman nicht nur den Stoff an sich und seine Rezeption, sondern auch gleich den ganzen Theaterbetrieb. Das Publikum fiebert mit, fordert Blut und kommentiert ungeniert. Zudem ist die halbe Stadt involviert: der Ruderclub Blau-Weiß, die Pfeddersheimer Liedertafel, Schülerinnen des Rudi-Stephan-Gymnasiums – sie alle tragen den Trubel der jährlichen Inszenierung mit. Ohne das und die unterbezahlte Statisterie gäbe es das ganze Spektakel um Kriemhild schon lange nicht mehr.

Hoppes Herangehensweise an den legendären Stoff ist mutig und speziell. Vielen zu speziell, wie man aus etlichen enttäuschten Rezensionen herauslesen kann. Wer auf eine Modernisierung des Stoffes in Form einer Nacherzählung hofft, wird von diesem Buch zwangsläufig enttäuscht sein. Die Nibelungen ist allerdings eine kluge und fundierte Auseinandersetzung mit einem schwierigen Stoff, ein Nachdenken über die Rezeptionsgeschichte und das Theater an sich ein und manchmal ein fast bissiger Kommentar über ein Spektakel, das jährlich das Publikum unterhält und eine verschlafene Stadt am Rhein in helle Aufregung versetzt – positiv wie negativ möchte ich mal abseits des Romans bemerken.


tl;dr: Keine einfache Nacherzählung, sondern ein listiger, hintergründiger Blick auf eine uralte Geschichte, die die Deutschen einfach nicht loslässt. Grundkenntnisse der Handlung werden vorausgesetzt.


Felicitas Hoppe: Die Nibelungen: Ein deutscher Stummfilm. S. Fischer 2021. 256 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 84.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Aus dem belagerten Leningrad – „The Siege“ von Helen Dunmore

Anna Michailovna liebt es, den Sommer in ihrem Garten vor den Toren Leningrads zu verbringen. Dort pflegt sie die Rosen ihrer Mutter, sät und erntet und schläft in warmen Nächten im Gartenhaus. Immer dabei ist ihr kleiner Bruder Kolya, dem sie langsam beibringt, ihr beim Gärtnern zu helfen. Seit ihre Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, ist es an Anna, sich um den kleinen Bruder zu kümmern und um ihren Vater, einen Schriftsteller, der sich gründlich und nachhaltig mit der Sowjet-Regierung überworfen hat. Zum Ende des Sommers 1941, Anna denkt schon an die Ernte der Kartoffeln, machen beunruhigende Gerüchte die Runde: Die deutsche Wehrmacht rückt immer näher, im Leningrader Umland wird es gefährlich. Wie auch der Rest der Nachbarschaft packt Anna hastig ihre Sachen und kehrt in die Wohnung der Familie in Leningrad zurück, in die schützenden Grenzen der Stadt. Doch die vermeintliche Rettung wird zur Falle. Im Herbst 1941 beginnt die Blockade Leningrads, die über zwei Jahre dauern wird.

Dunmore schildert das Leben von Annas Familie, die zunächst noch tapfer versucht, sich den Deutschen in den Weg zu stellen. Der Vater, völlig ungeeignet für den Wehrdienst, kämpft an der Front, während Anna Verteidigungsgräben aushebt und hilft, Kinder aus der bedrohten Stadt zu evakuieren. Mitten in dem ganzen Chaos steht auch noch Marina vor der Tür, ehemals eine berühmte Schauspielerin und Ex-Geliebte ihres Vaters. Nur wenige Tage will sie bleiben, die Freundin, bei der sie eigentlich unterkommen wollte, ist gerade erkrankt. Man ahnt es schon: Sie wird nicht mehr gehen. Doch immerhin bringt sie Vorräte aus ihrem Garten mit. Das ist eine sehr willkommene Gabe, denn schon nach kurzer Zeit gehen die knappen Reserven der Stadt zur Neige. Leningrad ist angewiesen auf die Versorgung durch die Landwirtschaft im Umland, doch die Transporte können die deutschen Linien nicht mehr passieren. Wo es überhaupt noch etwas zu kaufen gibt, steigen die Preise ins Unermessliche.

„Suddenly and sharply, it’s obvious that cities only exist because everyone agrees to let them exist. It’s crazy when you think of it, for millions of mouths to pack themselves into a couple of hundred square kilometres, without a pig or potato patch between them.“

In der erst beklemmenden, dann existenzbedrohenden Lage des ersten Winters der Belagerung Leningrads spielt The Siege. Dunmore erzählt von den Überlebenskämpfen der Bevölkerung, von knapper werdenden Rationen und immer längeren Schlangen vor der Bäckerei, von unerträglicher Kälte und von Toten, die in ihren Betten liegen bleiben, weil niemand mehr da ist, der die Kraft hat, sie unter die gefrorene Erde zu bringen. Gelegentlich wechselt der Fokus von Anna auf die Funktionäre, die für die Bevölkerung unsichtbar und unvorhersehbar die Rationen ändern und eine Versorgung über den hoffentlich bald gefrorenen Ladoga-See planen. Hin und wieder sind Passagen eingestreut, die mit keiner der handelnden Personen in Zusammenhang stehen und von denen man nur mutmaßen kann, dass Dunmore diese Geschichten bei ihrer Recherche gefunden hat und sie so beeindruckend fand, dass sie ihnen unbedingt einen Platz in ihrem Roman schaffen wollte.

Dunmore gelingt es, die Verzweiflung einer gesamten Stadt am Schicksal einer Familie deutlich werden zu lassen. Exemplarisch geht Anna durch alle Höllen Leningrads. Im Gegensatz zu vielen anderen gelingt es ihr aber, ihre Moral zu behalten. Sie stiehlt nicht, sie wird nicht gewalttätig und sie hilft ihrer verzweifelten Nachbarin selbst in ihrer größten Not. Diese Perspektive führt aber auch dazu, dass der Roman manchmal etwas begrenzt zu sein scheint. Anna verlässt das Haus nur noch, wenn es sein muss. Zu kalt und gefährlich sind die dunklen Straßen Leningrads geworden. Ihre gesamte Welt beschränkt sich auf den einen beheizten Raum ihrer Wohnung, die Schlange vor der Bäckerei und Wege dazwischen. Und damit eben auch die Sicht derer, die sie lesend begleiten. Dennoch gelingt es dem Text, das Leid und Elend, die aussichtslose Situation jener Tage darzustellen. Und das, trotz eingebauter Liebesgeschichte, ohne Durchhalte-Kitsch.


tl;dr: The Siege erzählt geradlinig und nahbar vom Elend der Bevölkerung Leningrads unter der deutschen Blockade im Winter 1941. Grundlegend gelungen, hat der Roman jedoch einige Längen.

Gilian Slovo hat 2004 mit Ice Road ebenfalls einen Roman über die Belagerung Leningrads veröffentlicht.


Helen Dunmore: The Siege. Penguin 2002. 291 Seiten. Erstausgabe Viking 2001. In deutscher Übersetzung von Edda Petri ist das Buch unter dem Titel Die tausend Tage der Anna Michailovna bei Bastei Lübbe erschienen.

Das Zitat stammt von S. 146.

Dieser Roman war 2002 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

In den Trümmern des Empire – „The Inheritance of Loss“ von Kiran Desai

In Kalimpong, einer Stadt in der indischen Peripherie am Fuße des mächtigen Himalaya, wird die junge Sai eines Tages bei ihrem Großvater abgeliefert, bei dem sie von nun an leben soll. Sie ist Waisin und bisher in einem Internat großgeworden. Der Großvater, ehemals Richter im indischen Kolonialstaat und in Cambridge ausgebildet, ist völlig desillusioniert von der Welt im allgemeinen und vom englischen Empire im besonderen. Einst hielt er viel von den eleganten Briten. Doch seitdem er versucht hat, Teil ihrer Gesellschaft zu werden und nur verlacht wurde, empfindet er nur noch Groll gegen sie und ihre überhebliche Art.

Die beiden teilen sich das einst herrschaftliche Haus mit dem namenlosen Koch, der sein ganzes Talent dafür aufbringt, den Hausstand beisammenzuhalten und all seine Hoffnung in seinen Sohn steckt, der es endlich nach New York geschafft hat. Seine Generation sieht die Zukunft nicht mehr in einer englischen Universität, sondern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wie so viele Migranten erkennt er vor Ort schnell, dass seine Möglichkeiten durchaus begrenzt sind. Als illegalisierter Einwanderer arbeitet er für einen Hungerlohn in einer schäbigen Restaurantküche, schläft in überfüllten Appartements oder gleich auf dem Küchenboden. Seinem Vater gegenüber muss er das alles natürlich als große Erfolgsgeschichte verkaufen.

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Das Ende ist nah – „Weather“ von Jenny Offill

Lizzies Leben ist aufreibend. Sie hat nicht nur Mann und Kind, sondern auch eine Mutter, deren Glaube langsam ans Fanatische grenzt und einen drogenabhängigen Bruder, der sich wochenlang bei ihr einquartiert. Ihr Berufsleben als Bibliothekarin ist da nicht ganz so turbulent. Dann allerdings wendet sich Sylvia, eine ehemalige Dozentin an sie. Sie ist eine Art populäre Intellektuelle, die landesweit Vorträge hält und mit ihrem Podcast „Hell and High Weather“ ein riesiges Publikum erreicht. Ihr Hauptthema: der Klimawandel, die Zerstörung der Welt und wie uns das alle ruinieren wird. Aus ihrer Zuhörerschaft erreichen sie inzwischen so viele Mails, dass sie jemanden braucht, der sie beantwortet. Und das wird nun eine weitere Aufgabe für Lizzie.

„I swear the hippie letters are a hundred times more boring than the end-timer ones. They are all about composting toilets and water conversation and electric cars and how to live lightly on the earth while thinking ahead for seven generations.“

Lizzie liest Mails und noch mehr Mails, von besorgten Eltern, selbstgerechten Hippies und paranoiden Preppern. Sie hört jede Folge des Podcasts und liest Tonnen von Büchern zu dem Thema. Es dauert nicht lange, bis auch sie vom nahenden Ende der Welt überzeugt ist. Macht das alles noch Sinn? Gibt es irgendwo auf dieser Welt noch eine sicheren Ort? Wird es ihn auch in dreißig Jahren noch geben? Das sind die Fragen, die sie bewegen, während sie ihrem Sohn beim Spielen zuschaut. Sie sieht eine Katastrophe auf sich zurollen, deren Ausmaß sie noch nicht abschätzen kann. Zur Entspannung besucht sie einen Meditationskurs, aber die sehr pragmatische Einstellung ihrer Lehrerin macht eigentlich alles nur noch schlimmer. Ihr Gefühl vergleicht die New Yorkerin Lizzie mit der Zeit nach 9/11, als eine spürbare Anspannung in der Luft lag und alle über das gleiche Thema sprachen und die gleiche Angst hatten.

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Wozu die Schönheit uns treibt -„On Beauty“ von Zadie Smith

Die Kunstwissenschaftler Monty Kipps und Howard Belsey sind Erzrivalen. Sie haben nicht nur völlig verschiedene Ansichten zu Rembrandt, sondern auch dazu, wie Universitäten und Bildung aussehen sollten und eigentlich zur Welt an sich. Ihr aktueller Kleinkrieg ist an einem Selbstporträt Rembrandts entbrannt und noch weit davon, beigelegt zu werden, als Monty als Gastdozent ausgerechnet an Howards College im beschaulichen Wellington unterrichten soll. In der Kleinstadt und erst recht am kleinen College ist es völlig unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen. Dabei hat Howard auch ohne Monty schon genug Ärger: Nach dreißig Jahren Ehe hat er seine Frau betrogen, die gar nicht daran denkt, ihm zu verzeihen.

On Beauty konzentriert sich vor allem auf die Familie Belsey, bestehend aus Howard, seiner Frau Kiki und den Kindern Levi, Jerome und Zora. Mit ihnen und ihrem konservativen Gegenpart, der Kipps-Familie, bringt Zadie Smith eine enorme Fülle von Themen und Konflikten in den Roman, ohne, dass es konstruiert wirkt. Eines der vorherrschenden Themen des Romans ist Rassismus, der den Figuren in unterschiedlichem Ausmaß begegnet und der sie auf verschiedene Arten beschäftigt. Kiki Belseys ist Schwarz und sowohl sie als auch ihre Kinder werden im weißen Wellington gelegentlich mit Argwohn betrachtet, besonders Levi, der auch durch seine Kleidung negativ auffällt. Er selbst definiert sich mehr als alle anderen Familienmitglieder als Teil einer diskriminierten Minderheit, sucht einen Ausweg aus der behüteten Mittelschicht und wird mit seinem Engagement für Haiti politisch aktiv. Damit bildet er einen Gegenpol zu seinem Vater, der sein Leben und ein Forschen ausschließlich der Ästhetik verschrieben hat und das so sehr, dass ihm der Bezug zur Realität vor lauter Schönheit manchmal fast abhanden kommt: Während sein gesamtes Kollegium schon lange auf Powerpoint umgestellt hat, kritzelt Howard immer noch auf Overhead-Folien herum.

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Augen zu und durch – „Milkman“ von Anna Burns

Milkman ist überhaupt kein Milchmann. Noch nie hat ihn jemand im Viertel Milch verkaufen sehen und warum er so heißt, weiß niemand mehr. Unbestritten aber ist seine Rolle: er ist einer der wichtigsten Paramilitärs der Stadt, seine Augen und Ohren sind überall. Kein Wunder, dass der namenlosen Erzählerin des Romans Angst und Bange wird, als er plötzlich auf sie aufmerksam wird. Aufmerksamkeit ist das letzte, was sie in ihrem Leben brauchen kann.

Die Erzählerin wächst auf in einer nordirischen Stadt, inmitten des Nordirlandkonflikts. Beinahe alle außerhalb ihres streng katholischen Viertels sind Feinde. Diejenigen, die auf der falschen Seite der Straße leben, in der falschen Hälfte der Stadt und erst recht diejenigen, die jenseits der Grenze leben und sich weigern, Nordirland freizugeben. In jeder Familie gibt es mindestens einen Mann, einen Sohn oder einen Bruder, der bei Kämpfen getötet wurde. In manchen sind es fast alle. Nicht-politische Handlungen und Aussagen gibt es nicht in diesem Klima. Namen sind politisch, Autos sind politisch, Beziehungen sind politisch, Bücher sind politisch, Religion ist politisch. Politik ist alles, was zählt.

„So the Hollywood phenomenon of sexual prowling would have been overshadowed, as everything here was overshawdowed, by the main topic of conversation in this place.“

S. 183

Mit ihrem unguten Gefühl gegenüber Milkman ist die Erzählerin völlig allein. Er macht ja nichts. Sexualstraftaten werden von den de facto regierenden Paramilitärs des Viertels streng geahndet, aber was soll man Milkman denn vorwerfen? Er hält die Erzählerin auf dem Heimweg auf und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Er läuft auf einmal neben ihr, als sie im Park joggt. Er lauert ihr nach dem Französisch-Unterricht auf und bietet ihr wieder an, sie nach Hause zu fahren. Er lässt fallen, wie schade es wäre, würde ihr Freund von einer Autobombe getötet. Das alles verunsichert sie zutiefst, ist ja aber keine Straftat. Zur Ablenkung steckt sie weiter ihre Nase in Bücher, die spätestens im 19. Jahrhundert spielen, weil sie das 20. furchtbar findet und versucht, alles um sie herum auszublenden so gut es eben geht. Selbst auf dem Heimweg nimmt sie die Augen nicht von den Seiten und lenkt sich so von der Zerstörung und Gewalt um sie herum ab. In ihrer Nachbarschaft gilt sie schon deshalb als seltsam. Milkmans Avancen erregen noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit. Als zukünftige Geliebte eines wichtigen Paramilitärs, denn das gilt als ausgemacht, zieht sie jetzt schon Missgunst und Neid auf sich. Für die Erzählerin gilt das keinesfalls als ausgemacht, sie möchte viel lieber mit ihrem Vielleicht-Freund zusammenziehen. Aber bald muss sie sich eingestehen, dass sie eigentlich überhaupt keine Wahl hat.

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Der lange Atem Leningrads – „Ice Road“ von Gillian Slovo

Slovos Roman über Leningrad und seine bewegte Geschichte findet seinen Anfang im ewigen Eis. Dorthin hat es Irina Davydovna verschlagen als Teil einer Expedition an Bord der Cheliuskin, die im driftenden Eis zerquetscht wird. Irina gehört zu den Überlebenden und kehrt zurück in ihre Heimatstadt Leningrad, von wo aus sie den Rest der Geschichte erzählt. 

This is my city: the city that I love. In my lifetime I have left its borders only twice, the first time into peril and the second to Moscow and deception. Twice is enough for me. I have lived through Leningrad’s darkest times. I have seen its pain and I have also seen its heroism. I am part of it.

An der Seite ihrer Freundin Natascha, Tochter des hochrangigen Partei-Funktionärs Boris Aleksandrovich, erlebt sie Leningrad in seiner Schönheit und seinem Elend. Die Stadt ist gerade im Umbruch, als Irina von ihrer Arktis-Expedition zurückkehrt. Die Revolution ist geglückt, nun ist es an den ehemaligen Revolutionären zu Funktionären zu werden und den Erhalt ihrer Macht zu sichern. Und das mit allen Mitteln. Irina hat zwar nie hohe Funktionen inne, ist bei ihrer Tätigkeit als Reinigungskraft und Haushälterin den Großen und Mächtigen aber oft ganz nah. Ihre Erzählung beginnt 1934, umfasst die Stalinschen Säuberungen, in denen Natascha ihren geliebten Ehemann verliert, und endet während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Die titelgebende Ice Road spielt dabei nur über eine relativ kurze Zeit eine Rolle. Die auch als „Straße des Lebens“ bekannte Route führte ab dem Winter 1941 über den zugefrorenen Ladogasee und wurde von der Roten Armee genutzt, um die Belagerten mit Lebensnotwendigem zu versorgen. Die Lage Leningrads war dennoch prekär. Im Roman spielt diese titelgebende Versorgungsstraße natürlich ihre Rolle als Lebensader für die Belagerten, findet aber kaum Erwähnung.

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Den Vorhang auf! – „Schatten über den Brettern“ von David Misch

Leicht macht der Erzähler in David Mischs Debüt-Roman einem den Einstieg in den Text nicht. Es gibt einen ER, einen dunklen Schatten, ein ich und ein „mein liebes Kind“. Wer das alles ist, und wie diese Personen zueinander in Beziehung stehen, das muss man sich erst mühsam erschließen. Dabei ist die Rahmenhandlung eigentlich ganz einfach: ein alter Mann sitzt auf einer Parkbank, sieht dem Treiben um einen Weiher herum zu und schreibt dabei seine Erinnerungen auf. Ab und an leistet ihm eine jüngere Frau Gesellschaft, an deren Arm gestützt er hin und wieder ein paar Schritte gehen kann. 

Es dauert ein wenig, bis man sich die Biographie des Alten aus den Versatzstücken seines Lebens zusammenreimen kann. Er erzählt, das kündigt er auch an, nicht chronologisch. Wie sich aus seinen Aufzeichnungen langsam herausschält, ist er früher offenbar als Schauspieler tätig gewesen, allerdings nicht auf großen und bedeutenden Bühnen, sondern in einem kleine Mitmach-Theater, in dem er seine Rollen nicht nur spielte, sondern auch gemeinsam mit dem Leiter des Theaters erdachte. Zum Hauptberuf reicht das nicht, tagsüber verbringt er seine Zeit in einer Folien-Fabrik, wobei man seine Tätigkeit dort immer weniger als Arbeit bezeichnen kann. Seinen Figuren ist er so nah, dass er mit ihnen lebt und sie Teil seiner Persönlichkeit werden.

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Wanderung mit schwerem Gepäck – „Elijas Lied“ von Amanda Lasker-Berlin

Es sind drei ungleiche Schwestern, die an einem kühlen Morgen aus dem Bus am Rande des Moors steigen, um noch einmal den Weg gemeinsam zu gehen, den sie früher schon gemeinsam mit den Eltern erkundet haben. Durch das Moor, durch den toten Wald und hinauf auf einen hohen Berg, von dem aus man die ganze Umgebung sehen kann. Elija, die älteste, wurde mit einem Gendefekt geboren und lebt nun in einer WG in Berlin, wo sie als Schauspielerin arbeitet, zuletzt sogar mit einem Solo-Stück, auf das sie sehr stolz ist. Noa arbeitet vormittags in einer seelenlosen Firmenkantine und am Nachmittag als Sexualbegleiterin für pflegebedürftige Menschen. Und Loth, die jüngste der drei, lebt offen rechtsradikal in einem patriotischen Wohnprojekt und ist, schön wie sie ist, ein Internet-Star der Szene. 

Das Verhältnis zwischen den Schwestern ist deutlich abgekühlt, seit Loth aus dem Elternhaus ausgezogen ist. In ihrer Jugend war sie noch als Punk unterwegs, hat seitdem aber eine Kehrtwende in Richtung Faschismus hingelegt. Ihre Familie ist überfordert von ihrer zunehmenden Radikalisierung und reduziert den Kontakt auf ein Minimum. Doch es war Loths Idee, die Schwestern noch einmal zusammen zu holen um alte Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Nach langem Zögern lassen Noa und Elija sich endlich auf den Vorschlag ein, aber schon bald bereut Loth ihren Plan. Die Schwestern nerven sie und bremsen sie aus auf dem Weg zum Gipfel. Vor allem Elija ist ihr ein ständiger Klotz am Bein mit ihrer Träumerei und den schlecht gebundenen Wanderschuhen. Während die Schwestern durchs Moor stapfen, erfährt man in kurzen Episoden mehr über ihre Leben, die sonst kaum einen Berührungspunkt haben. 

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Von ihren Taten zu singen – „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Mit Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber eine außergewöhnliche Hommage geschrieben, für die sie in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Anne Weber lernte Anne Beaumanoir, genannt Annette, vor wenigen Jahren bei einer Podiumsdiskussion kennen. Im Anschluss hatten die beiden Gelegenheit, sich näher kennenzulernen und Weber war beeindruckt von dem, was die inzwischen über 90jährige zu berichten hatte. So beeindruckt, dass sie beschloss, ein Buch darüber zu schreiben und nicht nur ein Buch, sondern gleich ein Heldinnenepos. Denn Weber sah in Beaumanoir nicht weniger als eine der ganz seltenen Gelegenheiten, eine echte Heldin kennenzulernen.

Annette Beaumanoir wurde 1923 in der Bretagne geboren, wo sie in recht einfachen aber glücklichen Verhältnissen aufwuchs. Nach der Schule begann sie eine Medizinstudium, zugleich aber ihre politische Karriere. In dieser Zeit wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei und mehr oder weniger zufällig Teil der Résistance. Den Widerstand stellte sie nie in Frage und betrachtete ihn als ihre Pflicht, auch später, als die Nazi-Okkupation beendet war. Im Auftrag der kommunistischen Partei, aber auch in eigener Mission half sie anderen Menschen im Untergrund, organisierte Fluchtwege und Unterkünfte und rettete jüdische Menschen vor dem sicheren Tod. Für letzteres wurde sie, gemeinsam mit ihren Eltern, in späteren Jahren als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien ihr Leben etwas ruhiger zu werden. Sie beendete ihr Studium, wurde Neurologin, heiratete und bekam drei Kinder. Doch das Unrecht nagte weiter an ihr und so engagierte sie sich für die Front de Libération, die für eine Unabhängigkeit Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft kämpfte. Eine Verurteilung zu zehn Jahren Haft war die eine Folge, eine Flucht nach Algerien und jahrelange Trennung von ihren Kindern eine andere. Mittlerweile fast hundert Jahre alt, ist Beaumanoir noch immer als Rednerin und Zeitzeugin unterwegs und bemüht, ihre Überzeugungen weiterzutragen.

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