Mein Freund der Baum ist tot – ruinieren Bücher den Planeten?

Sind nun nach Plastiktüte, Inlandsflug und Dieselmotoren auch Bücher eine Gefahr für den Planeten? Sterben für unseren Lesegenuss mehrere Fußballfelder Regenwald pro Jahr?

So schlimm ist es nicht, das nehme ich mal vorweg. Aber als ich vor Jahren im Herstellungsunterricht mal gelernt habe, wie viele Rohstoffe es braucht, bis ein Buch fertig ist, habe ich schon ein bisschen an der Umweltfreundlichkeit meines Hobbies (und damals auch Berufs) gezweifelt. Klar schneidet Lesen besser ab als Stock Car Racing, Großwildjagd oder Kreuzfahrten. Aber Ressourcen braucht es halt schon und an denen lässt sich auch noch vergleichsweise einfach sparen. Also habe ich jetzt endlich mal einen Artikel von Anja auf ihrem Bücherblog zum Anlass genommen, mich genauer mit dem Thema auseinander zu setzen.

How much wood…

…would a woodchuck chuck if a woodchuck was actually a publisher?

(In diesem Absatz wird viel gerechnet, aber danach geht es ohne Zahlen weiter.)

Um Papier herzustellen, braucht es neben Energie vor allem Wasser und Holz. Und von letzterem eine ganze Menge, denn nicht alle Fasern im Baum eignen sich für die Papierherstellung. Auch das Rohgewicht von Bäumen schwankt erheblich, das heißt Bäume gleichen Volumens haben, abhängig von der Art, sehr unterschiedliche Gewichte. Nadelbäume beispielsweise sind oft leichter als ein gleich großer Laubbaum. Der Einfachheit halber nehme ich im Folgenden für die Papierausbeute einen Durchschnittswert an, nachdem der Faktor 2,2 ist – um 1 kg Papier zu produzieren, braucht man 2,2 kg Holz. Die komplette weitere Rechnung ist beispielhaft und bezieht sich auf Durchschnittswerte, die im Einzelfall natürlich erheblich abweichen können.

Sagen wir, ein Buch wiegt im Schnitt 400 g und wir lesen davon 50 pro Jahr, dann werden für die 20 kg Buch 44 kg Holz und 1130 Liter Wasser gebraucht. Das ist jetzt keine krasse Menge für jede_n von uns, aber wenn man sich die Buchproduktion an sich mal anguckt, kommt da schon einiges zusammen. Nehmen wir an, ein Buch verkauft sich 2.000.000 mal. Das ist eine Menge, aber Jojo Moyes hat das mit Ein ganzes halbes Jahr zum Beispiel schon geschafft. Ein Buch dieser Dicke wiegt ca. 470 g, macht also ca. 940.000 kg Papier, 2.068.000 kg Holz und ca. 53.110.000 Liter Wasser. Das alles auf der Grundlage, dass unser Beispiel-Bestseller nur aus neu gewonnenen Fasern entsteht.

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Nadelbäume sind besonders beliebte Rohstofflieferanten für die Papierindustrie. (Bild: Manfred Antranias Zimmer / pixabay)

Rechnen wir mit Fichte weiter. Alle unsere Fichten sind 25 Meter hoch und haben einen Durchmesser von 40 cm, was 3,14 m³ entspricht. Desweiteren haben die Fichten eine Rohdichte von 470 kg/m³. Aus jedem Baum dieser Größe ließen sich also 1.475,8 kg Holz bzw. 670,82 kg Papier gewinnen. Für unseren Bestseller brauchen wir demnach 1.402 Fichten. Um die genannte Größe erreichen zu können, brauchen diese Fichten einen Pflanzabstand von ca. 5 Metern, jeder Baum hat also einen Platzbedarf von 25 m². Macht einen Flächenbedarf von 35.050 m² bzw. 3,51 ha, bzw. beide Etagen der Halle 3 der Frankfurter Messe, um hier mal ne anständige Maßeinheit reinzubringen.

Das Problem mit den Wäldern

Die Holzproduktion an sich hat an den meisten Stellen leider nichts mit friedlichen Wäldern, zwitschernden Vögeln und Männern in Flanellhemden zu tun. Die Monokultur ist bei Holz ebenso problematisch wie bei allen anderen Nutzpflanzen und führt an verschiedenen Orten der Welt zu ganz massiven Umweltproblemen. Auch, wenn für das Holz kein Regenwald abgeholzt wird, schadet der massenhafte Anbau von gleichartigen Bäumen der Umwelt. Die so entstehenden „Wälder“ sind kein wertvolles Biotop sondern eine rein wirtschaftlich genutzte Fläche, auf deren nachhaltige Bewirtschaftung oft wenig Wert gelegt wird. Denn nachhaltig heißt oft auch teurer, mühsamer und weniger effizient.

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Die Welt hat viel Romantik verloren, seit Holzvollernter keine Karo-Hemden mehr tragen. (Bild:  G J Whitby/pixabay)

Es gibt einige Siegel, die Papiere kennzeichnen, die aus nachhaltiger Produktion stammen. Viele davon zielen allerdings auf Papiere ab, die zumindest teilweise aus recycelten Rohstoffen bestehen. Diese nicht immer für die Produktion von Büchern geeignet. Ein Siegel, das man gelegentlich in Büchern finden kann, und das für Papier aus neu gewonnenen Rohstoffen vergeben wird, ist das FSC-Siegel der Organisation Forest Stewardship Council. Das Siegel erhalten Forstwirtschaftsbetriebe, deren Produktionsleitlinien bestimmte Anforderungen an Nachhaltigkeit erfüllen. Das Siegel ist nicht unumstritten, aber es ist zumindest ein Anhaltspunkt.

Eine sicher nicht repräsentative Studie an meinem Bücherregal brachte folgendes zu Tage: Sämtliche Random House-Bücher jüngeren Datums haben das FSC-Siegel, ältere haben einen Hinweis, dass das Papier chlorfrei und umweltschonend hergestellt wurde. Außerdem habe ich das FSC-Siegel in Büchern von Kiepenheuer & Witsch, Fischer (beide Holtzbrinck-Gruppe) und dtv gefunden. Und sonst bei keinem. Wie gesagt – repräsentativ ist das sicher nicht, aber es gibt offenbar noch einiges zu tun.

Geteilte Freude – geteilte Rohstoffe

Der beste Baum steht natürlich im naturbelassenen Wald und nicht im Bücherregal. Gerade bei Büchern, die man einmal liest und dann nie wieder in die Hand nimmt (außer um zu gucken, wer alles ein FSC-Siegel hat), kann man sich überlegen, ob man sie unbedingt neu kaufen und behalten muss. Zumindest in Ballungsräumen ist es mittlerweile ziemlich einfach, an gebrauchte Bücher zu kommen oder sie wieder loszuwerden, sei es in Gebrauchtwarenläden wie Oxfam oder Sozialkaufhäusern, bei Bücherflohmärkten oder im öffentlichen Bücherschrank. Die Bücher kosten dort in der Regel einen Bruchteil des Neupreises oder werden sogar verschenkt. Oft unterstützt man mit dem Kauf auch noch eine wohltätige Organisation. Außerdem verfügen sehr viele Städte über hervorragend ausgestattete Büchereien. Und wenn vor Ort schon alles abgegrast ist, kann man gebrauchte Bücher auch online tauschen oder bei verschiedenen Plattformen bestellen. Wobei bestellen wieder ein anderes und sehr großes Problem ist – ich weiß.

Das Holz ist natürlich nur ein Faktor bei der Papier- bzw. Druckerzeugnisherstellung. Mitunter wird Papier gebleicht, alte Tinte muss aus Altpapier ausgewaschen werden, neue Druckfarben müssen hergestellt und aufgetragen werden, und so weiter und so fort. Nicht immer werden Bücher bzw. die Rohstoffe dafür in Deutschland oder Europa produziert. China ist beispielsweise ein beliebtes Land für die Herstellung, gerade bei Büchern im unteren Preissegment, aber auch bei aufwendigeren Druckerzeugnissen wie viel bebilderten Kinderbüchern. Dass die Umweltschutzgesetze dort ein bisschen laxer als in Deutschland sind, ist ja hinlänglich bekannt. Somit ist leider nicht auszuschließen, dass giftige Hilfsstoffe für die Produktion mehr oder weniger ungefiltert abgeleitet werden. Außerdem kommt in China verarbeitetes Holz oft aus Indonesien und der Zustand der dortigen Wälder ist wirklich miserabel.

Die Welt retten mit elektronischen Büchern?

Im Gegensatz zum klassischen Buch scheinen elektronische Bücher ohne Papier, Tinte und Transportweg ganz umweltschonend zu sein. Allerdings muss man die ja auch auf irgendeinem Gerät lesen. Wer viel liest, kauft sich dafür am besten einen E-Reader.

Die werden allerdings genau da problematisch, wo Smartphones es auch sind: bei den Mineralien, die für ihre Herstellung benötigt werden. Und die werden oft unter Bedingungen abgebaut, die für Mensch wie Natur eine einzige Katastrophe sind. Außerdem werden natürlich auch für die Herstellung von Readern große Mengen Wasser gebraucht, sie müssen mit hohem Energieaufwand hergestellt werden und verbrauchen auf ihrem Weg in den Laden noch mehr Energie. Im Gegensatz zum Buch brauchen sie auch bei der Benutzung Energie. Zumindest bei E-Ink-Readern aber nur sehr wenig. Dafür ist dann der Erwerb neuer Bücher ressourcenschonend. Natürlich braucht man auch für die elektronische Übermittlung Energie, aber es ist sehr wenig im Vergleich zu einem herkömmlichen Versandweg und, in Abhängigkeit vom gewählten Transportmittel, auch im Vergleich zum Weg in die Buchhandlung.

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Print vs. Elektro – können elektronische Geräte ökologischer sein als Papier? (Bild: Gerd Altmann/Pixabay)

Ulrike Wilke hat in ihrer sehr interessanten Arbeit „Grüner Lesen“ einen aufschlussreichen und genauen Vergleich aufgestellt. Während bei Gelegenheitsleser_innen (bis 10 Bücher/Jahr) das Buch die beste Öko-Bilanz hat, ändern sich die Verhältnisse mit zunehmender Buchzahl pro Jahr. Wer 50 Bücher pro Jahr liest, liest nach ihrer Berechnung am „grünsten“ mit dem E-Reader. Und das schon bei einer angenommenen Nutzungsdauer des Readers von drei Jahren, also insgesamt 150 Büchern, wenn dadurch konsequent gedruckte Bücher ersetzt werden. Tablets lohnen sich schneller als E-Reader, allerdings nur, wenn man davon ausgeht, dass das Tablet auch für andere Sachen genutzt wird und die Nutzung als Lesegerät nur einen Teil ausmacht.

Aber ich möchte die Verlage doch unterstützen!

Ich weiß, ich weiß. Für mich ist das eine ziemliche Zwickmühle. Ich kann hier niemandem raten, keine neuen Bücher mehr zu kaufen. Ich mag den Buchhandel und ich mag die Verlage und ich finde, dass sie Geld bekommen sollen. Besonders die kleinen mit den coolen Programmen. Und die Autor_innen, die das alles schreiben, die sollen auch Geld kriegen. Gerne auch mein Geld, ich bin da nicht so. Dennoch widerstrebt es mir, mir eine dicke Büchertapete an die Wand zu klatschen, wenn man mit dem, was da steht, Sinnvolleres machen könnte. Ohne Mari Kondo-mäßigen Verzicht predigen zu wollen – ich muss hier keine Privatbibliothek im Wohnzimmer stehen haben. Platz dafür hätte ich ohnehin nicht.

Obwohl ich seit Anfang des Jahres endlich einen Ausweis für die Stadtbücherei habe und außerdem viele Bücher gebraucht kaufe, ist bisher jedes vierte Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, neu. Entweder neu gekauft oder neu geschenkt bekommen. Bücher, die ich verschenke, kaufe ich auch neu. Und bei Sachen wie Reise- oder Wanderführern möchte ich auch gerne die neuste Ausgabe haben und die sehen hinterher auch noch aus wie Sau. Damit kann man dann niemand mehr glücklich machen.

Allerdings sind die Verlage eben auch in der Pflicht, ihre Produktionsschritte zu hinterfragen. Ein erster Schritt ist sicher, dass viele Verlage ihre Bücher nicht mehr einschweißen wollen. Aus meiner Buchhandelserfahrung kann ich sagen, dass diese Entscheidung sicher nicht bei allen Kund_innen gut ankommen wird. Cool, wenn das trotzdem durchgezogen wird. Ebenso könnte es sicher nicht schaden, wenn das ein oder andere Verlagshaus sich bei Gelegenheit mal Gedanken über die Herkunft seiner Rohstoffe machen würde. Einige Verlage, wie beispielsweise der oekom Verlag, zeigen, dass das durchaus machbar ist.

Wie seht ihr das? Versucht ihr, Bücher gebraucht zu kaufen oder sie weiterzugeben? Oder zieht es euch doch immer wieder in Buchhandlung?

Der Tod eines widersprüchlichen Märtyrers – „Ein Mensch brennt“ von Nicol Ljubić

Im Sommer 1975 steht Hartmut Gründler vor der Tür der in Tübingen lebenden Familie Kelsterberg. Er interessiert sich für die günstige Wohnung, die von der Familie im Untergeschoss des Hauses vermietet wird. Zwei Jahre später zündet er sich aus Protest gegen die Nutzung von Atomenergie an und stirbt an seinen schweren Verletzungen. In den beiden Jahren die dazwischen liegen, stellt er das Leben der Kelsterbergs völlig auf den Kopf. Knappe vierzig Jahre später entscheidet sich Hanno, der Sohn der Familie, die Geschichte zu erzählen.

„das Problem mit diesem Hartmut ist ganz banal: Keiner kennt ihn.“

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