John Marzluff und Tony Angell: Gifts of the Crow

Manchmal, wenn man so nebeneinander sitzt und schweigt, sagt jemand ‚erzähl doch mal was‘. Ich erzähle dann oft folgende Geschichte: Eine Krähenpopulation in England weiß, dass in Kälberausscheidungen ein Enzym ist, das sie gut gebrauchen können. Kälbermägen können dieses Enzym nicht aufspalten und scheiden es einfach aus. Die Krähen haben gelernt, dass Kälber fast immer kacken müssen, wenn sie aufstehen. Das wusste ich zum Beispiel nicht. Deshalb fliegen die Krähen auf die Weide und nerven die Kälber bis sie aufstehen. Krähen sind sehr kluge Vögel.

Ich weiß überhaupt nicht, warum ich immer diese Sache erzähle, ich habe nun wirklich Spannenderes erlebt. Diese Krähengeschichte möchte ich aber gerne mit vielen Leuten teilen, weil sie so klug sind. Wenn meine Gesprächspartner nicht hinreichend beeindruckt sind, erzähle ich auch noch folgende Geschichte: An der Universität von Washington gibt es einen Mann namens Marzluff, der ist Krähenforscher. Der hat sich eine Maske aufgesetzt und hat die Krähen auf dem Campus geärgert. Die Kinder der Krähen hat er dann nicht mehr geärgert. Trotzdem hat auch die nächste Krähengeneration die Maske gehasst, weil die Eltern ihnen das beigebracht haben. Auch neu auf dem Campus zugezogene Krähen haben sehr schnell gelernt, die Maske zu hassen, obwohl sie nichts mehr gemacht hat. Krähen lernen über soziale Netzwerke, was für Tiere sehr selten ist. Wenn mein Gesprächspartner dann immer noch nicht beeindruckt ist, leere ich mein Glas und gehe. Manche Leute!

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Josef H. Reichholf: Ornis – Das Leben der Vögel

ornis„Die meisten Vögel können (viel) mehr, als wir wissen und ihnen zutrauen.“

Mein erstes Aufeinandertreffen mit ernsthaften Ornithologen war vor ungefähr fünf Jahren im niederländischen Fochtelooerveen, einem Moorgebiet, in dem es Kraniche gibt. Das war mir überhaupt nicht klar, als ich auf einem Aussichtsturm auf mindestens 20 Männer mit gigantischen Kameras und Fernrohren traf, die mit höchster Konzentration ins Moor starrten. Von nichts anderem auf der Welt nahmen sie Notiz. Allein der Aufwand, diese Ausrüstung eine sehr lange, steile, enge Treppe hochzuschleppen, erschien mir grundsätzlich unverhältnismäßig.

Josef H. Reichholf wäre da sicher anderer Ansicht. Er war Ornithologe bei der Zoologischen Sammlung München, lehrte an der dortigen Uni und war 20 Jahre lang Generalsekretär der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern. Mit anderen Worten – er ist besessen und das schätze ich. Ornis ist zum einen der Begriff für die Vogelwelt, aber auch ein Begriff für Ornithologen, den diese scheinbar auch ernsthaft verwenden. Ich finde das großartig. „Na, sind Sie etwa auch Orni?“ ist kein Satz, den ich den sehr gewissenhaften Männern mit Profi-Ausrüstung zugetraut hätte.

Nun aber zum Buch. In diesem geht es, wie der Titel vermuten lässt, um Vögel und deren Leben. Die verschiedenen Themenbereiche wie Federn, Nistverhalten, Vogelzug und Lebensraum werden generell abgehandelt und dann an einen wenigen Arten verdeutlicht. Positiv ist dabei, dass in der Regel heimische Vögel zur Illustration herangezogen werden, die man auch als ornithologisch völlig ungebildeter Mensch kennt, sicher schon mal gesehen hat und wahrscheinlich sogar erkennt – Amseln, Stockenten, Blaumeisen, Turmfalken. Nur bei ausgefalleneren Phänomenen müssen auch mal exotischere Vögel wie das Thermometerhuhn herhalten. Reichholf erklärt Dinge, die man noch nie richtig verstanden hat und beantwortet Fragen, von denen man noch nicht wusste, dass man sie stellen kann.

Bei all dem merkt man, dass der Autor sich auf seinem Fachgebiet wirklich gut auskennt und dass er für das Thema bedingungslos brennt, auch und gerade für den Vogelschutz. Seiner Ansicht nach ist dieser selbstverständlich zwingend nötig, er ist aber merklich der Ansicht, dass er nicht immer richtig umgesetzt wird. Es ärgert Reichholf, dass beispielsweise keine Vogelfedern oder verlassene Nester gesammelt werden dürfen, obwohl deren Untersuchung wichtige Anhaltspunkte für Populationsveränderungen und Belastungen der Vögel durch Umweltgifte geben könnte. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Wissenschaft und starre Gesetze nicht immer das beste Verhältnis zueinander haben und zweifelsohne ist das für wissenschaftlich Arbeitende oft frustrierend. Aber es gibt Passagen, in denen dieser Umstand ohne jede Übertreibung auf zwei Seiten fünf mal angesprochen wird. Damit wirkt das leidenschaftliche Plädoyer für einen neu gedachten Umweltschutz leider etwas ermüdend, obwohl eine Reform tatsächlich dringend nötig sein mag.

Sieht man darüber hinweg, ist Ornis ein sehr fundiertes und lesbares Sachbuch, dessen leicht behäbiger Stil mitunter an Grzimek erinnert, womit Reichholf ja aber in bester Tradition steht. Hin und wieder überrascht er dafür tatsächlich mit Witzen. Wer einen Einstieg in die Thematik will, ist mit diesem sehr nachvollziehbar gegliederten Buch gut beraten. Das umfangreiche kommentierte Literaturverzeichnis im Anhang hilft weiter, wenn man nach der Lektüre selber auch Orni sein will, was bei der transportierten Begeisterung für die Vogelwelt gar nicht unwahrscheinlich ist.

Ich habe übrigens keinen Kranich gesehen im Fochtelooerveen, dafür zwei Kreuzottern, was auch sehr spannend war.

Braucht jetzt noch jemand Orni-Humor?


Josef H. Reichholf: Ornis. Das Leben der Vögel. Ullstein 2016. 272 Seiten, € 12,99. Erstausgabe: C.H. Beck 2014.

Das Zitat stammt von S. 221 der Taschenbuch-Ausgabe.