Die unerträgliche Banalität des Seins – „Die Idiotin“ von Elif Batuman

Als Selin das erste Mal die heiligen Hallen von Harvard betritt, ist sie völlig überfordert. Hier anstellen, da anstellen, hier eine Mail-Adresse zugeteilt bekommen, dort für Kurse einschreiben. Beistand findet sie bei ihren Mitbewohnerinnen Hannah, die sie mehr mag und Angela, die sie weniger mag. Sie belegt Kurse in Linguistik, darstellender Kunst und Russisch, wo sich alle russische Namen aussuchen müssen, außer Svetlana und Ivan, dem ungarischen Mathematik-Studenten, in den Selin sich sofort und unglücklich verliebt. Sie schreibt Mails im Computer-Labor, findet spannende Ähnlichkeiten zwischen Ungarisch und Türkisch, isst in der Cafeteria und grübelt über der Sapir-Whorf-Hypothese. Und daraus besteht der gesamte erste Teil des Romans.

„Ich wusste nicht, wie man in eine andere Stadt zog oder Sex hatte oder einen richtigen Job oder wie ich jemanden dazu bringen sollte, sich in mich zu verlieben, oder wie ich etwas lernen sollte, das nicht nur meiner persönlichen Weiterentwicklung diente.“

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Im zweiten Teil reist sie immerhin mit Svetlana aus dem Russisch-Kurs nach Paris, wo sie in der Wohnung einer offenbar reichen Tante Svetlanas direkt gegenüber dem Musée d’Orsay wohnen und an der Seine joggen gehen. Montmartre ist ihr zu aufregend. Im weiteren Verlauf des Sommers reist Selin nach Ungarn, weil Ivan es auch tut. Damit das weniger auffällt, nimmt sie an einem Programm teil, im Rahmen dessen sie Englischunterricht für die Landbevölkerung geben soll. Dieser Teil des Romans, in dem Selin viele und sehr unterschiedliche Kontakte knüpft, und skurrile Situationen erlebt, ist alles, was den Roman aus der völligen Bedeutungslosigkeit rettet. 

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Szilárd Borbély: Die Mittellosen

diemittellosen„Ihr wisst, dass man uns im Dorf verachtet. In diesem Dorf werden wird gehasst. In jedem Dorf hasst man uns.“

In Die Mittellosen erzählt der ungarische Autor Szilárd Borbély die Geschichte eines Jungen, der in den 60er-Jahren in äußerster Armut in einem Dorf in Ungarn, nahe der rumänischen Grenze aufwächst. Er lässt den Jungen selbst zur Sprache kommen, was eine sehr unmittelbare Perspektive schafft.

Das Haus der Familie ist aus Lehm gebaut, der Boden besteht aus gestampfter Erde, mit Teerpappe vor Feuchtigkeit geschützt. Der junge Erzähler teilt sich mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern einen Raum mit zwei Betten darin. Außer ein paar Hühnern und Schweinen besitzt die Familie fast nichts. In der Dorfgemeinschaft werden sie ausgegrenzt. Der Vater bekommt keine Arbeit, nicht einmal in der LPG, in den Geschäften werden sie betrogen. Der Grund dafür wird nicht ganz klar. Einige behaupten, der Vater des Jungen sei ein Jude, zumindest ein Halbjude, allerdings feiert die Familie christliche Feste, was ebenfalls auf Ablehnung stößt. Ein Weggang aus dem Dorf wird zwar immer wieder ins Auge gefasst, dann aber aus verschiedenen Gründen verworfen. Am meisten hasst die Mutter das Dorf, glaubt aber nicht daran, dass es woanders besser werden könnte.

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László Krasznahorkai: Melancholie des Widerstands

widerstandBis zur Verleihung des diesjährigen Man Booker International hatte ich, wie ich zugeben muss, László Krasznahorkai überhaupt nicht auf dem Schirm. Macht nichts, kann man nachholen. Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, ist also Melancholie des Widerstands.

Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt – in einer ungarischen Kleinstadt steht die Welt am Rande des Untergangs. Schon Anfang November sind die Temperaturen ungewöhnlich niedrig, der Unrat gefriert auf den Straßen, die Züge fahren nicht mehr regelmäßig und die Straßenlaternen leuchten nicht mehr. Wer sich nach Einbruch der Dunkelheit draußen herumtreibt, spielt mit seinem Leben, über der ganzen Stadt hängt eine Glocke der Angst. Dann kommt ein Zirkus in die Stadt, der nicht nur einen ausgestopften riesigen Wal mitbringt, sondern auch einen winzigen Herzog mit fiepsiger Stimme. Dem Zirkus folgt eine Schar bedrohlicher Gestalten, die sich schweigend und düster auf dem Marktplatz versammeln und auf den Befehl des mysteriösen Herzogs warten, der scheinbar nichts will als Zerstörung.

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